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Note 6 für Lockdowns

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Heute gibt es in Hessen Halbjahreszeugnisse. Nicht für jeden Schüler Grund zur Freude, denn bei manchem hat die Corona-Pandemie zu Leistungsabfall geführt. © Guido Kirchner/dpa

Die Pandemie stellt auch in Gießen eine große Belastung für Schüler dar. Das schlägt sich zum Teil in den heute verteilten Halbjahreszeugnissen nieder, wie Schulleiter und Experten beobachtet haben.

Gießen. Heute werden an hessischen Schulen die Halbjahreszeugnisse ausgegeben. Leider nicht für jeden Schüler ein Grund zur Freude. Denn wie sich bereits in anderen Bundesländern gezeigt hat, ist die Corona-Pandemie gerade für Kinder und Jugendliche eine große Belastung und nicht ohne Auswirkung auf die Noten geblieben.

Veränderter Schulbetrieb, Bewegungsmangel und fehlende soziale Kontakte sind gewaltige Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Während einigen Schülern die vielen Restriktionen nichts ausmachen, haben andere stark damit zu kämpfen.

»Die Schüler und Schülerinnen reagieren unterschiedlich auf Belastung. Insgesamt hat aber die Leistungsbereitschaft im Laufe der Pandemie abgenommen«, hat Dr. Claudia Schöne, Akademische Oberrätin an der Abteilung Pädagogische Psychologie der Justus-Liebig-Universität, beobachtet. Obwohl die Datenlage zur Motivation noch recht dünn sei, stehe fest, dass sich die Schere zwischen guten und schlechteren Schüler(innen) vergrößert habe.

Auch die psychologischen Grundbedürfnisse der Mädchen und Jungen seien durch die Pandemie in Mitleidenschaft gezogen worden. Hierunter falle neben dem Autonomiebedürfnis und der Möglichkeit, Kompetenz zu erleben, auch der Verlust sozialer Zugehörigkeit. »Es fehlt das Gefühl sozialer Eingebundenheit, von anderen Menschen anerkannt zu werden.« Nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit würden die Schüler starke Restriktionen erleben. All dies führe bei vielen unweigerlich zu Motivationsproblemen.

An dieser Stelle sei eine Autonomie-unterstützende Haltung wichtig. »Die Schüler und Schülerinnen sollten die Gelegenheit erhalten, sich im Unterricht als selbstbestimmt und akzeptiert zu erleben und Erfolge verzeichnen.« Auch Gruppenarbeiten würden die soziale Zugehörigkeit fördern. Obwohl ein deutlicher Lernrückstand bestehe, dürfe den Schülern auf keinen Fall der Eindruck vermittelt werden, dass es nur ums Nachholen gehe. Genauso wenig dürfe der Leistungsdruck erhöht werden. »Auch viele Lehrkräfte sind durch Corona hochbelastet und brauchen eigentlich eine Unterstützung«, unterstreicht Claudia Schöne. Hier gelte es, vermehrt Angebote, wie beispielsweise eine Hotline oder Fortbildungen, zu schaffen.

»Aktive Lernzeit«

»Mangelnder Kontakt zu Lehrkräften und Mitschülern wirkt sich auch auf die Leistung aus, da weniger Möglichkeiten für Feedback und zum Austausch von Wissen bestehen«, bestätigt auch ihre Kollegin Dr. Vanessa A. Völlinger. Vor allem im Grundschulbereich seien auf internationaler Ebene erhebliche Leistungseinbußen zu verzeichnen, so die Akademische Rätin in der Pädagogischen Psychologie. Die meisten der vorliegenden Studien würden sich zwar noch auf die Auswirkungen des ersten Lockdowns beziehen, doch Einschränkungen bestünden ja noch weiter. So nehme beispielsweise das Testen, oder auch eventuelle Quarantäne, einen erheblichen Teil der Unterrichtszeit in Anspruch. »Aber aktive Lernzeit ist in Untersuchungen zur Unterrichtsqualität eine zentrale Größe«, betont sie.

Der familiäre Hintergrund hat großen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern. »Mädchen und Jungen, die zuhause keine Unterstützung erfahren können, leiden stärker. Die Pandemie hat die sozio-ökonomische Bildungsungleichheit verstärkt«, unterstreicht Völlinger. Eine Untersuchung aus den Niederlanden habe ergeben, dass der Leistungsrückstand nach acht Wochen Schullockdown im Schnitt ein Fünftel eines Schuljahres beträgt. Bei schwierigen familiären Verhältnissen sei dieser sogar nochmals 60 Prozent höher. Auch auf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf wirke sich Corona besonders negativ aus, weil individuelle Unterstützungen fehlten.

Aktuell gelte es, sich die Frage zu stellen: Wie können wir Schüler und Lehrkräfte unterstützen? Völlinger lobt Initiativen zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen wie »Löwenstark« - ein Förderprogramm der hessischen Landesregierung, das vor allem für Schüler mit zusätzlichen Bedarfen gedacht ist. Sie weist jedoch einschränkend darauf hin, dass Schulen auch Beratung und Unterstützung brauchen, um im Rahmen solcher Programme systematisch nachweislich wirksame Förderungen umzusetzen und zu evaluieren, ohne weiter belastet zu werden.

