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»Nur die Spitze des Eisbergs«

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Die Angeklagten und ihre Anwälte bei der Urteilsverkündung im Landgericht Gießen. Foto: Czernek © Czernek

Im zweiten Prozess um »Chemical Revolution« sind nach 25 Verhandlungstagen am Gießener Landgericht die Urteile gefällt worden.

Gießen (bcz). Der zweite Prozess um den illegalen Drogen-Verkaufsstore »Chemical Revolution« ist am Montag nach 25 Prozesstagen zu Ende gegangen. Fünf Angeklagte mussten sich wegen Drogenhandels in nicht geringer Menge vor der neunten Strafkammer des Landgerichts Gießen verantworten. »Das ist nur die Spitze des Eisbergs«, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Klaus Bergmann. Mit diesem Urteil ging ein jahrelanges Verfahren zu Ende, das in zwei Prozesse aufgeteilt wurde.

Am Montag fielen die Urteile in dem zweiten Gerichtsverfahren: Der Hauptangeklagte, ein Niederländer mit türkischen Wurzeln, muss für sieben Jahre ins Gefängnis. Die weiteren Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen zwischen drei Jahren und fünf Monaten und einem Jahr und sechs Monaten. Zugunsten der Angeklagten entschied das Gericht, dass sich die Verurteilung nur auf die Testverkäufe der Ermittlungsbeamten stützen konnte. Von dem Verdacht der bandenmäßigen Kriminalität wurden sie ebenfalls freigesprochen, da sich diese Vorwürfe nicht hinreichend belegen ließen. Zudem wurden Vermögenswerte in Höhe der erzielten Gewinne aus dem Drogenhandel eingezogen. Als strafmildernd wurden die Geständnisse gewertet.

Nachdem der erste illegale Shop aufgeflogen war, machte die neue Plattform »Chemical Revolution 2.0« nach wenigen Tagen genau da weiter, wo die erste aufgehört hatte. Das Geschäftsmodell war ebenso simpel wie illegal: Im Darknet konnte man sich die gewünschten Drogen wie Marihuana, Amphetamine, Heroin, LSD und sonstiges an Drogen und Rauschmitteln ordern. Gezahlt wurde mit Bitcoins, geliefert wurde per normalem Lieferdienst. »Der Shop war aufgebaut wie ein normaler Internet-Online-Shop mit Sonderaktionen, Rabatten und Lieferbedingungen«, sagte Bergmann bei seiner Urteilsbegründung.

Der Hauptangeklagte, der auch schon im ersten Verfahren auf der Anklagebank saß, hat die Reaktivierung des Drogenhandels gesteuert. Dazu habe er zu einem bis dato unbekannten Administrator Kontakt aufgenommen und das Geschäft mit den Drogen aus den Niederlanden reaktiviert.

Die weiteren Angeklagten stellten entweder die Räumlichkeiten für den Versandhandel zur Verfügung oder verpackten und versandten die Ware. Einer der Angeklagten bedankte sich bei dem Gericht für das faire Verfahren und versprach, dass er daraus gelernt habe und dass er das nie wieder tun werde. Im Laufe des Verfahrens hatte er sich nicht nur sehr reumütig gezeigt, sondern auch eine Palette von Resozialisierungsmaßnahmen für sich selbst vorgetragen. Ein Umstand, den der Richter so noch nie erlebt habe, wie er in seiner Urteilsbegründung ausdrücklich festhielt.

Gesteuert und organisiert wurde alles von Hamburg aus, so dass sämtliche Angeklagten mit ihren Anwälten immer von dort aus anreisen mussten. »Wir haben alles versucht, dass dieser Fall in Hamburg auch verhandelt werden würde«, sagte der Vorsitzende Richter dazu, nur hatte die Bundesstaatsanwaltschaft es so entschieden, dass beide Prozesse hier in Gießen verhandelt werden mussten. Gab es bei dem ersten Prozess noch einen Bezug in die Wetterau, denn dort gab es ein Drogenzwischenlager, so war das bei dem zweiten Prozess nicht mehr der Fall.

Es waren zwei Prozesse, die sich um den illegalen Internet-Drogen-Shop mit Namen »Chemical Revolution« drehten. Insgesamt mussten sich elf Angeklagte wegen Drogenhandels im großen Stil verantworten. Sie wurden teilweise zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die sieben Angeklagten des ersten Prozesses hatten »Chemical Revolution« ins Leben gerufen und zwischen Herbst 2017 und Mitte 2018 Unmengen an Drogen wie Marihuana, Heroin, Kokain, Ecstasy und Amphetamin über das Darknet verkauft.

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