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Pointen eines Physikers

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Vince Ebert hatte einige Tipps zur Lebensoptimierung mitgebracht. Foto: Schultz © Schultz

Vince Ebert bringt das Publikum in der Kongresshalle - manchmal - zum Schmunzeln. Er gastierte mit seinem aktuellen Programm »Make science great again« in Gießen.

Gießen. »Make science great again« heißt das aktuelle Programm des Kabarettisten Vince Ebert. Der studierte Physiker hatte aber mitnichten theorielastige Belehrungen mitgebracht, sondern unterhielt vielmehr sein Publikum im kleinen Saal der Kongresshalle mit anspruchsvollen Sottisen und häufig subtilen Pointen, die er mit brauchbaren Tipps zur Lebensoptimierung ergänzte.

Der 1968 geborene Franke hat eine eindrucksvolle Karriere vorzuweisen, er erhielt renommierte Kabarettpreise und wirkte in diversen Fernsehsendungen mit. In Gießen kündigt er »einen hoffentlich lustigen, nachdenklichen Abend« als Ziel an. Ebert verknüpft thematisch locker und eloquent die Wissenschaft und das Leben, dreht anfangs eine kurze Runde durch den aktuellen Themenkreis aus Seuche (»Social distancing war der Grund, weshalb ich Physik studiert habe«), Krieg und Inflation. »Es ist die große Zeit der Wissenschaften, aber auch der Verschwörungstheorien«, und natürlich der politischen Sauberkeit, und damit visiert er auch schon sein großes Thema an, die aktuelle Bewusstseinslage, in der man permanent nachdenkt, ob man gerade etwas falsch macht oder natürlich, ob andere etwas falsch machen. »Mach ich mich strafbar, wenn ich mir selbst die Haare schneide?«, sinniert Ebert. Das ist korrekt satirisch, aber eine Frage, über die niemand lacht, ein paar lächeln. Was ein typisches Muster des Abends wird. Es geht um »Fundamentale Grundlagen« und darum, ob man die richtigen Ziele im Leben anstrebt.

Da ist er natürlich in unserer völlig abstrusen Zeit der permanenten ziellosen Erregung, der aufgeregten Beschäftigung mit sinnlosen Fragen, genau richtig. Und er zeigt auch zielsicher auf, was für ein fundamentaler Blödsinn allenthalben unter die Leute gekippt wird. Beklagt dabei noch die horriblen Umgangsformen, die in den asozialen Medien herrschen - richtig, die sind schlimm -, lässt dabei jedoch zum einen unerwähnt, dass sich dort nur eine Minderheit von Menschen austobt und fördert damit zugleich die Idee, dass dieser übergriffige Ton inzwischen allgemein wirksam ist. Nicht, dass nicht ein paar der Übelkeiten aus diesem Sumpf ins Allgemeingut gelangt wären.

Die männliche Midlife-Crisis ist ein anderes, landauf, landab schon intensiv bearbeitetes Thema, zu dem Ebert ein paar witzige Anmerkungen macht, die man jedoch inhaltlich schon einige Male gehört hat, wenn man ab und zu ins Kabarett geht.

Ebert war unlängst in New York und hat sogar dort gearbeitet. Und zur exorbitanten Miete gewohnt, was wiederum Anlass zu anekdotischen Abschweifungen gibt. »Es ist nicht einfach, in einer fremdem Sprache witzig zu sein«, berichtet er, und dass in USA keine Zugaben gegeben werden. Eine witzige Erkenntnis hat er mitgebracht: Die wichtigste Sprache dort ist nicht Englisch, »sondern schlechtes Englisch.« Im Zuge dieser Erfahrungen eines Weitgereisten trägt er das Kapitel über Toilettenformen in verschiedenen Ländern vor, nebst witziger Analyse von Details. Kein Knaller, das Publikum schmunzelt - teilweise.

Lichtblick statt Blackout

Im ersten Set liest Ebert dann noch einen kurzen Teil aus seinem aktuellen Buch »Lichtblick statt Blackout«. Tenor: »Wer glaubt, die ganze Welt retten zu müssen, der wird sich übernehmen. Aber es gibt Ideen, um sie Stückchen für Stückchen besser zu machen.« In der Pause verkauft er das Buch von der Bühne runter; es geht ziemlich gut weg. Einige Einsichten dieses Abends: Wir sind massiv überfordert, die politische Korrektheit bedroht unsere politische Kultur, wir müssen wieder mehr miteinander reden - stimmt alles.

Vince Ebert hält im Grunde einen naturwissenschaftlich getönten Vortrag darüber, was heute falsch läuft und wie man’s besser machen könnte, ganz traditionell kabarettistisch, mit lauter korrekten Punkten und ein paar Pointen.

Fazit: Man könnte sich mit diesem angenehmen Zeitgenossen problemlos und niveauvoll unterhalten, seine Vorstellung muss man deshalb aber nicht besuchen.

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