Premiere der Gießener Uni zum Frauentag findet durchwachsene Resonanz

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GIESSEN - (hh). Mit einem Massenansturm haben die Organisatorinnen offenkundig nicht gerechnet. Denn lediglich auf den Plätzen in den ersten acht Reihen liegen blau-rot-schwarz gestaltete weiße Karten mit dem nochmals aktualisierten Programm. Doch selbst die folglich anvisierten 160 Gäste finden sich am Nachmittag zum Auftakt der Veranstaltung zum Internationalen Frauentag bei Weitem nicht in der Aula der Justus-Liebig-Universität (JLU) ein.

Obendrein sind etliche Besucherinnen dank weißer Namenschildchen als Mitwirkende zu erkennen. Dabei hätten die "Grenzüberschreitungen der Historikerin und Exilantin Gerda Lerner" durchaus mehr öffentliches Interesse verdient. Zumindest die Schriftstellerin Cora Stephan kann knapp zwei Stunden später vor mehreren gut gefüllten Sitzreihen aus ihrem Roman "Ab morgen heiße ich Margo" lesen. Allerdings nutzen die meisten Zuhörerinnen die anschließende Pause schon gleich wieder zum Abmarsch. Die Gesprächsrunde mit der Journalistin Shikiba Babori und Sinem Özkan vom Gießener Verein "an.ge.kommen" vermag kaum noch 50 Frauen zum Bleiben zu motivieren. Und das angesichts von Tausenden von Studentinnen, Hunderten von Mitarbeiterinnen und einigen Dutzend Professorinnen, die an der JLU lernen, arbeiten und forschen.

"Fester Bestandteil"

Zum ersten Mal hat die Zentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte Dr. Nadyne Stritzke gemeinsam mit Julia Volz, der Leiterin des Akademischen Auslandsamtes, zum Internationalen Frauentag eingeladen. Als Kooperationspartner ist das Literarische Zentrum Gießen mit dabei. Fest geplant ist aber schon jetzt, dass der 8. März künftig ein "fester Bestandteil" im Terminkalender der JLU sein soll. Zum Start stehen die "Grenzen in den Lebenswegen von Frauen" - aus historischer und tagesaktueller, aus literarischer und politischer Perspektive - im Mittelpunkt. Und Grenzen hat Gerda Lerner einige im Laufe ihre Karriere als Historikerin überwunden. Davon berichtet Dr. Katharina Prager aus Wien in einem ausführlichen biographischen Abriss. Die 1920 geborene Gerda Kronstein entstammte einer gutsituierten jüdischen Familie. Schon früh begeisterte sie sich für marxistische Ideen und war als Antifaschistin aktiv. 1938 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter inhaftiert und konnte nach ihrer unerwarteten Freilassung in die Vereinigten Staaten fliehen. Dort angekommen, musste sie allerhand schlecht bezahlte Tätigkeiten annehmen. "Ich habe jeden Drecksjob gemacht, den es für Frauen gab, jeden. Das war sehr lehrreich. Für zwölf Dollar die Woche habe ich 48 Stunden als Kellnerin gearbeitet. Ich musste hohe Stöckelschuhe tragen, die mir für mein ganzes Leben meine Füße verschandelt haben, und ein Kostüm, das aussah wie aus dem Dreimäderlhaus. Dann habe ich eine Ausbildung zur Röntgentechnikerin gemacht. Wieder musste ich Kaffee kochen für die Ärzte, und den Mantel halten für den Herrn Doktor, und solches Zeug", erzählte sie Jahre später im Interview mit der deutschen Feministin Alice Schwarzer.

