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Pompös und monumental

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Von: Ursula Hahn-Grimm

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Artur Klinau gibt Auskunft über seine Bücher und die politische Lage in Belarus. Foto: Hahn-Grimm © Hahn-Grimm

Belarus und der Aufstand von 2020. Im Fokus des Geschehens damals die belarussische Hauptstadt Minsk. Dieser Hauptstadt war die Gesprächsrunde des Literarischen Zentrums Gießen gewidmet.

Gießen . Belarus und der Aufstand von 2020. Im Fokus des Geschehens damals die belarussische Hauptstadt Minsk. Dieser Hauptstadt war die jüngste Gesprächsrunde des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) im Netanya-Saal gewidmet. Die Veranstaltung fand statt in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, dem Gießener Zentrum Östliches Europa, der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung, der Justus-Liebig-Universität und dem Kulturamt.

LZG-Geschäftsführerin Dr. Anika Binsch stellte die Teilnehmer vor: Der Autor und Künstler Artur Klinau, 1965 in Minsk geboren, lebte in Minsk, gegenwärtig hält er sich auf Einladung des PEN-Zentrums in Gießen im Exil auf. Er hat mehrere Bücher geschrieben, das letzte ist im Suhrkamp-Verlag erschienen und trägt den Titel »Acht Tage Revolution - Ein dokumentarisches Journal aus Minsk«. Bereits 2006 hatte der Autor in »Minsk. Sonnenstadt der Träume« über die politische Lage in Belarus geschrieben. Dieses frühere Werk porträtiert seine Heimatstadt Minsk, erzählt vom Widerstand gegen die Diktatur Lukaschenkos und zeigt das Verschwinden europäischer Werte in Belarus auf.

Klinau ist zudem Herausgeber des einzigen Magazins für zeitgenössische Kunst in Belarus, »pARTisan«.

Prof. Thomas Bohn ist Osteuropahistoriker an der Justus Liebig-Universität und veröffentlichte in diesem Jahr in zweiter Auflage sein Buch »Heldenstadt Minsk. Urbanisierung à la Belarus seit 1945«, in dem er über die Konsequenzen der Revolution von 2020 nachdenkt. Als Übersetzer fungierte an diesem Abend Gleb Kazakov (Historisches Institut der JLU). Vierter Mann der Runde war Schauspieler Roman Kurtz (Stadttheater Gießen), der drei Auszüge aus den Romanen von Klinau vortrug.

Bereits während der Vorstellungsrunde waren auf einer Leinwand Fotografien aus Minsk zu sehen, die dem Publikum einen Eindruck der pompösen Hauptstadt vermittelten. Detailliertere Eindrücke schilderte der Textauszug aus »Sonnenstadt der Träume«, vorgetragen von Roman Kurtz.

»Als Kind erschreckten mich die riesigen freien Flächen der Sonnenstadt… Wenn man durch die Straßen von Minsk läuft, fühlt man sich klein. Es ist, als ob man sich in ›Gullivers Reisen‹ verirrt habe. Die Gebäude wirken groß, mächtig, monumental, epochal. Man selber fühlt sich klein und unbedeutend. Und das hat seinen Sinn. Denn Minsk wurde nicht für einen einzelnen Menschen erbaut, sondern für das Kollektiv.« Klinau erklärt: »In Minsk wurde die Utopie des Kommunismus in seiner Reinform umgesetzt.« Diese Illusion sei nur in einer geschlossenen Gesellschaft aufrecht zu erhalten, die unter drei Voraussetzungen funktioniere: Keine Informationsfreiheit, geschlossene Grenzen, kein freier Warenaustausch.

Auf »Tradition und Transformation« der Stadt Minsk blickte der Osteuropahistoriker Bohn: Von dem Gouvernements Stadt Minsk des Zarenreichs im 19/20. Jahrhunderts, das noch viel vom Charakter eines jüdischen Stedl hatte, sei nach dem »Urbizid« durch die Nazis kaum noch etwas zurückgeblieben. »Die Planer haben etwas völlig Neues erstellt.« In den 90er Jahren habe sich die Stadt verstärkt dem Westen angeglichen. Im Zentrum habe sich wieder eine Art von »Altstadt« gebildet, Cafés, Bistros, Fahrradwege, und die üblichen Shopping Malls kündeten von Europäisierung.

Der zweite Textauszug aus Klinaus Buch beschreibt Feiertage im sozialistischen Minsk, an deren Paraden und Militäraufzügen der Schriftsteller als kleiner Junge mit seiner Mutter teilgenommen hatte. Die 15 Kilometer lange Magistrale der Hauptstadt von Westen nach Osten auf dem Weg zur »Sonnenstadt« Moskau bot den passenden Rahmen.

Bohn wies zur besseren Einschätzung der belarussischen Geschichte darauf hin, dass das Land auf eine über 400 jährige polnisch-litauisch geprägte Vergangenheit zurückblicke und dagegen »lediglich« 200 Jahre unter russischem Imperium stehe. »Zur Zeit sitzen Staat und Gesellschaft zwischen allen Stühlen.« Das Stichwort gewissermaßen für den Übergang der Gesprächsrunde zu den aktuellen politischen Auseinandersetzungen in Belarus, eröffnet von Roman Kurtz durch eine Passage aus Klinaus neuem Buch »Acht Tage Revolution«.

Tragische Ereignisse

»Der Zusammenbruch einer Diktatur ist ein überwältigendes Schauspiel. Zumal wenn er aus heiterem Himmel kommt. Dein halbes Leben sitzt du schon am Ufer des trägen Gelben Flusses und wartest darauf, dass die Leiche deines Feindes in schwarzem Anzug, weißem Hemd und Lackschuhen vorbeischwimmt, aber die Jahre gehen ins Land, das Wasser fließt, und er will einfach nicht kommen«, schreibt Klinau im Prolog zu seinem Buch. Inhalt: Während die Präsidentschaftswahl in vollem Gange ist, werden in Minsk immer mehr Menschen festgenommen, die gegen massive Wahlfälschungen demonstrieren. Darunter ist auch Artur Klinaus Tochter Marta. Als er von ihrer Festnahme erfährt, macht er sich sofort auf den Weg nach Minsk, um sie zu suchen. In »Acht Tage Revolution. Ein dokumentarisches Journal aus Minsk« hält Klinau die tragischen Ereignisse dieser Tage detailliert fest.

Entgegen der Programmvorankündigung waren die Geschehnisse während dieser acht Tage Revolution und der Gefängnisaufenthalt von Klinaus Tochter Marta in den ausgewählten Textpassagen kein Thema mehr, im Mittelpunkt stand vielmehr die Heldenstadt Minsk.

In der anschließenden Diskussionsrunde war das Publikum vor allem an der aktuellen Entwicklung des Landes und den Auswirkungen des Ukraine-Krieges interessiert. Eine Zuhörerin wollte wissen, warum die Revolution in der Ukraine gelungen sei, in Belarus jedoch nicht. Thomas Bohn stellte fest, dass die Strukturen beider Länder unterschiedlich seien. »Belarus war eine Vorzeigerepublik, die von der Sowjetunion profitiert hat.«

»Der Krieg gegen die Ukraine ist sehr unpopulär in Belarus«, betonte Klinau. Die Auseinandersetzungen seien schädlich für die Wirtschaft, denn die Ukraine sei der zweitwichtigste Handelspartner für Belarus. Lukaschenko versuche nach Auffassung von Klinau, den Beitritt zum Krieg zu vermeiden. Denn unter anderem sei es ungewiss, wie die Bevölkerung reagiere.

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