Pleiten, Pech und Pannen in Gießen

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Wohl dem, der eine dermaßen coole Feuerwehr hat: Es ist kurz nach Mitternacht und damit früher Freitagmorgen, als Chefin Martina Klee und einige der Ihren mit Fahrzeugen vor der Sport- und Kulturhalle in Allendorf Position beziehen. Blaulichter blitzen durch die Nacht, die Drehleiter ist ausgefahren - nein, es brennt nicht. Klee und Kollegen sind gekommen, um sich vom soeben abberufenen Bürgermeister und Brandschutzdezernenten Peter Neidel zu verabschieden.

Einen Helm mit zahlreichen Unterschriften haben die Brandbekämpfer als Geschenk für ihren nun ehemaligen Chef ebenfalls im Gepäck. Um es pointiert zu sagen: Mit ihrem Auftreten sorgen Martina Klee und ihre Leute für einen der ganz wenigen würdevollen Augenblicke im Kontext der Stadtverordnetenversammlung in Allendorf. Oder besser bei einem Abend voller Pleiten, Pech und Pannen, der ein hohes politisches Gremium von seiner schlechten Seite gezeigt hat. Auch wenn man anderer politischer Meinung ist: Es ist ein Gebot von Anstand und Würde, sich von einem politischen Hauptamtler, der über Jahre für die Stadt gewirkt hat, angemessen zu verabschieden. Warme Worte von den ehemaligen Koalitionären oder den Magistratskolleginnen für den scheidenden Bürgermeister? Nein. Aber auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz hat am Donnerstagabend keinen leichten Stand - sie scheidet im Dezember nach zwölf Amtsjahren aus. Als sie in Allendorf ihre immerhin letzte Haushaltsrede hält, sind viele Sitze der Stadtverordneten leer. Und unter denen, die anwesend sind, herrscht ein mittellautes Gemurmel, sodass die OB einmal sogar ihre Rede unterbricht mit dem Hinweis, dass sie erst fortfährt, wenn die Debatten im Saal beendet sind. Auch dieser Umgang mit einer Hauptamtlichen, die diese Stadt immerhin über mehr als ein Jahrzehnt geprägt hat, ist höchst unangemessen und unwürdig, zumal viele Stadtverordnete im Saal zu diesem Zeitpunkt längst zum Biertrinken übergegangen sind. Wer will sich angesichts dieses Verhaltens gegenüber Neidel und Grabe-Bolz über verbreiteten Politikverdruss wundern? Doch das sind längst nicht die einzigen Probleme an diesem Abend, der eine heftige Panne erleben muss. Die Wahl des ehrenamtlichen Magistrats läuft, als einige Stadtverordnete registrieren, dass die Stimmzettel fehlerhaft sind. Es fehlen Namen von Kandidaten, die somit nicht gewählt werden können. Also alles auf Anfang. Es vergeht Stunde um Stunde, bis Wahl und Vereidigung über die Bühne gegangen sind. Ein Ergebnis dieser schweren Panne: Von den 56 (!) Tagesordnungspunkten, darunter zahlreiche wichtige inhaltliche Themen, bleibt vieles liegen, zum Beispiel die Entwicklung des Kulturgewerbehofes in der Steinstraße oder das Neubaugebiet "In der Roos". Zwei Anregungen: Wie wäre es, wenn die Fraktionsvorsitzenden vor Wahlen die Korrektheit solcher Stimmzettel überprüfen? Und lassen sich nicht vielleicht Möglichkeiten finden, den Umfang der Tagesordnung zu begrenzen? Niemand dürfte vorher daran geglaubt haben, diese 56 Punkte zu schaffen, selbst bei optimalem Sitzungsverlauf. Eine Begrenzung macht es vielleicht auch Stadtverordnetenvorsteher Joachim Grußdorf leichter, der so seine Schwierigkeiten mit der Sitzungsleitung hatte. Auch die lassen sich durch mehr Abstimmung im Vorfeld sicher lösen. Stephan Scholz

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