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Paul Theroux über Menschen und Landschaften

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Als Paul Theroux in den späten 1970er Jahren eines Morgens in Boston in die S-Bahn stieg, entstand die Eingangsszene eines der schönsten Reisebücher des 20. Jahrhunderts: »Der alte Patagonien-Express«. Während die mitfahrenden Büroangestellten nach ein paar Stationen wieder ausstiegen, blieb Theroux einfach sitzen - und rollte auf Schienen bis an die Südspitze von Feuerland.

Und so durchmaß er immer wieder die Welt, als das Reisen noch ein Abenteuer war und kein bis in den letzten Winkel durchorganisiertes Konsumprodukt. Längst zählt Theroux, mittlerweile 80 Jahre alt, zu den erfolgreichsten zeitgenössischen US-Schriftstellern, der auf engem Fuß mit zahlreichen prominenten Landsleuten steht. Der Band »Figuren in der Landschaft« versammelt nun Texte, in denen er sie porträtierte: Elisabeth Taylor, Robin Williams oder Hunter S. Thompson. Doch leider sind diese zumeist in den späten 90ern bis in die frühen Nullerjahre entstandenen Essays eine Enttäuschung. Zu viele Nebensächlichkeiten, zu viel Eitelkeit. Noch uninteressanter lesen sich seine Porträts lange gestorbener Kollegen wie Graham Greene, Georges Simenon oder Henry David Thoreau, die viel zu eng an deren Büchern entlang geschrieben sind und nur ausgewiesene Kenner reizen dürften. Doch dann kommen ab Mitte des Buchs doch noch die Fans von Theroux’ Reisebüchern auf ihre Kosten. Denn kaum jemand schreibt heute noch so schonungslos und scharfzüngig über kulturelle Grenzübertritte wie er. Ob es die vermeintlich weltverbessernde Rockstar-»Nervensäge« Bono ist, ob es korrupte schwarze Politiker in Simbabwe sind oder er selbst, weil er sich für Sex tagelang von einer armen schwarzen Frau in Malawi ausnehmen lässt. Es sind Texte, die keinerlei Rücksichten nehmen und am Ende doch noch für eine lohnende Lektüre sorgen. Björn Gauges

Paul Theroux: Figuren in der Landschaft. 525 Seiten. 28 Euro. Hoffmann und Campe.

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