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»Papa, willst Du mein Gehirn haben?«

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Fotografieren und das Produzieren von Videos zählen zu Tobias Blöchers liebsten Hobbys. Foto: Jung © Jung

Tobias Blöcher aus Gießen-Kleinlinden lebt seit zehn Jahren mit Parkinson - und mit Mut, Humor und Zuversicht. Und Zuversicht will er auch anderen Erkrankten vermitteln.

Gießen. Es war beim gut besuchten Kinderfasching der Karnevalfreunde Allendorf (KFA) in der Sport- und Kulturhalle, als Tobias Blöcher von einem kleinen Jungen angesprochen wurde: »Wieso wackelt Dein Arm so?«, fragte ihn der Junge ohne Scheu und Blöcher erläuterte ihm verständlich und ohne große Umschweife seine Krankheit - Parkinson.

Vor zehn Jahren bekam der Allendorfer, der vor einigen Tagen seinen 40. Geburtstag in besonderer Umgebung feierte, die Diagnose. Die Parkinson-Krankheit (auch Morbus Parkinson oder Schüttellähmung genannt) ist eine Erkrankung des Gehirns. Sie schränkt die Bewegungsfähigkeit ein. Ihre Ursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt. »Alles fing vor zehn Jahren an«, erzählt Blöcher und schildert Details zur Krankheit, mit der er unaufgeregt umgeht. Bei einem Spaziergang der Familie mit dem Hund bemerkte er eine leichte Verkrampfung am linken Fuß. Der rollte sich beim Laufen immer ein. Blöcher vermutete, es komme vom Rücken. Irgendwann merkte er auch Beschwerden am linken Arm, der schwang nicht mehr mit. Der Gang zum Arzt und einige Untersuchungen brachte Erkenntnisse: Beim Dat Scan wird zunächst radioaktives Material in den Körper gespritzt, dann umfährt der Scanner den Kopf. Dauer: eine dreiviertel Stunde.

Defizite an Dopamin, das sowohl emotionale und geistige wie auch motorische Reaktionen steuert, wurden diagnostiziert. Medikamente kamen zur Anwendung, wurden ausprobiert. »Am Anfang will man das alles gar nicht wahrhaben, nimmt es auf die leichte Schulter«. Doch die traurige Tatsache: Anfangsstadium von Parkinson. Beim Besuch eines anderen Arztes, um sich eine weitere Meinung anzuhören, bestätigte sich leider die erste Diagnose. Zwei Jahre lang schwiegen Tobias Blöcher und seine Familie über das Krankheitsbild, hielten es geheim. Er bezeichnet die Krankheit als schleichenden Prozess. Die Symptome weiteten sich im Lauf der Zeit aus: Es wurde schlimmer und nach außen hin sichtbarer. Und der Öffentlichkeit konnte es der Familienvater nicht mehr länger verbergen: Fasching 2015 bemerkten bei einem Auftritt auf der Bühne in der Mehrzweckhalle die Besucher die unkontrollierten Bewegungen, ausgelöst auch durch die Aufregung. Für ihn war es ein schlimmes Ereignis. Viele Bekannten sprachen ihn sofort an, waren neugierig, zeigten aber auch Mitgefühl und boten ihre Hilfe an. »Das will ich aber nicht. Solange ich mein Leben noch normal gestalten kann, möchte ich alleine das tun«, erläutert Tobias Blöcher seinen stringenten Standpunkt.

2019 zog er mit der Familie in sein neu gebautes schlüsselfertiges Fertighaus. Beim Innenausbau legte er Hand an, die Planungen waren nicht unbedingt auf seine gesundheitlichen Beeinträchtigungen abgestellt, sagt er. Die Familie wohnt im Erdgeschoss, alles auf einer Ebene. Insbesondere im Blick auf das Alter, weniger wegen der Krankheit, verdeutlicht der Selbstbewusste. Das Schwimmbad auf dem Grundstück nutzt Blöcher auch als Therapiebecken, aber natürlich sind auch die beiden Kinder froh, dort toben zu können.

Seinen Arbeitgeber informierte der Vorsitzende der KFA umgehend, er arbeitete als Brauer im Sudhaus in Früh-und Spätschicht und war Nachfolger von »Amigo« Sänger Bernd Ulrich, dessen Stelle er übernahm und zu dem noch Kontakte bestehen. Der Arbeitgeber zeigte sich verständnisvoll, nahm ihn aus der Schicht. Irgendwann merkte der Angestellte, das beim Ziehen der schweren Bierschläuche die Kraft nicht mehr da war, die Medikamente nahmen Einfluss auf die anstrengende körperliche Arbeit. Der Allendorfer sprach seinen Vorgesetzten an, bat um Prüfung einer anderen Stelle innerhalb der Brauerei. Das sei sehr »positiv gelaufen«, zeigt sich Tobias heute noch dankbar. Zunächst war er im Pfortendienst. Doch im Umfeld gab es auch skeptische Reaktionen, weiß er heute. Manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meinten, er würde das nicht schaffen, weil er nicht über eine kaufmännische Ausbildung verfüge. Doch er blickt zufrieden zurück: »Dr. Google stand mir zur Seite«.

