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Opfer der Nazis gedenken

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Das Eingangstor in Dachau mit der die Opfer verhöhnenden Inschrift »Arbeit macht frei«. © Sven Hoppe/dpa

Die Zeugen Jehovas werden auch in Gießen Opfer der Nazis. Wilhelm Hassler überlebt die Inhaftierung in Konzentrationslagern.

Gießen. 27. Januar 1945. Weit über eine Millionen Menschen haben die Nazis allein in Auschwitz ermordet, als sowjetische Soldaten das Vernichtungslager erreichen und befreien. Das Datum ist seit 1996 auch in Deutschland »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus«. Eine Opfergruppe, die »dabei gesellschaftlich weniger präsent ist und auch im Unterrichtsmaterial der Schulen selten thematisiert wird, sind Jehovas Zeugen. Unter den rund 13 400 Opfern, die die Religionsgemeinschaft historisch aufgearbeitet hat, befand sich auch der Gießener Wilhelm Hassler«, erinnert die heimische Ge,meinde in einer Mitteilung.

Lila Winkel

Herbst 1936. Hassler ist an seinem Arbeitsplatz. Die Gestapo taucht auf. »Als man ihn aufforderte, seine Werkzeugkiste zu öffnen, wurde ihm klar, dass er verraten wurde. In besagter Kiste versteckte er nämlich die verbotenen Schriften von Jehovas Zeugen, die er mitunter an seine Arbeitskollegen weitergab«, heißt es in der Pressemitteilung der Gemeinde. Im 85 Band der »Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen aus dem Jahr 2000 kommt auch Wolfgang Form auf Hassler zu sprechen. In seinem Aufsatz »Politische Justiz in Gießen und Umgebung in der NS-Zeit« berichtet er: »Hassler befand sich vom 28. Dezember an im Gerichtsgefängnis Gießen in Untersuchungshaft. Ihm wurde vorgeworfen, er habe im Jahr 1936 Zeitschriften der verbotenen Internationalen Bibelforschervereinigung bezogen und weitergegeben.« Die Gießener Gemeinde führt weiterhin aus, dass der Ehemann und Familienvater vor Gericht zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde und die Haftstrafe in Preungesheim bei Frankfurt verbüßte. »Anschließend wurde er ins Konzentrationslager Dachau überführt. Dort erhielt er zusammen mit seiner Häftlingskleidung etwas, das ihn sowie alle Zeugen Jehovas als Häftlinge fortan kennzeichnen sollte: den lila Winkel. Später wurde er weiter in das KZ Mauthausen in Österreich deportiert«, erinnern die Zeugen Jehovas Gießen. Dort sei der bis zur Befreiung des Lagers im Mai 1945 inhaftiert gewesen, ergänzt Form. Und: »Dieser Fall zeigt sehr deutlich, wie die Justiz und die Polizei zusammengearbeitet haben. Erst erfolgte die gerichtliche Verfolgung, die dem NS-Regime allerdings nicht ausreichte. Nachdem die Justiz keine Handhabe mehr für einen weiteren Freiheitsentzug besaß, zog die Polizei den Würgegriff zu. Fast acht Jahre musste Hassler im KZ bleiben.«.

Und der Fall verdeutlicht exemplarisch die Bedrohung, der die Zeugen Jehovas im nationalsozialistischen Deutschland ausgesetzt waren. Die heimische Gemeinde verweist darauf, dass die Religionsgemeinschaft kurz nach der Machtergreifung Hitlers 1933 ins Visier der Gestapo geriet. »Da der Nationalsozialismus und der geforderte Kriegsdienst ihrer Ansicht nach nicht mit ihrem christlichen Gewissen vereinbar waren, wurden Jehovas Zeugen bereits am 15. Mai 1933 verboten und alle Mitglieder galten für die Gestapo daraufhin als vogelfrei«, ist in der Mitteilung nachzulesen.

Zurück nach Gießen

Hassler habe sich dennoch im Untergrund der Gemeinschaft angeschlossen und heimlich ihre Schriften verteilt. Sie hätten die Machenschaften Hitlers und seines Gefolges vom christlichen Standpunkt aus klar verurteilt. »Darüber hinaus lehnte die komplette Familie den Hitlergruß ab«, so die heimische Gemeinde. Die Kinder Hans und Betty hätten sich außerdem geweigert, der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel beizutreten. »Durchsuchungen ihrer Wohnung in der Wilhelmstraße 44 waren an der Tagesordnung«, heißt es in dem Text. Die erhaltenen Archive belegten darüber hinaus, dass insgesamt 1600 Zeugen Jehovas in KZs oder in Gefängnissen aufgrund von Hinrichtung oder Haftfolgen den Tod fanden. »Betty und Hans berichteten später, dass ihr Papa kaum von seinen Erlebnissen im KZ sprach. Er machte es sich zum Ziel, nicht zu verbittern und weiterhin Hass, Ausgrenzung und Gewalt konsequent abzulehnen«, führen die Gießener Zeugen Jehovas aus. Nach der Haft sei Hassler im November 1945 nach Gießen zurückgekommen, was »nicht die Regel war«.

Geboren wurde der Wahl-Gießener 1892 im Kreis Büdingen. Er verbrachte aber »den größten Teil seines Lebens in Gießen, wo er am damals noch bestehenden Flughafen arbeitete. In jungen Jahren heiratete er seine geliebte Margarete, mit der er bald die beiden Kinder Hans und Betty bekam«, berichtet die Gemeinde. 1931 sei der Familienvater mit Zeugen Jehovas in Kontakt gekommen, die »ihm in der Bibel die Wichtigkeit der christlichen Nächstenliebe zeigten. Diese gelebte Freundlichkeit und der Respekt gegenüber Menschen jeglicher Herkunft passte zwar nicht zur aufkeimenden menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten, aber berührte den Familienvater zutiefst«. Mit seiner Haltung sei Hassler besonders in der heutigen Zeit ein nachahmenswertes Beispiel, erklärt die heimische Gemeinde. »Das Gedenken an die Zivilcourage von Menschen wie Wilhelm und ihr Vermächtnis sind die Pflicht jeder nachfolgenden Generation, die sich eine Gesellschaft wünscht, in der Werte wie Toleranz und religiöse sowie kulturelle Freiheit hochgehalten werden. Der 27. Januar bietet dazu eine gute Möglichkeit«, resümieren die Zeugen Jehovas Gießen.

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