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»Putin ist bei Sinnen«

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Wie tickt dieser Mann? © picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP/Mikhail Klimentyev

Der Gießener Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth analysiert das Verhalten von Russlands erschreckend unberechenbarem Herrscher Wladimir Putin.

Gießen . Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat Wladimir Putin die Welt erschüttert. Nun wird gerätselt und gefürchtet: Wozu ist dieser Mann noch fähig? Der Gießener Psychoanalytiker Prof. Hans-Jürgen Wirth (71) hat sich im Laufe seiner Forschungsarbeit immer wieder mit Spitzenpolitikern sowie dem Verhältnis von Macht und Narzissmus beschäftigt. Im Gespräch mit dem Anzeiger analysiert er das Verhalten des russischen Präsidenten, den er mit einem Geiselnehmer vergleicht.

Herr Wirth, eine Frage, die uns alle umtreibt: Ist Putin irre?

Zunächst eine Vorbemerkung: Man kann niemandem in den Kopf schauen. Auch ein Psychoanalytiker seinem Patienten nicht, selbst wenn er jahrelang mit ihm redet. Man kann nur das erfahren, was jemand preiszugeben bereit ist. Um aber auf Ihre Frage zu antworten: Nein, ich glaube nicht, dass er irre - also geisteskrank - ist. Er ist bei Sinnen, schließlich kann er einen Staat leiten.

Diese vielfach geäußerte Vermutung bezieht sich meiner Ansicht nach auf drei Gründe. Zum einen auf seine Drohung mit der Atombombe. Ist er also wirklich bereit, die Welt mit in den Abgrund zu reißen? Zum Zweiten: Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist für uns so unvorstellbar und inakzeptabel geworden, dass wir sie selbst einem autoritären Herrscher wie Putin nicht zugetraut haben. Und drittens: Dieser Angriffskrieg schadet ihm und seinem Land in weit größerem Maße, als er ihm nutzt. Und genau mit dieser Irrationalität haben wir alle nicht gerechnet.

Die Drohung mit Atomwaffen ist nicht irre. Sie ist zerstörerisch, auch selbstzerstörerisch. Die wechselseitige Bedrohung sorgte im Kalten Krieg jahrzehntelang für ein Gleichgewicht des Schreckens. Aber in den letzten Jahrzehnten hat man nicht mehr damit gedroht. Es genügte zu wissen, dass ein atomares Drohpotential existiert. Putin hat mit seiner verklausulierten Drohung ein Tabu gebrochen. Und die Nato hat darauf reagiert und bekräftigt, nicht direkt einzugreifen. In gewisser Weise kann man Putin hier also ein rationales Kalkül unterstellen. Ob er nun geblufft hat oder nicht: Es hat gewirkt. Oder zumindest ist es ein zusätzlicher Grund für den Westen, Vorsicht walten zu lassen. Der andere Aspekt sind der Ertrag und die Folgen dieses Angriffs...

... die in keinem rationalen Verhältnis zueinander stehen!

Es gibt zwei Ansatzpunkte, das zu verstehen. Zum einen ist Putins Krieg in hohem Maße selbstschädigend. Darin könnte ein irrationales Moment stecken. Aber bedenken Sie seine Aggressionen, seine Völkerrechtsbrüche der vergangenen 14 Jahre. Allein der angezettelte Krieg im Donbass hat 14000 Menschenleben gekostet. Ein unglaubliches, grundloses und destruktives Verbrechen. Die prorussischen Separatisten waren ja nur ein Vorwand. Diese destruktive Politik hätte uns warnen müssen. Da hat Putin bereits sein wahres Gesicht gezeigt.

In der Ukraine hat er sich aber verschätzt. Er schädigt sein Land durch die Verluste an Menschenleben und die Wirtschaftssanktionen des Westens. Zudem ist das Ansehen Russlands in der Welt enorm beschädigt, das Land weitgehend isoliert.

Aber Putin gewinnt dabei auch etwas. Er befriedigt seine Großmachtfantasien. Der Traum vom großrussischen Reich scheint ihm viel wert zu sein. Und genau das ist ein Problem. Nicht nur individualpsychologisch, sondern auch gesellschaftlich. Die Auflösung der Sowjetunion, der rasende Zerfall dieses Imperiums war ein kollektives Trauma. Und diese Niederlage wurde psychologisch nicht konstruktiv verarbeitet. Nicht nur von Putin als Individuum, sondern im kollektiven Selbstverständnis der russischen Bevölkerung. Dieses unverarbeitete Trauma lebt weiter fort. Es wird noch religiös überhöht durch die russisch-orthodoxe Kirche und ihren Patriarchen Kirill I, der Putin unterstützt.

Da ist ein Muster zu erkennen?

