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Pfeiler mittelständischer Wirtschaft

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Die heimische Landtagskandidaten aller Fraktionen bekennen sich einhellig zum Handwerk. Das wurde bei der »etwas anderen Obermeisterversammlung« in Gießen deutlich.

Gießen. Die »etwas andere« Obermeisterversammlung fand in den neuen Räumen der Team Simon GmbH & Co. KG im ehemaligen US-Depot statt. Alle acht Kandidatinnen und Kandidaten der heimischen Wahlkreise aus SPD, CDU, FDP, Grünen und Freien Wählern, die im Herbst in den Hessischen Landtag einziehen wollen, stellten sich den Fragen des lokalen Handwerks und ließen ein eindeutiges Bekenntnis zum Handwerk als Ganzes und zum heimischen im Besonderen zweifelsfrei erkennen.

Kreishandwerksmeister Kay Achim Becker (Beuern) und Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der KH Gießen, umrissen die Themen, Frank Mignon moderierte die zweistündige Diskussion.

Im Ergebnis bekundeten Frederic Bouffier (Gießen) und Lukas Schmitz (Großen-Buseck, beide CDU), Dr. Melanie Haubrich (Gießen, SPD), Fabian Mirold-Stroh (Gießen, Grüne), Hartmut Schau (Linden) und Dr. Diego Semmler (Laubach, beide Freie Wähler) sowie Jana Natalie Burg (Muschenheim) und Leonie Schikora (Gießen, beide FDP), letztere in Vertretung des Direktkandidaten Dominik Erb, eine nahezu ungebrochene Loyalität zum Handwerk und seinen als wichtig und berechtigt eingestuften Anliegen. Denn dem Handwerk komme nichts weniger als die Rolle des stützenden Pfeilers der mittelständischen Wirtschaft in Stadt und Kreis zu. Malermeister Stefan Füll in seiner Eigenschaft als Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden betrat das Podium.

Einigkeit herrschte in der Runde beim Thema »Auftragsvergabe-Praxis der öffentlichen Hand«. Laut Björn Hendrischke (KH) würden viele Gewerke »im Paket« ausgeschrieben. »In vielen Fällen läuft es nicht im Sinne der vom Handwerk gewünschten Kleinteiligkeit. In dieser Frage seien sich alle einig, so der Grüne Fabian Mirold-Stroh, allerdings verhindere die Personalknappheit bei Kommunen und anderen öffentlichen Auftraggebern oft die Kleinteiligkeit bei der Vergabepraxis.

»Das Handwerk ist für Stadt und Land unglaublich wichtig, da es die Infrastruktur am Laufen hält«, so Frederic Bouffier, der darauf verwies, dass die Vergabe nach Gewerken eigentlich gesetzlich vorgeschrieben sei. Der Politik, so Jana Natalie Burg (FDP), sei oft nicht klar, welch große Bedeutung und welche Folgen eine mittelstandsfreundliche Vergabepraxis oder deren Gegenteil gerade für das Handwerk habe. »Unsere Aufgabe ist es, das heimische Handwerk ganz gezielt zu fördern und nicht den Weg über Generalunternehmer zu gehen«, so Lukas Schmitz (CDU). Beim Thema Fachkräftemangel wünsche sich der Mittelstand endlich eine Gleichwertigkeit zwischen beruflich/gewerblicher und akademischer Bildung. Auch hier: Einigkeit in der Runde. Dr. Melanie Haubrich (SPD) will die Werbung für das Handwerk an den Schulen fördern und den Stellenwert der Ausbildung anheben.

Mehr Investitionen in Bildung

Insgesamt mehr Investitionen in die Bildung - und gerade auch in die Berufsschulen - sind für Dr. Diego Semmler (FW) vordringlich. Berufliche Schulen an möglichst vielen Standorten zu erhalten, ist für Bouffier (CDU) und Mirold-Stroh (Grüne) gleichermaßen wichtig. Im Sinne der Gleichbehandlungen mit akademischen Abschlüssen sollte laut Bouffier auch die Meisterausbildung kostenlos sein. Kreishandwerksmeister Becker bemängelte, dass viele Kommunen zunehmend auf Feldern - zum Beispiel mit »Eigenbetrieben« - aktiv werden, die eigentlich vom Handwerk beackert werden. Dazu würden Fachkräfte vom Handwerk abgeworben, ohne dass die Kommunen diese selbst ausbilden. Die Kommunen sollten sich bezüglich gewerblicher Aktivitäten auf das gesetzlich geforderte notwendige Maß an »Daseinsvorsorge« beschränken. Alles darüber hinaus »ist Wettbewerbsverzerrung zu Lasten des Handwerks«. Dem Motto »Daseinsvorsorge der öffentlichen Hand: ja - wirtschaftliche Tätigkeit: nein« stimmten die heimischen Kommunal- und potenziellen Landespolitiker unisono zu.

D’accord auch beim Thema Einbindung des Handwerks in die Digitalisierung. Alle politischen Gäste sehen diese Notwendigkeit ganz klar. Leonie Schikora (FDP) stellte die »Knackpunkt-Frage«: »Wie soll die Politik dem Handwerk bei der Digitalisierung helfen, wenn sie es selbst nicht hinbekommt?«

Kontroversere Stimmen in den Reihen der Landtagskandidaten sowie im Dialog mit den Obermeistern wurden einzig beim Thema »handwerksgerechte Verkehrspolitik« hörbar - und das zum Teil deutlich. Sascha Reitz, Obermeister der SHK-Innung: »Was gerade in Gießen passiert, ist das Zuschließen der Stadt. Und das ist falsch!« Melanie Haubrich (SPD) merkte kritisch an, dass die in Rede stehende Verkehrspolitik »aus sehr städtischer Sicht« betrieben und der Landkreis zu wenig »mitgedacht« werde. Mirold-Stroh (Grüne) räumte ein, dass der Verkehrsversuch viele Autofahrer »wohl erschrecken« werde. Dennoch sei die aktuelle Verkehrspolitik in Gießen »nicht gegen das Auto gerichtet«.

Der ÖPNV könne den Individualverkehr nicht ersetzen und »deshalb geht es ohne individuelle Mobilität nicht«, merkte Diego Semmler (FW) »aus ländlicher Sicht« an. Jana Natalie Burg (FDP) sprach - wie auch die Vertreter von CDU und FW - von »Konzeptlosigkeit in der Verkehrspolitik«. Die Politik müsse es schaffen, gemeinsam intelligente Lösungen zu finden, um Auto und ÖPNV zusammenzubringen. Es sei nicht zielführend und im Blick auf die Menschen realitätsfern, ausschließlich auf den ÖPNV zu setzen, so CDU-Mann Lukas Schmitz.

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