1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Ortsgeschichte wird digital

Erstellt: Aktualisiert:

giloka_2704_linnesIMG_08_4c
Dr. Gerd Steinmüller und Bodo Lenz an den Schautafeln zur Historie der Freiwilligen Feuerwehr. Die Ausstellung fand im Bürgerhaus statt. © Schäfer

Arbeitsgruppe um Dr. Gerd Steinmüller verwandelt Linneser Archiv in eine Topothek. Einblicke gab es beim Tag der offenen Tür, der gemeinsam mit dem Jubiläum der FFW Kleinlinden begangen wurde.

Gießen. Archivgut, sogenannte Archivale, fristet jahrzehntelang, teils auch über Jahrhunderte sein Dasein in der Dunkelheit - in einem Ordner, in einer Lade, in einem Regalfach; zumeist in einem Kellerraum. Aufgehoben, verstaut, weggepackt für die Ewigkeit. In Gießens Stadtteil Kleinlinden ist das nicht viel anders. »Alles, was das Stadtarchiv an Dokumenten nicht braucht und Linnes betrifft, landet hier bei uns«, erzählt Dr. Gerd Steinmüller dem Anzeiger.

Verstaut ist das »alte Zeug« alles in Schränken, die im Kellergeschoss des Bürgerhauses stehen. »Wir haben leider kein Heimatmuseum wie Wieseck, um neben Dokumenten und Fotos Bücher, Festschriften, Landkarten und Audiomaterial in Dauerausstellungen der Öffentlichkeit zeigen zu können.« So wird seit nunmehr 15 Jahren das alles nur einmal im Jahr aus der Dunkelheit hervorgeholt, um es am »Tag der offenen Tür« zu präsentieren.

Wegen der Corona-Pandemie war diese Veranstaltung zwei Jahre lang ausgefallen. Früher, so Steinmüller, sei diese Ausstellung in der Volksbank-Filiale in der Wetzlarer Straße jeweils mehrere Wochen lang gezeigt worden. Doch nach deren Abriss war das nicht mehr möglich. Danach gab es für die an historischen Dokumenten und alten Fotos Interessierten nur noch die Gelegenheit, sich einmal im Jahr vier Stunden lang im Bürgerhaus in die Archivalien zu vertiefen.

Urgroßmutter pixelscharf

So auch vergangenen Sonntag, als nach zweijähriger Pandemie-Pause zu einem besonderen Tag der offenen Tür eingeladen war. Die Arbeitsgruppe Orts- und Vereinsarchiv Klein-Linden besteht aus Personen, die sich für alles interessieren, was mit Kleinlinden, seinen Bürgern, Vereinen sowie seiner baulichen, sozialen und kulturellen Entwicklung zu tun hat. Bücher, Festschriften, Zeitungsberichte, Landkarten, Fotografien, Tonträger und andere historische Dokumente hat die AG zusammengetragen und so ein umfangreiches, aus drei- bis viertausend Dokumenten bestehendes »Linneser Archiv« geschaffen, um für nachfolgende Generationen wertvolle Informationen zu erhalten.

Mit der Freiwilligen Feuerwehr (FFW) Klein-Linden 1895, die ihr Jubiläum nachfeierte, hatte man sich für diesen Tag der offenen Tür zusammengetan. Und da die Linneser Feuerwehr auch eine Jugendabteilung besitzt, ist an diesem Nachmittag unter den 300 Besuchern auch viel jüngeres Publikum auszumachen.

