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»Ohne Gas wird es nicht gehen«

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Jürgen Janek © Felix Leyendecker

Die IHK Gießen-Friedberg diskutiert über die Energieversorgung der Zukunft und hatte sich dazu als Referenten Prof. Jürgen Janek von der JLU eingeladen.

Gießen. Die hohen Kraftstoffpreise oder die immer weiter steigenden Energiekosten - der Krieg in der Ukraine hat die deutsche Versorgungsabhängigkeit deutlich gezeigt. Dem ist sich auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Gießen-Friedberg bewusst. Der Vortrag »Energiepolitik von morgen« zeigte auf, welche Weichen noch gestellt werden müssen, um die Transformation bewerkstelligen zu können.

Moderator Carsten Jens machte dies eingangs deutlich: »Die Energiepolitik ist das innenpolitische Thema dieser Tage. Ist die Energie, die wir bekommen, politisch genehm? Die Industrie hat eine sichere Energieversorgung nötig«, argumentierte Jens. Der Präsident der IHK Gießen-Friedberg, Rainer Schwarz, sah dies ähnlich. »Die jüngsten politischen Ereignisse haben jedoch deutlich gemacht, dass eine Abkehr auch vom Gas noch dringlicher geworden ist. Umso mehr müssen wir den Fokus auf die Speicherung richten.«

Referent Prof. Jürgen Janek von der Justus-Liebig-Universität (JLU) beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit dem Thema Batterietechnologie. Janek ist Leiter der Arbeitsgruppe Physikalische Festkörper- chemie, Festkörperionik und Elektrochemie am Physikalisch-Chemischen Institut. Der Chemiker betonte, er sei kein Ökonom, doch seine Forschungsarbeiten müssten eben auch in der praktischen Anwendung betrachtet werden.

Zu Beginn prognostizierte Janek: »Wir werden noch sehr lange Lithium-Ionen-Batterien sehen.« Der Forscher erklärte: »Batterien, das sind wiederaufladbare Energiespeicher aus einzelnen elektrochemischen Zellen. Es wird nichts entwickelt, was nicht recycelbar ist und Batterien sind sicher und einfach in ein Netz integrierbar«, betonte Janek. Notwendig dafür seien jedoch umfangreiche stoffliche Ressourcen. Als Beispiel führte der Chemiker an, was geschehen würde, wenn die Bundesrepublik über Nacht ihre gesamte Fahrzeugflotte, die im Land registriert ist, elektrifizieren würde. »Wir hätten einen Gesamtbedarf an Batterien mit einer Kapazität von 3800 Gigawattstunden. Die Giga-Factory von Tesla in Brandenburg produziert 20 Gigawattstunden.« Für diesen technologischen Umbruch wäre, so Janek, eine Investition von 350 Milliarden Euro nötig.

Eine ähnliche Situation zeige sich beim Thema Rohstoffbedarf. »Es bräuchte 15,2 Millionen Tonnen Chemie für diese Batterien. Wir produzieren Rohstahl und Zement etwa in der Größenordnung von 35 Millionen Tonnen pro Jahr«, führte der Chemiker aus. Probleme im Aufbau seien derzeit noch vorhanden. 70 Prozent der Zellproduktion findet derzeit in China statt, ein Umbau für die heimische Industrie bedarf massiver Ressourcen. »Der Bedarf an Ressourcen für die Batterien kann noch nicht gedeckt werden. Es gibt starke Kostenschwankungen und der Markt fährt derzeit erst noch hoch.«

Wie aber funktioniert das Prinzip? An diesem Punkt wurde Janek zum Wissenschaftler und erläuterte vollumfänglich die Stärken und Schwächen von einer Lithium-Ionen-Batterie. In Kurzform: Für die Umsetzung gäbe es derzeit zwei Möglichkeiten: Auf der einen Seite stünde die Nickel-Cadmium-Zelle, kurz NCA, welche auch Tesla verwende. Dieser zeichnet sich durch eine hohe Energiedichte aus, die jedoch aufwendig gekühlt werden muss. Die Batterie ist für hohe Geschwindigkeiten und eine hohe Reichweite ausgelegt und hat einen guten Tieftemperaturbetrieb. Dem gegenüber steht die Lithium-Eisenphosphat-Zelle, kurz LFP, die eine geringere Energiedichte hat und sowohl kostengünstiger als auch unkritischer in Bezug auf Ressourcen ist. Eine längere Lebensdauer ist dem LFP ebenfalls vergönnt und die Kühlung ist einfacher. Nachteil hierbei ist, dass die mögliche Speicherkapazität geringer ist als bei der NCA-Zelle. Weitere Möglichkeiten wie etwa eine Natrium-Ionen-Batterie seien derzeit die zukunftsträchtigsten Kombinationen. »Die Lithium-Ionen-Batterie und die Natrium-Ionen-Batterie - das sind beides sichere Wetten«, sagte Janek.

Dr. Constantin Alsheimer, Vorstandsvorsitzende der Mainova AG Frankfurt, berichtete, dass die Energiewende sich im Wärmemarkt abspiele. »Unser Wärmenetz ist mit vier Gigawatt viermal so groß wie unser Stromnetz in Frankfurt. Eine Umstellung auf elektrische Möglichkeiten, das kostet viel Geld und viel grüne Energie«, meinte Alsheimer. Schon die Erweiterung des Hochspannungsnetzes um ein halbes Gigawatt koste rund 750 Millionen Euro. »Energiewende kostet Geld. Wir brauchen aber unbedingt Speicher, um die Energie auch zu speichern«, sagte Alsheimer. Der Ukrainekrieg habe die Probleme wie in einem Brennglas beleuchtet und die damit verbundenen Herausforderungen sehe er auch im alltäglichen Geschäft. »Die mögliche Abschaltung von Gas ist ein großes Problem. Der Gasmarkt ist der größte Markt der Welt. Ich wäre vorsichtig damit, die Gasnetzwerke zurückzubauen.« Alsheimer befürwortet den Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Verwendung von Wasserstoff, betonte aber gleichzeitig, »dass es ohne Gase nicht gehen wird«.

Foto: Leyendecker

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