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Papst Franziskus hinterlässt Eindruck

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»Mit Würde« habe Papst Franziskus I. bei der Audienz auch noch die 500. Hand geschüttelt: GAiN-Geschäftsführer Klaus Dewald (rechts) überreicht dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche eine Bronzeskulptur mit Menora. Foto: Vatican Media © Vatican Media

Der Gießener Klaus Dewald kehrt »tief bewegt« von einer Audienz mit Papst Franziskus I. zurück. Hier erzählt er, wie es dazu kam und wie die Begegnung mit »Seiner Heiligkeit« abgelaufen ist.

Gießen . Natürlich fühlte sich Klaus Dewald geehrt - eine Audienz beim Papst ist ja kein alltägliches Erlebnis. Zumal die Einladung einen ebenso wichtigen wie ernsten Hintergrund hatte. »Eigentlich schlafe ich gut, aber wenn ich ehrlich bin: In der Nacht vorher bin ich mehrmals aufgewacht«, räumt der Gießener im Gespräch mit dem Anzeiger eine gewisse Nervosität ein. Als Fan von Eintracht Frankfurt wäre er ausgerechnet an jenem Mittwoch statt in Rom zwar auch gerne in Sevilla beim Finale der Europa League gewesen. Aber so ist das eben hin und wieder mit den zwei Seelen, die in einer Brust wohnen. Trotzdem war es für Dewald ein rundum gelungener Tag: erst das persönliche Treffen mit dem katholischen Kirchenoberhaupt als Teil einer israelischen Delegation sowie die Übergabe eines Exponats für den neu entstehenden Bereich in den Vatikanischen Museen zum Gedenken an den Holocaust, abends holten die Adlerträger dann tatsächlich den begehrten Pott.

Prophezeiung in Auschwitz

Mit dem Transport von Hilfsgütern kümmert sich das in Gießen ansässige, christlich-humanitäre »Global Aid Network« (GAiN) schon seit über drei Jahrzehnten um bedürftige Kinder, Frauen und Männer in aller Welt. Seitdem Russland völkerrechtswidrig die Ukraine angegriffen hat, ist Klaus Dewald zuletzt selbst wiederholt mit voll beladenen Lkw in das osteuropäische Land gefahren. Nicht ganz so bekannt ist hingegen ein Projekt, das seit 2008 unter dem Dach der »Helping Hand Coalition« und über Patenschaften mehr als 2000 Holocaust-Überlebende in ganz Israel betreut, »die nicht nur mit verdrängten Erinnerungen, sondern mit bitterer Armut zu kämpfen haben«. Ihnen beizustehen, sei auch ein »Zeichen der Versöhnung«, sagt Dewald. Der GAiN-Geschäftsführer ist zugleich Mitgründer und Vorstandsmitglied der »Helping Hand Coalition« und sei in dieser Funktion gebeten worden, beim Papstbesuch mit dabei zu sein. Und Franziskus I. hat ihm spürbar imponiert. »Ich war tief bewegt, wie offen und freundlich er war - und mit welcher Würde er selbst noch die 500. Hand geschüttelt hat.«

Einen nachhaltigen Eindruck hatte seinerzeit auch die Begegnung mit Isaac Goldfinger hinterlassen. Seine Lebensgeschichte klingt geradezu unglaublich. Er war 14 Jahre alt, als ihm in Auschwitz ein Mithäftling seine Nummer in den Arm tätowierte: 161154. Der Tätowierer habe sich die Zahl angeschaut und Isaac prophezeit: »Du wirst leben!« Die Quersumme davon - 18 - habe nach jüdischem Verständnis nämlich dieselbe Bedeutung wie das Wort »Leben«. Also sei es sein Vermächtnis gewesen, von der Schreckenszeit und den Verbrechen der Nazis Zeugnis abzulegen. Doch zunächst musste der jüdische Junge durch die Hölle gehen: Hunger, Schläge, Gefangenschaft, Entwürdigung. Wie durch ein Wunder habe Isaac Goldfinger elf Konzentrationslager, seine geplante Erschießung und zum Schluss den »Todesmarsch« überlebt, berichtet Klaus Dewald. Nach dem Krieg sei er zum Sprachrohr für diejenigen geworden, »die keine Stimme hatten«. Und er habe letztlich den Anstoß dafür gegeben, dass sich die »Helping Hand Coalition«, deren Ehrenpräsident der inzwischen verstorbene Isaac Goldfinger war, und auch GAiN für Opfer des Holocaust einsetzen.