Für diese jungen Leute ist ein Archiv eher nicht so recht spannend. Doch wer von ihnen wissen möchte, wer seine Ur- oder gar Ururgroßeltern waren, wie sie aussahen und in welchem Umfeld sie lebten - für die wird es noch Ende des Jahres eine Möglichkeit geben, dies online recherchieren zu können. Denn daran arbeiten neben Steinmüller auch Stefan Prang und Hans-Jürgen Volk fast Tag und Nacht. Topothek nennt sich das Vorhaben und existiert im Landkreis bisher nur in Buseck. Dem Anzeiger vorgestellt wird es anhand eines Konfirmationsbildes aus dem Jahr 1904. Klickt man auf einen der Köpfe der Konfirmanden, werden sein Name und weitere Verlinkungen eingeblendet. Man sieht dann dessen Wohnhaus, Familie oder weitere Fotos mit ihm und erfährt auch, ob derjenige im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Es scheint wie Zauberei: Denn vergrößert man das Kopfbild auf Bildschirmgröße, tut sich entgegen der Erwartung kein verschwommenes Bild auf, sondern ein pixelscharfes, auch Winziges ist deutlich erkennbar. Wie geht das? Eine besondere Software aus Österreich sorgt dafür. Interessant ist auch, was passiert, als bei der Demonstration das Schlagwort Opel 1937 eingegeben wird. Es zeigt ein Foto aus diesem Jahr, auf dem drei Fahrzeuge vor einer Fuhrfirma zu sehen sind. Klickt man auf den Fahrer in einem der Autos, erscheinen dessen Name und weitere Verlinkungen der Person.

Seit drei Monaten arbeitet das ehrenamtliche Trio daran, Analoges in Digitales zu verwandeln und zu verschlagworten. 500 Dokumente haben sie bisher geschafft. »Bei 1000 gehen wir online«, verspricht Steinmüller. Das soll noch in diesem Jahr geschehen.

Löscheimer und Funkwellen

Während an mehreren Tischen DIN-A4-Ordner mit Dokumenten und Fotografien durchblättert werden, sind an Schautafeln viele Fotos zu sehen: Teil der Sonderausstellung »125(+2) Jahre Freiwillige Feuerwehr in Linnes«. Die Ausstellung vermittelt einen bildhaften Eindruck von der umfangreichen Arbeit der Feuerwehr im Dienste der Bürger - mit Fotos ab 1925. Eigentlich für das Jahr 2020 geplant, musste das 125-jährige Jubiläum pandemiebedingt zweimal verschoben werden. Geboten wird an dem Nachmittag ein umfassender Einblick in die vielfältigen Aktivitäten und umfangreichen Materialien für den Brandschutz.

Besondere Schwerpunkte liegen dabei auf der Ausstellung von unterschiedlichen Feuerwehrfahrzeugen, der Präsentation von Atemschutzgeräten und Bestandteilen der persönlichen Schutzausrüstung sowie auf der Demonstration der Funktionsweise einer Wärmebildkamera.

Der stellvertretende Wehrführer Patrick Aust erläutert die Geschichte der Alarmierung über die Jahrzehnte hinweg. Am Anfang hatte allein die Dorfsirene gestanden. Erst ab den 70er Jahren wurde diese durch einen mobilen Funkmeldeempfänger abgelöst. Im Laufe der Dekaden wurde der immer handlicher, zuletzt am Gürtel tragbar. 2018 wurde die analoge Funkwellentechnik abgelöst durch die digitale - fortan nicht mehr ein ausschließliches Empfangsgerät mit Alarmierungstext, sondern auch zum Senden von Rückmeldungen.

Löscheimer waren die Anfänge des Feuerbekämpfens. Einst wurden im Brandfall Eimerketten gebildet, die Wassereimer von Hand zu Hand gereicht - vom Befüllen bis zum Auskippen über die Flammen. Erstaunlich, dass ein solcher aus dem Jahr 1900, aus Leder und Leinen bestehend, lediglich drei bis vier Liter Wasser fasste.

Bodo Lenz ist Vorsitzender des Fördervereins der FFW, der mehr als 400 Mitglieder zählt und die FFW unterstützt, so bei der Anschaffung einer 4000 Euro teuren Wärmebildkamera. »Die Stadt zahlte die nicht«, erzählt Lenz. Auch nicht einen Ersatz der schweren Sauerstoffflaschen aus Stahl, die die Atemschutz-Löschtrupps beim Einsatz in Gebäuden zusätzlich tragen müssen. Die vom Förderverein finanzierten, aus GFK-Material seien zehn Kilogramm leichter. Dazu erhielten die Brandschützer auch Trainingsanzüge zum Umziehen am Einsatzort nach schweißtreibendem Einsatz. Lenz lobt die Spendenbereitschaft der Gewerbetreibenden und Praxisbesitzer.

Auch interessant