1941 heiratete sie den Filmproduzenten Carl Lerner und wurde Mutter von zwei Kindern. Ihr politisches Engagement setzte Gerda Lerner auch in der McCarthy-Ära fort und entschloss sich im Alter von 38 Jahren, ein Geschichtsstudium zu beginnen. Ihr Interesse galt den Biographien von Frauen, und schnell erkannte sie, dass nur Männer als Helden der Weltgeschichte gefeiert wurden. "Wir Frauen hatten keine Heldinnen", zitiert Katharina Prager aus ihrer Autobiographie. "Unsere einzige Heldin war Jeanne d'Arc." Das wollte die Historikerin ändern und wurde mit Werken wie "Die Entstehung des Patriarchats", "Die Entstehung des feministischen Bewusstseins: vom Mittelalter bis zur ersten Frauenbewegung" oder "Frauen finden ihre Vergangenheit" zur Pionierin der Frauengeschichtsforschung. "In den Kursen erzählen die Lehrenden von einer Welt, in der angeblich die Hälfte der Menschheit alles Bedeutende macht, und die andere Hälfte nicht existiert. Ich fragte mich, wie sie das ohne meine Lebenserfahrung kennen und überprüfen wollen. Das ist einfach Müll. Das ist nicht die Welt, in der ich lebe", so Gerda Lerner 1993 in einem Interview mit "The Chicago Tribune".

Späte Anerkennung

Intensiv beschäftigt hat sich die Wissenschaftlerin vor allem auch mit den Afro-Amerikanerinnen. "Schwarze Frauen im weißen Amerika" lautet der Titel ihrer grundlegenden und bis heute nicht übersetzten Quellensammlung.

Erst spät erkannte Österreich ihre Bedeutung als feministische Historikerin an und ehrte sie mit zahlreichen Preisen. Gerda Lerner starb 2013 im amerikanischen Wisconsin. Katharina Prager berichtet, dass in Wien zum Internationalen Frauentag im Kino die Dokumentation "Warum Frauen Berge besteigen sollten. Eine Reise durch das Leben und Werk von Gerda Lerner" gezeigt wird.

Und ein "Kurzfilm" steht nun auch in der Uniaula auf dem Programm. Auf den seit geraumer Zeit an der JLU ausgelegten Flyern war die Arbeit des Frauenvereins "Collage" noch als zweiter Tagungspunkt vermerkt. Im überarbeiteten und nochmals neu gedruckten Ablaufplan konkurriert "Wenn Fleiß und Liebe aufeinandertreffen" inzwischen aber mit der Kaffeepause. Also müssen sich die Gäste entscheiden: entweder auf dem Flur plaudern oder in der Aula gucken. Das allerdings gerät zum eifrigen Tür-auf-Tür-zu-Reigen. Dadurch geht bereits die kurze Einführung zu der Geschichte von zwei jungen Frauen im Gesprächslärm von draußen unter. Ebenso ein Großteil der folgenden Dialoge.

Recherchen in Afghanistan

Dafür kann Cora Stephan mit ihren "zwei starken Frauenpersonen" danach die Aufmerksamkeit der Gäste, unter die sich für die Lesung auch zahlreiche Männer mischen, auf sich ziehen. Bevor die Gießener Historikerin Prof. Ulrike Weckel die abschließende Gesprächsrunde moderiert. Shikiba Babori ist in Afghanistan geboren und lebt als Journalistin in Köln. Immer wieder kehrt sie für Recherchen in ihre Heimat zurück und berichtet häufig über die Lage der Frauen. Als besonders dramatisch beschreibt sie die gesundheitliche Versorgung. "Die Frauensterblichkeit ist sehr hoch, weil es sehr wenig Ärztinnen gibt." In Deutschland wiederum falle ihr besonders auf, dass meist junge Männer und Familien Schutz suchen. "Nur sehr wenige Frauen kommen allein hierher." Das belege, dass sehr viele keine "aktive Entscheidung über ihr Leben haben".

An ihre ersten Schritte als ausländische Studentin an der JLU kann sich wiederum Sinem Özkan noch gut erinnern. Und es habe schon einige Zeit gedauert, bis sie alle Unterstützungsmöglichkeiten gefunden habe. Deshalb versuche sie mit den Mitstreiterinnen von "an.ge.kommen", Geflüchteten bei der Eingewöhnung zu helfen. Das Angebot umfasst Deutschkurse, Spielabende oder gemeinsames Kochen. "Die Eingewöhnungsphase dauert sehr lang." Zumal für Frauen aus traditionell geprägten Ländern der "Emanzipationsschock" mitunter sehr groß sei. "Wir gehen deshalb auch manchmal gemeinsam tanzen. Dann kann jeder seine persönlichen Grenzen spielerisch aufzeigen." Kultur, Seite 19

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