1. Startseite
  2. Stadt Gießen

NS-Gleichsetzungen bei Pandemie-Protesten verurteilt

Erstellt:

In einer Erklärung hat die Lagergemeinschaft Auschwitz Gleichsetzungen zwischen der gegenwärtigen Pandemie-Politik und der nationalsozialistischen Terrorherrschaft scharf kritisiert.

Gießen (red). In einer Erklärung aus Anlass des 80. Jahrestags der sogenannten »Wannsee-Konferenz« und heutigen Holocaust-Gedenktages hat sich die Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer e.V. (LGA) um ihren Vorsitzenden Gerhard Merz scharf gegen Gleichsetzungen zwischen der gegenwärtigen Pandemie-Politik von Bund, Ländern und Kommunen einerseits und der nationalsozialistischen Terrorherrschaft andererseits gewandt.

»Widerwärtig und unerträglich«

»Die Gleichsetzungen der Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-Pandemie mit dem nationalsozialistischen Gewaltregime, insbesondere aber mit dem Holocaust, sind widerwärtig und unerträglich«, heißt es in einer Pressemitteilung des LGA-Vorstandes. »Es mag berechtigte Einwände gegen diese Maßnahmen in ihrer Gesamtheit oder gegen einzelne Maßnahmen geben, es gibt aber keinerlei Rechtfertigung für solche Gleichsetzungen. Die einzelnen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger zum Schutze der Gesundheit Einzelner und der Gesellschaft insgesamt, insbesondere aber vulnerabler Gruppen sind unangenehm und gewiss auch in vielen Fällen eine Belastung, sie können aber unter keinen Umständen in eine Reihe gestellt werden mit der vollständigen Abschaffung aller rechtsstaatlichen und demokratischen Schutz- und Freiheitsrechte durch das NS-Regime«, heißt es in der Erklärung.

Solche Schmähungen von vorübergehenden präventiven Maßnahmen, die auf demokratische Art und Weise auf gesetzlicher Grundlage zustande gekommen seien, stellten eine nicht hinnehmbare Verunglimpfung des demokratischen Rechtsstaates und eine bizarre Verharmlosung des NS-Terrors dar. »Dass manche der Protestierer und ›Spaziergänger‹ vor diesem Hintergrund glauben, sich in die Tradition des Widerstandes gegen die Nazis zu stellen, macht die Sache nur noch schlimmer.«

Noch unerträglicher seien allerdings die Gleichsetzungen der Pandemie-Maßnahmen mit den antisemitischen Diskriminierungs- und Ausgrenzungsmaßnahmen und der nationalsozialistischen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im Zuge der Shoah.

Seite an Seite mit Rechtsextremen

»Wer allen Ernstes Seite an Seite mit Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Rechtsextremisten aller Couleur solche Parolen verbreitet, wer den Impfnachweis mit dem ›Judenstern‹ gleichsetzt, wer medizinisch gebotene Maßnahmen wie das Impfen mit den ungeheuerlichen Menschenversuchen eines Dr. Mengele vergleicht, wer insgesamt die ›Impfgegner‹ und ›Corona-Skeptiker‹ als die ›neuen Juden‹ betrachtet, der hat jeden Anspruch auf rationale Auseinandersetzung aufgegeben.«

»Vor 80 Jahren trafen sich in einer Villa am Wannsee hochrangige Funktionäre des NS-Regimes. Ziel der Veranstaltung unter der Führung des Leiters des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich war es, die Mitwirkung aller staatlichen und Partei- und SS-Gliederungen an der längst beschlossenen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden sicherzustellen. Das gesamte Handeln des so in Gang gesetzten Apparates war auf diese Vernichtungspolitik ausgerichtet. Die industriell betriebene Vernichtung durch Vergasung in eigens dafür geschaffenen Anlagen wie denen von Belzec, Treblinka, Sobibor und Auschwitz wurde als wesentlicher Fortschritt in diesem Prozess dargestellt. Am Ende stand die Ermordung von sechs Millionen jüdischer Menschen - Männer, Frauen und Kinder - sowie ungezählter anderer, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, davon allein circa 1,5 Millionen in Auschwitz. Als Auschwitz schließlich am 27. Januar 1945 von den Truppen der Roten Armee erreicht wurde, waren nur noch wenige Tausend Lagerinsassen übrig geblieben, von denen viele noch nach der Befreiung an den Folgen der Lagerhaft starben. Zehntausende wurden zudem von den SS-Schergen auf dem berüchtigten ›Todesmarsch‹ vor den vorrückenden sowjetischen Truppen ›evakuiert‹, von ihnen kam die weit überwiegende Mehrheit elend ums Leben.«

»Anspruch auf Respekt verloren«

»Wer angesichts dieser Tatsachen die Pandemiebekämpfungsmaßnahmen allen Ernstes mit diesem Abgrund an Menschenverachtung gleichsetzt, hat jeden Anspruch auf Respekt verloren. Es wird höchste Zeit, dass die Strafverfolgungsbehörden konsequent gegen solche Relativierungen und Leugnungen der NS-Terrorherrschaft und -Vernichtungspolitik vorgehen. Gleichzeitig fordern wir alle anständigen und demokratisch gesinnten Menschen im Land auf, sich diesen Relativierern, Geschichtsfälschern und Demokratieverächtern auch im Namen der Millionen Opfer der Nazis entgegenzustellen.«

Auch interessant