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Prachtstück in Bronze und ein UFO

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Von: Helfried Schmidt

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Christian Brözel, Grafikdesigner, Kuratorin Amalka Hermann und Museumschefin Dr. Katharina Weick-Joch vor der Vitrine mit dem Muschenheimer Schwert. © Schultz

»Gold im Grab«: Eine neu konzipierte Ausstellung im Oberhessischen Museum gewährt Einblick in das Innere des Muschenheimer Grabhügels 35 und ermöglicht eine Reise in die Zeit der Kelten..

Gießen. Die neue Ausstellung im Oberhessischen Museum überrascht gleich mehrfach. Zum einen trägt sie einen sehr vielversprechenden Titel. »Gold im Grab. Funde aus dem Muschenheimer Grabhügel 35«, das macht neugierig, klingt sachlich und modern. Sieht man dann noch den neu aufgebauten Extraraum im oberen Foyer, denkt man unwillkürlich: Hier ist ein UFO gelandet. Das nicht, aber es hat wohl eine neue Zeit begonnen. Heute, Donnerstag, um 18 Uhr ist Eröffnung.

Es gehe ums Thema der Kelten in Hessen, sagte Museumsdirektorin Dr. Katharina Weick-Joch. Dazu bildete sich hessenweit eine große Koalition (»Das Keltenjahr«) unter Federführung des Museums Keltenwelt am Glauberg. Beteiligt sind zehn Museen in Hessen inklusive des OHMs. An jedem Standpunkt findet man zum Thema eine andere Schau. Die OHM-Schau könne als gezielte Vertiefung dessen gesehen werden, was in Gießen in großer Breite seit der Besiedlung der Region Thema war (Weick-Joch).

Im Zentrum steht das bekannte Muschenheimer Schwert aus der frühen Eisenzeit, das 1920 in einem Grabhügel gefunden wurde. Spektakulär ist, dass sich Goldreste und zudem das sogenannte Ortband auf dem Schwert erhalten haben. In diesem Grabhügel, der vom Archäologen Paul Helmke mit der Nummer 35 versehen wurde, stießen Forscher auch auf ein Rasiermesser und zahlreiche Keramiken, die in der Ausstellung gezielt kontextualisiert werden. Kuratiert wurde die Schau von Amalka Hermann und Linda Heintze.

Es ginge darum, »was wir aus den Funden der Eisenzeit lernen können.« Als Anreiz erhalten Besucher je Ausstellung einen Stempel, und nach drei Stempeln gibt’s ein kleines Geschenk. »Dies als Anreiz, durchs Land zu reisen und Stempel zu sammeln,« sagte die Museumschefin lächelnd.

Um etwas weiter in die Tiefe zu gehen, zeigt man jetzt etwa Abbildungen zum Thema Eisenfunde. Da es leicht oxidiert, muss es extrem trocken gelagert werden, oft war das nicht der Fall, und die Stücke sind erheblich korrodiert. Ein kurzer Film macht Details der Gegenmaßnahmen anschaulich. Das Schwert, Prachtstück der Schau, ist aus Bronze und deshalb sehr gut erhalten.

Zusätzlich gab es ein architektonisches Experiment. Man ließ sich vom Ausstellungsberater Hendrick Pless inspirieren, der dazu riet, eine Art abstrakten Grabhügel nachzubauen »und den wie ein UFO hier im Treppenhaus landen zu lassen«. Nun kann man sich gleichsam ins dunkle und geheimnisvolle Innere des Grabhügels begeben.

Per Touchscreen ins Innere

Der ist natürlich auch als Schnittbild zu betrachten, als Höhepunkt kann man auf einem Touchscreen ein Objekt aus seinem Inneren um 360 Grad drehen und auch von unten betrachten - ganz eingehend. Alles ist so angeordnet, wie man es auch im Grabhügel vorlag: »Erst die auf zwei Ebenen sortierten Keramiken, dann die weiteren Objekte.« Um die Barriere des musealen Berührungsverbots zu überwinden, sind alle Fundstücke in 3D digitalisiert worden und auf dem Bildschirm eingehend zu betrachten.

»Wir können so die Schau aus ästhetischen und kuratorischen Gründen reduzieren und vermögen die Objekte sogar noch besser zu sehen als im Original«, sagte Weick-Joch. Die Grafik dazu besorgte Kommunikationsdesigner Christian Brözel. Man wollte andere Präsentationsformen finden, was gelang.

Das Prachtstück, das Bronzeschwert, liegt mit einem Ortband in einer Vitrine, ist sehr effektvoll illuminiert und sieht einfach toll aus. Man habe es »zum Schweben bringen wollen,« sagte Weick-Joch, und das hat geklappt. Außerdem sieht man noch, illustriert mit einer Figur des »Ritter Fritz« einen Streitkolben und ein Rasiermesser aus der Zeit. Eine kurze Bildgeschichte im Comicstil erläutert, wie in der Epoche das Eisen in mühsamer Kleinarbeit hergestellt wurde. Näheres findet sich im zur Ausstellung erschienenen Katalog, der für 22 Euro erhältlich ist.

Das hessenweite Rahmenprogramm sei fantastisch, schwärmte Weick-Joch über die vielfältigen Attraktionen der neun Museumsstandorte. Zur Eröffnung in Gießen kann man sich auch noch kurzfristig anmelden, im Foyer des Hauses ist reichlich Platz auch für mehrere Besucher.

Mit der Konzentration der Exponate, der digitalen Abteilung und der ungewöhnlichen, sehr ansprechenden Form ergibt sich für den Besucher ein leichter Zugang in die längst vergangene Eisenzeit. Die optische Aufbereitung ist hochattraktiv, prägnante Texte geben adäquate Orientierung: ein Multimediamix mit inhaltlicher Tiefe. Die Kelten werden sich nicht im Grab umdrehen.

Kontakt: museum@giessen.de, Telefon 0641-960973-0.

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Die kleine Keramikschale selbst darf man nicht anfassen. © Helfried Schmidt
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Via Touchscreen das Objekt drehen und wenden. © Red

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