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»Ohnmacht hielt nicht lange an«

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Beim Thema Waffenlieferungen wurden auf der Kundgebung teils auch ablehnende Stimmen laut. © Docter

Etwa 650 Teilnehmer bekräftigten am Dienstagabend auf dem Gießener Rathausvorplatz ihre Solidarität mit der Ukraine beim Kampf gegen die russischen Truppen. Zudem gab es Lob für die Hilfswelle.

Gießen . Dass auf dem Rathausvorplatz mal lautstark bejubelt würde, dass Deutschland schwere Waffen in ein Land liefert, in dem ein erbitterter Krieg tobt, dürfte bis zum 24. Februar wohl nahezu unvorstellbar gewesen sein. Doch auch das hat der Einmarsch Russlands in der Ukraine grundlegend geändert, wie am frühen Dienstagabend zu sehen und zu hören war. Etwa 650 Menschen nahmen an der Kundgebung unter dem Motto »Kein Krieg« teil, schätzte die Polizei. Aufgerufen dazu hatten die Ausländerbeiräte von Stadt und Kreis, DGB, »Omas gegen Rechts«, Jusos und Grüne Jugend.

Von den Rednern wurde immer wieder die Solidarität mit der Ukraine und seiner unter den russischen Bomben leidenden Bevölkerung betont. Wie auch Putin als eigentlich Schuldiger an dieser verhängnisvollen Entwicklung benannt und für weitere Spenden geworben. Einer »Gruppe aus Russland und Ukraine«, wie sie sich selbst vorstellte, schienen all diese Worte aber offenbar nicht auszureichen. Mehrfach unterbrachen sie die Vortragenden mit Zwischenrufen und bekamen dann auch kurz Gelegenheit, selbst ans Mikrofon zu treten. »Wir brauchen Taten«, forderte einer aus der Gruppe, während einer seiner Kollegen zwischenzeitliche Kritik an Waffenlieferungen konterte, dass diese unbedingt nötig seien, »damit sich die Menschen einfach nur verteidigen können«.

Das von den angsterzeugenden Bildern im Fernsehen ausgelöste Gefühl der Ohnmacht habe in Gießen »nicht lange angehalten«, machte Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher deutlich. Sofort seien Initiativen ins Leben gerufen worden, um Hilfsmittel in die Krisenregion zu liefern oder Unterkünfte für Flüchtige anzubieten. »Jeden Tag erreichen mich neue Hilfsangebote von Vereinen und Einrichtungen«, so Becher. Daher zeigte sich die stellvertretende Vorsitzende des städtischen Ausländerbeirats, Eden Tesfaghioghis, »stolz auf unsere Willkommenskultur«. Wie sie lobte auch der Vorsitzende des Kreisausländerbeirats, Tim van Slobbe, »die tolle Aufnahmebereitschaft«. Diese sollte jedoch ebenso für jene gelten, die aus anderen Staaten stammen, aber weiter »an der polnischen Grenze abgewiesen werden«, forderte van Slobbe. Aus Sicht von Gerlinde Bauer von den »Omas gegen Rechts« müsse »die EU das Recht auf Asyl unterstützen, egal woher die Menschen kommen«.

DGB-Kreisvorsitzender Klaus Zecher brachte auf den Punkt, was sich derzeit wohl die meisten für die Ukraine wünschen: »einen sofortigen Waffenstillstand und den Stopp der kriegerischen Handlungen«. Der Politik warf er »Versagen« vor, zumal es diese »nicht geschafft hat, diesen Krieg zu vermeiden«. Dennoch sei die Diplomatie weiter gefordert, betonte Zecher.

Frank-Tilo Becher appellierte an Putin, Verhandlungen seien »das Gebot der Stunde, auch zum Wohle des russischen Volkes«. Dass dieses nun ebenfalls wegen der weitreichenden Sanktionen leide, »hat Putin ausgelöst. Er ist der Aggressor«, verdeutlichte der Oberbürgermeister. Laut Tim van Slobbe »wollen auch die Menschen in Russland in Frieden leben, wie die mutigen Demonstranten zeigen«. Daher müssten beide Seiten »zurück an den Verhandlungstisch, denn: Krieg ist keine Lösung«.

Dorothea von Ritter-Röhr von den »Omas gegen Rechts« wertete die Entscheidung zu deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine dagegen als »kriegspolitisches, und nicht friedenspolitsches, Vorgehen der neuen Bundesregierung«, womit sie einige Missfallenskundgebungen erntete. »Ohne Waffen gäbe es die Ukraine nicht mehr«, rief spontan ein Mann aus der Menge.

Ergreifend waren die Schilderungen eines jungen Ukrainers, der von seinen gleichaltrigen »Kumpels« berichtete, die nun im Kampf gegen die russischen Truppen jeden Tag ihr Leben riskieren. Seine ebenfalls dort verbliebene Mutter habe beim bislang letzten Telefonat zu ihm gesagt: »Vielleicht sehen wir uns nie wieder«. Als er diese Worte aussprach, wurde es auf dem Rathausvorplatz für einen Sekundenbruchteil totenstill.

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