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»Putin ist bereits gescheitert«

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Von: Karsten Zipp

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Glaubt an die Stärke der Ukraine: JLU-Präsident Joybrato Mukherjee. Foto: JLU / Jonas Ratermann © JLU / Jonas Ratermann

In der GießenerAnzeiger-Serie »Was uns Mut macht« kommt heute der Präsidenten der Justus-Liebig-Universität, Prof. Joybrato Mukherjee,zu Wort.

Gießen. »Kannst Du mir etwas sagen, was irgendwie Mut macht?« Was für eine Frage! Was für eine Frage nach einem Jahr, das von Ukraine-Krieg, Corona-Pandemie und Klimakatastrophe geprägt war. Was für eine gute, schwere, ja schier nicht zu beantwortende Frage, die mir vor ein paar Wochen eine gute Freundin stellte. Und ich muss gestehen, mir fiel außer einem Blick auf längst vergangene Zeiten, als die Menschen noch dachten, ihre Welt würde untergehen, tatsächlich nichts ein. Nichts, was Mut macht, dass all die Probleme der Menschheit sich lösen lassen.

Also haben wir bei Experten nachgefragt und um Hilfe gebeten. Schreiben Sie uns etwas, was Mut für die Zukunft macht! Und tatsächlich haben sich mehrere heimische Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kultur an diesem - nennen wir es - Gedankenexperiment beteiligt. Unsere Serie »Was uns Mut macht« setzen wir heute mit dem Beitrag des Präsidenten der Justus-Liebig-Universität, Prof. Joybrato Mukherjee, fort.

1. Warum endet der Ukraine-Krieg nicht in einer Katastrophe?

Weil die Ukrainerinnen und Ukrainer sich nicht vernichten lassen werden. Sie haben über mehrere Jahrhunderte für ihre kulturelle Identität und ihre eigene Staatlichkeit gekämpft - beides werden sie sich nicht nehmen lassen. Zum anderen hoffe ich, dass auch Russland es nicht zur nuklearen Katastrophe kommen lässt - und sei es, weil man nicht selbst untergehen will.

2. Warum wird Putin insgesamt politisch scheitern?

Er ist bereits gescheitert. Er selbst gilt für immer als Kriegsverbrecher, er hat sein Land auf unabsehbare Zeit zu einem Paria-Staat gemacht. Dieser Krieg ist ein Angriff auf alle Grundlagen des Völkerrechts und eine Aneinanderreihung von Gewaltverbrechen und staatlichem Terror - und Putin trägt dafür die Verantwortung.

3. Warum wird die Ära der Rechtspopulisten in aller Welt nur von kurzer Dauer sein?

Weil sich die Kraft und die Macht der Freiheit nicht auf Dauer unterdrücken lassen.

4. Warum hat die Demokratie eine Zukunft?

Weil sie - wenn sie funktioniert - erfolgreicher sein kann als jede andere undemokratische Staatsorganisation. Der freie Wettbewerb um die besten Ideen, »checks and balances« und die Fähigkeit zur (Selbst-)Kritik und (Selbst-)Korrektur - all dies sind Stärken der Demokratie.

5. Was werden die Menschen Hilfreiches aus der Corona-Zeit lernen?

Sie werden spätestens jetzt mit dem Abklingen der Pandemie erkennen, dass die freiheitlich-demokratischen Staaten besser durch die Pandemie gekommen sind. Dies hat auch mit den Stärken der Demokratie zu tun - so wie es Angela Merkel zu Beginn der Pandemie in ihrer Fernsehansprache an die Nation auf den Punkt gebracht hat: »Wir sind eine Demokratie. Wir leben nicht von Zwang, sondern von geteiltem Wissen und Mitwirkung.«

6. Warum werden wir die Klimakatastrophe abwenden?

Weil die allermeisten Menschen ihre Kinder und Enkel lieben und ihnen keine Apokalypse hinterlassen wollen.

Joybrato Mukherjee ist ein deutscher Anglist und seit 2009 Präsident der Justus-Liebig-Universität (JLU). Im Juni 2019 wurde der 49-Jährige für vier Jahre in das Amt des Präsidenten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes gewählt. Der gebürtige Rheinländer ist ein Sohn indischer Einwanderer. Er studierte Anglistik, Biologie und Erziehungswissenschaft an der RWTH Aachen. Später belegte er ein Promotions-Studium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit dem Hauptfach Englische Philologie und den Nebenfächern Genetik und Erziehungswissenschaft, das er 2000 erfolgreich beendete. In Bonn habilitierte er sich auch. 2003 wurde Joybrato Mukherjee auf die Professur für Englische Sprachwissenschaft an der JLU berufen.

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