Das Problem: Jene, die sich nicht als NS-Opfer registrieren lassen konnten und als solche nicht offiziell anerkannt sind, würden vom israelischen Staat nur eine kleine oder keine Entschädigungsrente erhalten, so Dewald. Mit der Konsequenz, dass ihre monatlichen Ausgaben für Miete, Nebenkosten, Essen und Medikamente ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen und sie sich unter »oft widrigen Umständen« am Rande des Existenzminimums bewegen. »Israel ist ein reiches Land, hat aber durch zahlreiche Zuwanderer auch Dritte-Welt-Probleme«, schildert der GAiN-Chef. Etwa ein Viertel der Holocaust-Überlebenden sei dringend auf Unterstützung angewiesen. Denn auch die Sozialsysteme in dem Nahoststaat seien nicht besonders stark ausgeprägt.

Lebensmittel für Überlebende des Holocaust

Monatliche Gutscheine für Lebensmittel, die dank Partnern wie GAiN überbracht werden könnten, seien für die Seniorinnen und Senioren deshalb »wie ein kleines Geschenk, das den Alltag auf der letzten Wegstrecke etwas erleichtert«. Neben der praktischen Hilfe geht es ferner darum, Pflege zu organisieren und soziale Kontakte zu fördern. Wer noch fit genug ist, kann zum Beispiel an regelmäßigen Treffen in »Schalom-Häusern« teilnehmen, bei denen die alten Menschen zusammen essen, reden, feiern und singen.

Zu diesem vorbildlichen Engagement passen selbstredend auch die ausgewählten Exponate der israelischen Delegation. Unter anderem gehörten ein Buch, in dem sechs Millionen Mal das Wort »Jew« aufgeschrieben ist, und eine Broschüre mit Porträts von Zeitzeugen wie Isaac Goldfinger dazu. Papst Franziskus I. habe sich sehr interessiert gezeigt und lange darin geblättert, erzählt Klaus Dewald. Er selbst durfte eine Bronzeskulptur mit einer Menora überreichen, an deren Fuß Gegenstände von Holocaust-Überlebenden arrangiert sind, zudem auf einer Plakette der Schriftzug »Never again« (»Nie wieder«). »In dem Moment habe ich mir vor allem praktische Gedanken gemacht«, betont der Gießener. Da das Modell gute zwölf Kilo wiegt, befürchtete er, »Seine Heiligkeit«, wie der Papst gemäß protokollarischer Vorgaben stets anzureden sei, könnte es fallenlassen. Hat er selbstverständlich nicht, dafür sorgen schon dessen umsichtige Helfer, an die alles weitergereicht wird.

Angefangen hatte das ganze Prozedere am Morgen mit Segen und Andacht auf dem Petersplatz, die nacheinander, nicht simultan, in mehrere Sprachen übersetzt worden sind, »weshalb alles 15 Mal so lange gedauert hat«. Immerhin seien die Gäste aus Israel hier bereits öffentlich von Franziskus I. begrüßt worden. Danach mussten sich die einzelnen Gruppen in eine Schlange einreihen und warten, bis sie mit ihrer Audienz dran waren. »Unser Direktor hat uns vorgestellt, jeder hat seinen Namen gesagt und der Papst hat sich bedankt. Zeit für einen längeren Plausch ist leider nicht geblieben«, beschreibt Klaus Dewald die Abläufe. Später sei noch Gelegenheit gewesen, Räume zu besichtigen, »in die nicht jeder reinkommt«. Ein Austausch mit dem israelischen Botschafter des Vatikanstaates schloss sich an, ebenso ein Abendessen mit dem israelischen Botschafter in Italien, das den GAiN-Leiter endgültig davon abhielt, sich die Eintracht im Endspiel anzuschauen. »So habe ich per Liveticker mitgefiebert.«

Übrigens: Es könnte sogar sein, dass es ein Wiedersehen mit Jorge Mario Bergoglio gibt. Da die Delegation aus Israel besonders positiv aufgefallen sei, werde jetzt wohl an einem Termin für eine Privataudienz gearbeitet, habe der Sicherheitschef des Papstes die Gruppe hinterher wissen lassen - und er habe ausgerichtet: »Der Deutsche soll auch wieder mitkommen.«

Weitere Infos zu den Patenschaften finden sich unter: https://www.gain-germany.org/mitmachen/paten-gesucht/holocaustueberlebende/.

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