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»Public Viewing« als »Experiment«

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Von: Benjamin Lemper

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Beim »Public Viewing« in den Hessenhallen soll auch auf die Missstände in Katar hingewiesen werden. Foto: Lemper © Lemper

Die WM-Spiele der deutschen Nationalmannschaft können in Gießen auch diesmal wieder auf großer Leinwand angeschaut werden. Es soll aber auch auf die Missstände in Katar hingewiesen werden.

Gießen (bl). Für gewöhnlich steigt das Fußballfieber, je näher ein großes Turnier wie eine Weltmeisterschaft rückt. Diesmal ist das anders: zum einen, weil der sportliche Wettkampf nicht wie sonst in die Sommermonate fällt, und vor allem, weil Gastgeber Katar schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Auch Sportministerin Nancy Faeser übte jüngst scharfe Kritik und sorgte damit bei den Scheichs prompt für Verstimmung. Ist es angesichts dieser schwierigen Lage also in Ordnung, die Spiele im Fernsehen überhaupt anzuschauen oder sie gar öffentlich zu übertragen? Fakt ist, es soll auch diesmal wieder ein »Public Viewing« in Gießen geben - und zwar in den Hessenhallen. Organisator ist die Unikat Veranstaltungs GmbH um Torsten Ströher und Sascha Homfeld. Nur die Partien mit deutscher Beteiligung werden zu sehen sein. In der Vorrunde sind die Gegner Japan (23. November, 14 Uhr), Spanien (27. November, 20 Uhr) und Costa Rica (1. Dezember, 20 Uhr). Der Eintritt kostet zwei Euro.

Seit einigen Jahren schon bitten die beiden heimischen Gastronomen zur WM oder EM zum gemeinsamen »Rudelgucken« auf das Open-Air-Gelände in der Karl-Glöckner-Straße. Das passt nun allerdings nicht zur Jahreszeit. Und da auch keine Biergartensaison mehr ist, haben sie sich eine überdachte Alternative überlegt. »Wir sind absolut zwiegespalten gewesen«, räumt Sascha Homfeld im Gespräch mit dem Anzeiger ein. Denn die Zustände in dem Wüstenstaat, wo es zum Beispiel zu zahlreichen tödlichen Unfällen auf den WM-Baustellen kam, Homosexualität als »verboten« gilt und Frauen in einem System männlicher Vormundschaft diskriminiert werden, seien »wirklich schlimm«. Dass sie in Hessenhalle 4 eine über 30 Quadratmeter große LED-Leinwand aufbauen wollen, sei jedoch »eine Entscheidung für den Sport, die Sportbegeisterung und die Nationalmannschaft gewesen, die es nicht verdient hat, boykottiert zu werden«.

Um auf die Missstände in Katar und anderen Ländern der Region, auf Ausbeutung, Unterdrückung und Entrechtung von Menschen (unter anderem in der Klamottenindustrie) hinzuweisen, sollen gleichzeitig Schautafeln erarbeitet und an einem Bauzaun als einer »Art Galerie« präsentiert werden.

Wie groß das Interesse der Fans letztlich sein wird, muss sich ohnehin zeigen. »Es ist ein Experiment«, sagt Homfeld. »Und ein Hype entwickelt sich ja oft erst im Laufe eines Turniers, je nachdem, wie gut die Leistungen des deutschen Teams sind.« Sitz- und Stehplätze wären zumindest für bis zu 2000 Zuschauerinnen und Zuschauer vorhanden. Bei Bedarf könne aufgestockt werden, aber damit rechnet Homfeld auch angesichts der frühen Anstoßzeiten erst einmal nicht. Und sobald die Elf von Hansi Flick ausscheidet, ist Schluss.

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