Nach einem Jahr übernahm er eine Tätigkeit im Bauwesen, ist für Arbeitssicherheit und die Schaubrauerei zuständig. Und auch im IT Hardware Support sind ihm Aufgaben zugeordnet. Der Arbeitgeber würdigte seine große Energie, nicht zuletzt weil er seine große Willenskraft erkannte und verhalf ihm zu einem Aufstieg. »Durch eine Krankheit kann auch etwas Positives entstehen«, meint Blöcher mit Blick auf die loyale Haltung und Unterstützung durch seinen Chef.

Viel Kraft bekommt der Fassenachter durch sein Hobby, die aktive Mitgestaltung der KFA Veranstaltungen, als Akteur auf der Bühne und im Vorsitz des Vereins. Beim Drehen und Zusammenschneiden von Imagefilmen beweist er ein gutes Händchen, entwickelt immer neue Ideen zur Umsetzung und Gestaltung. Das neueste Projekt ist ein Imagefilm für die Müncholzhäuser Blaskapelle. Als Aktiver wird er in der Freiwilligen Feuerwehr Gießen-Allendorf geführt, doch ihm fehlt die Zeit, um regelmäßig an den Übungsstunden teilzunehmen. Sein Metier wäre die Technische Einsatzleitung. Für die SPD sitzt er seit 2006 im Ortsbeirat, fungierte in der vergangenen Legislaturperiode als Fraktionsvorsitzender.

2017 wurde er in der bekannten Klinik in Biskirchen behandelt, zuvor hielt er sich in Kassel zur Untersuchung auf, doch dort gefiel ihm die Atmosphäre nicht. Ein Wechsel des Neurologen war die Folge, weil der unbedingt einen Hirnschrittmacher einsetzten wollte. Doch der Erkrankte machte deutlich: »Dafür bin ich aber nicht bereit«.

Eine Professorin in Kassel bestätigte ihn, soweit sei man noch lange nicht. Im Moment fühlt er sich bei einem Professor gut betreut. Ein Medikament hat er abgesetzt unter dem Eindruck, es habe nicht geholfen, eher durch Zufall. Weil er zwei Sorten Tabletten bei einem einwöchigen Seminar vergessen hatte und nicht mal eben nach Hause fahren konnte, um sie zu holen, konnte er die Medikation nicht weiterführen. Der Versuch, durch Akupunktur Heilung zu bekommen, scheiterte. Die Reize seien zu extrem gewesen, stellte Tobias fest und bewirkten das Gegenteil, von dem was erreicht werden sollte. Auch die Bowtech Therapie führte nicht zu Erfolgen.

Am besten hilft ihm der regelmäßige Gang in die Sauna, einmal die Woche sonntags ist er beim Schwiegervater zu Gast. Der Alltag verläuft unterschiedlich. Als Frühaufsteher verlässt der Allendorfer um halb sechs das Bett. Dann heißt es Pillen schlucken, die Vorbereitungen sind von Wetterlage und seiner Gefühlslage abhängig. »Manchmal dauert es eine Viertelstunde, es sind auch schon mal 45 Minuten«, schildert er den Start in den Tag. Und wenn er sich beeinträchtig fühlt, lässt er die Hände vom Lenkrad seines Autos.

Seit der Krankheit sei er lockerer geworden, schildert er. »Meine Lebenseinstellung hat sich geändert«. Den Kopf in den Sand stecken, das ist nicht seine Art. Immer mal wieder sprechen ihn Leute an, denen die ungewohnten Bewegungen auffallen. »Ich habe Probleme mit dem Rücken«, erfahren die dann oder auch, mit einem Schuss Selbstironie, dass er als Cocktailmixer arbeitet. Tobias Blöcher hat Humor.

Seine Freunde wissen, dass er kein Mitleid haben möchte. »Wenn ich Hilfe brauche, dann sage ich das!« In manchen Dingen des Lebens sei er etwas lockerer geworden. Unklar ist, wie die Forschung sich mit Parkinson auseinandersetzt, Tobias Blöcher ist jedenfalls bereit, sich an einer Studie zu beteiligen, damit auch anderen Betroffenen geholfen wird. Klettern ist gut, weil er diagonal denken muss und das ist für das Gehirn gut. Singen, wie er es bei den »No Names« im Fasching und beim MGV Einheit tut, ist ebenfalls gut bei Parkinson, auch das Reden. Zu Hause mit Ehefrau und den Kindern zählt das Gespräch.

»Du kannst dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tag mehr Leben«, ist zu einem wichtigen Leitsatz geworden. Mut und Zuversicht bezeichnet er als wichtige Dinge, und mit seinen offenen Schilderungen will er auch anderen Betroffenen Mut und Zuversicht geben, sich nicht unterkriegen zu lassen. Seit einiger Zeit stagniert die Krankheit, es gibt für den zweifachen Familienvater also keinen Anlass, zu resignieren. »Die Kinder halten mich auf Trab«, erzählt er. Sie wissen, dass ihr Vater krank ist und der neunjährige Leo will ihm helfen. Er fragte: »Papa, willst Du mein Gehirn haben?«

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