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Präsident der »Multiperspektiven«

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Der neue Präsident der Philipps-Universität: Umweltinformatiker Thomas Nauss. © Coordes

Marburg . Mitten in der Corona-Krise startet der neue Marburger Uni-Präsident Thomas Nauss (47) in sein Amt. Am heutigen Freitag löst der Umweltinformatiker die langjährige Präsidentin Katharina Krause (61) ab, die nicht mehr antrat. Nauss setzt vor allem auf die Zusammenarbeit über die Fächergrenzen hinaus. Die Impfquote an der Marburger Philipps-Universität ist ungewöhnlich hoch:

Nach den Erhebungen der Hochschule sind mehr als 95 Prozent der 5200 Beschäftigten und mehr als 90 Prozent der 22.500 Studierenden geimpft. Zusammen mit Quarantänewochen, 3-G-Regeln, Maskenpflicht und eigenen Testzentren hat die Uni größere Corona-Ausbrüche vermeiden können, berichtet Nauss. Im Sommersemester möchte die Hochschule wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen - sofern Omikron dies zulässt.

Thomas Nauss war bislang Vizepräsident der Universität - zuständig für Informationsmanagement. Er verhandelte den Digitalpakt für die Hochschule und stieß zahlreiche Projekte an. Die IT-Infrastruktur wurde so hochgerüstet, dass die Umstellung zur Online-Lehre während der Pandemie reibungsloser als an vielen anderen Universitäten klappte, berichten Professoren.

»Natur 4.0«

Der designierte Uni-Präsident stammt aus Süddeutschland, wo er Geografie, Fernerkundung und Bioklimatologie studierte. Nach einem kurzen Abstecher in die Industrie kam er 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter nach Marburg. Eine seiner ersten Luftmessstationen baute er in dieser Zeit in der Nähe seines heutigen Wohnorts Sarnau auf.

Als Umweltinformatiker versucht er, Umweltprobleme mit Methoden der Informatik zu lösen - ein bis heute seltener Schwerpunkt. Er promovierte über ein automatisiertes Verfahren zur Abgrenzung von Regenwolken. 2009 wurde er Professor an der Uni Bayreuth, 2011 kam er nach Marburg zurück. Als Wissenschaftler hat er sich mit zwei großen Projekten einen Namen gemacht: Er ist Sprecher des Loewe-Projekts »Natur 4.0«. Dabei wird mit ausgefeilten High-tech-Methoden ein Frühwarnsystem zum Zustand des Waldes und gegen das Artensterben erarbeitet. Dazu werden Sensoren, Antennen und Drohnen im Universitätswald bei Caldern eingesetzt. Noch größer ist das von der DFG geförderte Biodiversitäts-Projekt, für das 400 Messstationen in der schwäbischen Alb, im Nationalpark Hainich und in einem Biosphärenreservat aufgebaut wurden.

Seit knapp 20 Jahren lebt der Familienvater nun in der Region. An der Stadt Marburg schätzt er die große Fächervielfalt der Universität mit den kurzen Wegen: »Wir forschen hier nicht nur parallel zueinander«, sagt der 46-Jährige: »Hier wird die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fachdisziplinen gelebt.«

Diese Offenheit in Lehre und Forschung sowie die »Multiperspektive« zu stärken und weiterzuentwickeln, ist sein Ziel als Präsident. In den nächsten 30 bis 40 Jahren werde der Klimawandel so deutlich werden, dass man ihn nicht mehr ignorieren könne, erläutert er. Und die aktuelle Studierenden-Generation müsse diese Probleme lösen. Dazu sei ein tiefes fachwissenschaftliches Verständnis und eine starke Forschung nötig, aber auch eine intensive Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinaus. Deshalb soll es in Zukunft offene Räume geben, in denen sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen unkompliziert austauschen können.

»Ich möchte Gestaltungsräume schaffen, in denen alle ihre Ideen für die Universität einbringen können«, so Nauss. Zugleich solle dadurch ein Bild entstehen, bei dem »wir alle am gleichen Strang ziehen.« Finanziell sei die Situation der Hochschule mit ihren zahlreichen denkmalgeschützten Gebäuden allerdings nach wie vor eng.

Zusammenarbeit

Mehr Zusammenarbeit wünscht sich der als integrierend geltende neue Uni-Präsident auch mit der Stadt Marburg. So könnte die Universitätsstadt - auch gemeinsam mit der studentischen Nachhaltigkeitsbewegung »Green office« - quasi zu einem Reallabor werden, um innovative Konzepte, etwa zur grünen Stadt, voranzubringen. »Das kann sehr spannend sein«, so Nauss: »Davon profitieren Stadt und Universität.«

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