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Plädoyer für Kraut und Kneipen

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Von: Felix Müller

Gießen. Ein Mann, eine Gitarre und die Bühne. Mehr Zutaten braucht es manchmal nicht für einen kurzweiligen Abend. Liedermacher Götz Widmann gastierte mit »Demokratie verherrlichenden« Songs und seinem typisch bösartigen Humor im Jokus - und kam beim Publikum blendend an.

Nach kurzer Freude über die Nachricht, dass die Ampelkoalition über eine Legalisierung von Cannabis nachdenke, habe er ein wenig Angst um seine Existenz bekommen. Schließlich seien seine »Kiffersongs« die »Stütze des Programms« und er könne nun die »Hälfte« der Titel wegschmeißen, scherzte der Liedermacher. Doch nach ein oder zwei beruhigenden Zügen aus der »Sportlerzigarette« stellte Widmann fest: »Früher waren es Protestlieder, jetzt sind es Demokratie verherrlichende Songs.«

Doch man muss dem Kraut mit berauschender Wirkung nicht zwingend wohlgesonnen sein, um bei Götz Widmann auf seine Kosten zu kommen. Denn das selbsternannte »Relikt aus den 90ern« beherrscht nahezu alle Töne und Zwischentöne. Satirisch, ernst, anarchisch oder nachdenklich besang der 56-jährige Heidelberger im Jokus jede Menge Alltagsthemen und bleibt sich dabei seit fast 30 Jahren treu. Bodenständig, lässig - ein Kumpeltyp, mit dem man gerne mal in seiner Lieblingskneipe »Maria« einen über den Durst trinken würde. Nur leider gibt es sein »zweites Wohnzimmer« nicht mehr. Stattdessen musste dieser »magische Ort« Privatwohnungen weichen.

Für den Alt-Hippie ein Anlass zum musikalischen Aufschrei. Gemeinsam müsse das Kneipensterben verhindert werden. Schließlich seien Kneipen ein »schützenswerter Lebensraum« und »spiritueller Ort«. »Ich habe mehr Menschen glücklich aus einer Kneipe spazieren sehen als aus einer Kirche.« Auch vor sch(m)erzhaften Erinnerungen machte der Solokünstler keinen Halt und präsentierte seinen im »Vollsuff« entstandenen ersten deutschen Song »Süffelmann« aus den frühen 90ern. »Ich war 25, wurde gerade verlassen und musste zu meinen Eltern zurückziehen - alles nicht gut fürs Ego.« Noch dazu habe er BWL studiert. Eine Kombination, die zur Depression führte.

Ebenso gemischt waren seine Gefühle bei »Im Hippiebus nach Marrakesch«. Das Lied sei »megageil«, er spiele es eigentlich gerne. Jedoch erinnerte es Widmann an seinen »geliebten Bus«, der gerade aus dem TÜV kam. »Die Schweine wollen über 6000 Euro von mir«, klagte der Musiker im Jokus.

Auf den Punkt und hochaktuell klang sein Titel über die »Krankheit Homo sapiens«. »Aber eines Tages bemerkte sie ein fürchterliches Jucken. Die Erde ging zum Arzt, der gab ihr Folgendes zu schlucken. Sie haben Homo sapiens und das sitzt fest. Der lutscht sie aus, bis nichts mehr übrig ist, der gibt ihnen den Rest.«

Neben seiner Spiellaune war der Musiker in Gießen auch zum Plaudern aufgelegt. Er erzählte den zahlreichen Fans von Projekten, die geplant sind. Neben einer Crowdfunding-Kampagne, mit deren Hilfe er die alten Platten seines Ex-Duo-Projekts »Joint Venture« wiederbeleben will, möchte Widmann auch einen Club gründen, bei dem man sich auf einer Website anmelden kann. »Auf dieser Homepage werden ab sofort alle Konzerte, die ich gebe, zu sehen sein.« Dafür nimmt der emsige Künstler jeden Abend selbst auf und schneidet die Auftritte zurecht. »Das ist vor allem gut für die Leute, die beim Konzert gerne mal einen trinken und mit einem schwammigen, diffusen Glücksgefühl zurückbleiben.« So könne jeder den Abend wieder mit »Details füttern«. Ebenfalls im Gepäck hatte Widmann sein erstes Kinderhörbuch »Die Abenteuer von Fernando & Enrique« - seine ebenfalls erste »jugendfreie« Arbeit.

Keine Lust auf »Star-Allüren« hatte Widmann beim Zugabe-Prozedere und verschwand erst gar nicht hinter die Bühne. »Ich habe den Scheiß schon 1500 mal gemacht, langsam wird es echt zu blöd.« Schließlich sei er nicht Beyoncé. Doch hinter dem Megastar aus Amerika muss sich der Heidelberger sowieso nicht verstecken - zumindest, was die Leidenschaft angeht. Deswegen würde doch jeder Künstler auf der Bühne stehen. Und so ließ es sich der gut gelaunte Musiker nicht nehmen, eine extra lange Dreingabe zu geben, bis auch der letzte Zuhörer zufrieden war - Konzertmission geglückt.

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