Der amerikanische Konfliktforscher Vamik Volkan, der aus Zypern stammt und die Teilung des Landes in den 70ern erlebt hat, hat viele ethnische Konfliktgruppen und Politiker in aller Welt beraten. Er hat eine Theorie entwickelt, dass manche Völker ein traumatisches Ereignis benutzen, um darauf ihre Identität zu gründen. Sie entwickeln eine Opfer-identität, die großen gesellschaftlichen Zusammenhalt schafft. Er nennt das »gewähltes Trauma«. Der Grund ist nicht total erfunden, vielleicht auch wirklich passiert, kann aber auch schon lange zurückliegen. Das gewählte Trauma wird immer wieder reaktiviert. Volkan hat das am Beispiel der Serben analysiert, deren 600 Jahre zurückliegende Niederlage gegen die Türken von Staatspräsident Slobodan Milosevic Anfang der 90er Jahre wiederbelebt wurde. Er hat die sterblichen Überreste des damaligen Serbenführers Lazar ausgraben und in Prozessionen durch das Land fahren lassen. Die Bevölkerung reagierte sehr emotional darauf und stieg in die Fantasie von einer grandiosen Auferstehung des serbischen Reiches ein. Dies schien nur durch kriegerische Unterwerfung der Nachbarvölker erreichbar.

Bei Putin ist es ähnlich?

Auch er hält die schmerzhafte Erinnerung an die historische Niederlage des Sowjetimperiums am Leben. Das ist kein konstruktiver Umgang mit einer Niederlage, mit einer Kränkung, einem Verlust, einer Traumatisierung. Sondern es führt zu einer Wiederholung des Traumas. Man versucht, es mit Gewalt auszumerzen, Rache zu üben. Und Rache bedeutet, dass man ein Trauma nicht bewältigt hat. Konstruktivere Weisen mit Traumata umzugehen, bestehen darin, zu trauern und die Realität zu akzeptieren. Das gilt für individuelle Kränkungen wie für kollektive. Sich von dem zu verabschieden, was man verloren hat. Und sich dann neu zu orientieren.

Das könnte man wohl für Deutschland sagen?

Da zögere ich ein wenig, weil es heißen könnte, wir loben uns selbst. Ich würde dennoch sagen, dass eine Trauma-Bearbeitung der Nazi-Jahre gelungen ist. Wir sagen eben nicht, wir wollen die verlorenen Gebiete im Osten zurückhaben. Auch wenn es für Deutschland jahrzehntelang eine sehr schmerzhafte Auseinandersetzung war. Aber in der ehemaligen Sowjetunion wurde genau das versäumt. Man kultiviert den eigenen Opferstatus.

Und das ist vermutlich die breite Masse der Russen, auf die Putin weiter zählen kann. Man darf auch nicht vergessen, dass die 1990er eine Zeit der extremen Unsicherheit waren und der 2000 ins Amt gekommene Putin als Ordnungsfaktor eminent populär wurde. Man konnte sich auf ihn verlassen, und hat dafür auf Freiheiten verzichtet.

Kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion war ich zusammen mit Horst-Eberhard Richter an einem Projekt mit russischen Kollegen in Moskau beteiligt, bei dem Studenten in Russland und Deutschland befragt wurden, was sie vom jeweils anderen Land halten und für wie wichtig sie die Aufarbeitung der Nazi-Zeit beziehungsweise Stalin-Zeit halten. Das interessante Ergebnis: Auf beiden Seiten wurde die Aufarbeitung für sehr wichtig gehalten. Damit einhergehend gab es kaum Feindbilder. Ebenso war die Hoffnung entstanden, dass man kritisch über die eigene Vergangenheit nachdenken sollte. Unter Gorbatschow gab es zahlreiche Ansätze, Stalins Verbrechen aufzuarbeiten. Unter Putin ist das aber wieder unterdrückt worden. Das schuf die psychologischen Voraussetzungen für Putins verbrecherische Politik, die in der Tradition von Stalin steht.

In der Ukraine hat das aber deutlich besser funktioniert?

Ein interessanter Punkt. Dazu weiß ich leider zu wenig. Doch dort hat die Maidan-Bewegung einen demokratischen Prozess in Gang gesetzt, für ein freiheitliches Selbstbewusstsein gesorgt und die aus der Sowjetunion stammenden autoritären Herrschaftsformen abgeschüttelt. Man wollte sich sowohl von russischer Vorherrschaft befreien als auch von der autoritären Regierungsform.

Zurück zu Putin: Ihm scheint in seinem Furor nicht nur die Ukraine egal zu sein, sondern auch die eigenen Rekruten, die dort sterben. Er geht also im Wortsinn über die Leichen seines eigenen Volkes. Auch das ist für uns im Westen ja so unglaublich und unerklärlich ...

Das ist das Kennzeichen eines - ein Fachbegriff - übersteigerten Narzissmus. Davon gibt es zwei Arten. Die eine ist der grandiose Narzissmus, eine unrealistisch positive Übersteigerung der Vorstellungen, die man von sich selbst oder der eigenen Gruppe hat: Wir sind besser, klüger, wertvoller als all anderen. Es ist eine Selbstüberschätzung, eine Hybris. Das ist problematisch und auch bei Putin zu erkennen. Die zweite Variante ist der destruktive Narzissmus. Er geht noch einen Schritt weiter: Er sieht auch in der Zerstörung seine Größe. Das extremste Beispiel sind Amokläufer, die darin konkurrieren, wer die meisten Menschen umgebracht hat. Da sind die Ziele von vorneherein ausschließlich destruktiv. Und der eigene Untergang wird mit einkalkuliert oder sogar vollzogen. Putins Politik lässt Merkmale beider Formen des übersteigerten Narzissmus erkennen. Die destruktiven und selbstdestruktiven Anteile sind dabei besonders beunruhigend.