Sowohl Völlinger als auch Kollegin Schöne sprechen sich für Motivations- und Lernstandserhebungen aus. »Kompetenzfeststellungen sind trotz allem wichtig«, so Schöne. Oftmals falle es Eltern schwerer, mit schlechten Noten umzugehen, als den Kindern selbst.

»Für uns stellt es eine große Herausforderung dar, die durch die Lockdowns entstandenen Lücken wieder aufzuarbeiten. Aber bislang ist uns dies gut gelungen«, erklärt Jennifer Stöhr (Goetheschule). Die Zeugnisse der Kinder seien im Durchschnitt nicht schlechter geworden. Nur bei einigen würden Verschlechterungen ins Auge fallen. »Bei uns bekommen erst Kinder ab der dritten Klasse ein Halbjahreszeugnis.«

Durch das Programm »Löwenstark« habe man sowohl zusätzliches Personal als auch Fördermaßnahmen und -materialien finanzieren können. Darüber hinaus habe man bereits vor der Pandemie über eigene Förderkonzepte verfügt, die nun angepasst werden. »Für die Kinder ist die Pandemie schon ein stückweit zum Alltag geworden«, berichtet Stöhr. »Sie hinterfragen nichts, einigen machen die Tests sogar Spaß. Uns rauben die Tests jedoch wertvolle Unterrichtszeit.«

»Positiv überrascht«

»Bei den Halbjahreskonferenzen waren wir positiv überrascht, dass es in der Masse keine wahrnehmbaren Verschlechterungen gegeben hat«, betont auch Stefan Tross, Direktor der Herderschule. Nur einzelne Schüler, deren Noten auch zuvor schon nicht so gut gewesen seien, hätten sich nochmals verschlechtert.

Auffällig sei allerdings, dass aktuell auch in der Oberstufe - gerade in der zwölften Klasse - Förderbedarf besteht. Dies könnte den Corona-angepassten Versetzungsbestimmungen der letzten beiden Jahre geschuldet sein, vermutet Tross. Hier sucht man Gespräche mit Schülern und Eltern, um eine für alle optimale Lösung zu finden: »Jeder Schüler, jede Schülerin muss individuell betrachtet werden.«

»Fehlender Unterrichtsstoff lässt sich bis zum Abitur kompensieren«, ist er sich sicher. Schwieriger sei es hingegen, etwas gegen mangelnden Antrieb zu tun. Aktuell gebe es vermehrt Kinder mit psychischen Problemen, um die man sich kümmern müsse. Wichtig sei, dass die Schulen so lange wie möglich geöffnet bleiben.

Während der Lockdowns seien einige Kinder beinahe abgetaucht. Für andere hingegen sei das Distanzformat genau richtig gewesen. »Es hat eine ganz schöne Umstellung bedeutet, wieder in die Schule zu gehen. Um die Mädchen und Jungen langsam wieder an das Arbeiten schreiben heranzuführen, haben wir bereits im Wechselunterricht wieder damit begonnen.« Aktuell bietet die Herderschule ein »Klausur-Training« an. »Wir hatten ein normales Schulhalbjahr, wenn auch mit Einschränkungen«, fasst Tross zusammen. Darum sieht er auch keinen Grund, keine Noten zu vergeben. »Noten sind wichtig, damit die Schülerinnen und Schüler wissen, wo sie stehen.«

»In meiner Jahrgangsstufe sind nur wenige Schüler(innen) mit ihrem Zeugnis unzufrieden«, erklärt Stadtschulsprecher Paul-Henry Bartz. Gerade für ruhigere Mädchen und Jungen sei der Unterricht im Wechselmodus eine große Chance gewesen, sich mehr einzubringen. Trotz der normalen Unterrichtsbedingungen im vergangenen Halbjahr wären deren Leistungen weiterhin gut geblieben. Die Schwierigkeiten in Problemfächern hätten sich hingegen bei einigen Schüler(innen) verschlimmert. »Gerade da ist während der Lockdowns viel auf der Strecke geblieben. Die Lehrer geben sich aber große Mühe, dies zu kompensieren.«

Der Einstieg in den normalen Unterricht, vor allem das Schreiben von Klausuren, sei am Anfang schwierig gewesen. Mittlerweile laufe aber alles wieder im Normalbetrieb, mit Ausnahme des Maskentragens und der Tests. Bartz, der die Gesamtschule Gießen-Ost besucht und im Sommer sein Abitur schreiben wird, fühlt sich gut vorbereitet: »In unseren Leistungskursen haben wir bereits Vorklausuren geschrieben, in denen wir 20 Minuten mehr Zeit hatten, um eine Maskenpause machen zu können.« Dennoch hofft der Schüler, dass die Abschlussarbeiten ohne Maske geschrieben werden können. Foto: privat

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Vanessa Völlinger © Petra A. Zielinski

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