Ein blindwütiges Zerstören!

Nehmen Sie jugendliche Gewalttäter. Wenn die in Rage geraten, kennen sie kein Halten mehr. Auch wenn sie sich dabei selbst verletzen. Jedes Zurückweichen gilt dann als Zeichen von Schwäche. Eine Blöße, die man sich nicht geben will, selbst um den Preis des eigenen Ruins. Bei destruktiven Herrschern kann das regelmäßig beobachtet werden.

Und noch etwas: Putin sieht ja auch die Ukraine als Teil des russischen Reichs und opfert die dortige Zivilbevölkerung, die er doch eigentlich heimholen will. Er argumentiert da mit einem höheren Ziel. Verluste müsse man dafür hinnehmen. Man dürfe sich nicht damit aufhalten. Das ist ein Menschen- und Weltbild, das uns heute total fremd vorkommt.

Berühmt geworden ist die TV-Aufnahme mit seiner Führungsriege, die im Halbkreis um ihn herum sitzt. Was sagt das dem Psychologen?

Das war eine Machtdemonstration. Zudem hat er seine Führungsclique in die Mithaftung genommen, obwohl er die Entscheidung über den Krieg offenbar alleine oder weitgehend alleine getroffen hat. Das ist extrem gefährlich und ein typisches Kennzeichen von autoritären Herrschern. Sie überschätzen sich und akzeptieren nur noch Ja-Sager und Speichellecker als Berater. Kompetente Kritik ist nicht mehr möglich. Da sind sich Putin und Trump sehr ähnlich.

Hat Putin also wegen solcher Berater vielleicht wirklich gedacht, die Leute in der Ukraine jubeln ihm als Befreier zu?

Ich glaube nicht, dass er ein Opfer von Manipulation oder Einflüsterung geworden ist. Er konstruiert sich sein Weltbild selbst und leitet daraus Entscheidungen von weltpolitischer Bedeutung ab. Und das sozusagen im Selbststudium. Es ist absurd.

Die entscheidende Frage ist nun: Wie kommen wir, wie kommt Putin aus dieser Sache raus? Müsste man ihm nicht Angebote machen, um die Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen? Aber welche Brücke ließe sich da bauen?

Vom psychologischen Standpunkt aus: Er muss sein Gesicht wahren können. Es wird also Kompromisse geben müssen. Beide Seiten müssen auf substanzielle Dinge verzichten. Selenskyj hat signalisiert, dass er zu Zugeständnissen bereit ist, um dem Morden Einhalt zu gebieten.

Ist Putin denn überhaupt noch rational ansprechbar?

Man darf die Hoffnung nicht aufgeben und muss gleichzeitig den Druck aufrechterhalten. Wenn ein Geiselnehmer zehn Personen in seine Gewalt bringt, wird die Polizei auch nicht aufhören, mit ihm zu reden. Auch wenn sie gleichzeitig schaut, wie sie ihn überwältigen kann. Also: Russland wird durch die Sanktionen nicht in die Knie gezwungen werden können, militärisch ohnehin nicht. Aber Putin hat jetzt schon verloren. Wirtschaftlich, weil die Sanktionen wirken. Die Deutungshoheit, weil seine Lügen offensichtlich sind. Und politisch, weil die Ukraine ihn nicht als Befreier begrüßt. Und dieser Druck könnte Putin dazu motivieren, einen Kompromiss zu finden. So könnte verhindert werden, dass in der Ukraine alles dem Erdboden gleichgemacht wird. Man darf nicht aufgeben zu reden und gleichzeitig den Druck nicht wegnehmen.

Letzte Frage: Ist es nicht ein Dilemma, dass autokratische Systeme immer wieder einen solchen Politikertypus hervorbringen? Im Kampf um die Macht gewinnt offenbar Härte, Skrupellosigkeit, Gewissenlosigkeit ...

Auf jeden Fall. Es reicht nicht, als Erklärung jetzt auf Putins Kindheit zu schauen und zu sagen: Der war schon immer so. Auch ein Machtapparat und eine Ideologie formen den Charakter. Und sie verstärken die Neigung zur Selbstüberschätzung und zum destruktiven Handeln. Und je länger jemand an der Macht ist, um so mehr verhärten sich solche Eigenschaften. Hier zeigt sich die Kraft der Demokratie: Da wechselt die Macht.

Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt und Autor des Buches »Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Konflikte in der Politik«. Er ist Mitglied des Horst-Eberhard-Richter-Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie Gießen e. V.

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Prof. Hans-Jürgen Wirth Archivfoto: Scholz © Stephan Scholz

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