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»Putins Briefkasten« gibt es nicht mehr

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Wladimir Putin ist den Dresdnern als unscheinbar in Erinnerung geblieben. Symbolfoto: dpa © Red

Schriftsteller Marcel Beyer sammelt in seinem Buch acht Recherchen zum Leben des russischen Präsidenten, unter anderem aus seiner Zeit in Dresden.

»In einer mir selber nicht ganz klaren Anwandlung bin ich heute morgen fast noch schlaftrunken ins Auto gestiegen und bis an den Stadtrand hinausgefahren, um dort einen bestimmten, ursprünglich maisgelben, mittlerweile aber moosgrünen Postbriefkasten noch einmal zu sehen, dessen Bild mir seit letztem Winter vor Augen steht. Dieser Kasten, erinnere ich mich deutlich, ist neben der Eingangstür zu einem sonst nicht weiter auffälligen Mehrfamilienhaus montiert …" Das Haus befindet sich in der Radebergerstraße 101 in Dresden, die einmal Julian-Marchlewski-Straße hieß. Letzterer ist einigen von uns eher unter dem Namen Karski bekannt. Dieser war einer der Mitbegründer des Spartakusbundes, womit auch schon der Grund der Umbenennung der Straße nach der sogenannten Wende benannt ist. In dieser Straße und in diesem Haus wohnte in den 1980er Jahren der KGB-Mitarbeiter Wladimir Putin mit seiner Frau. Es ist also »Putins Briefkasten«, nach dem der Schriftsteller Marcel Beyer suchte, der seit Mitte der 1990er Jahre in Dresden lebt.

Und so ist auch das Buch benannt, das im Jahr 2012 im Suhrkamp-Verlag erschienen ist und acht sehr unterschiedliche »Recherchen« versammelt. Der Briefkasten ist nicht mehr da, und auch die Wohnung, in der die Familie Putin wohnte, ist nicht mehr genau auszumachen. Eine ist als »Gästewohnung« angegeben, und Beyer vermutet, dass dies die Putinssche Wohnung gewesen sein könnte, die sich nicht mehr vermieten lässt, »weil die Leute den Gedanken nicht ertragen können, über ihren Köpfen trampele der Geist eines längst entschwundenen Russen herum«.

Wie es sich für einen Geheimdienstmitarbeiter gehört, haben ihn die Leute als äußerst unscheinbar in Erinnerung, um nicht zu sagen: gesichtslos. Er habe weder geraucht noch getrunken, sei also eigentlich gar kein richtiger Russe gewesen.

Unerträgliche Pedanterie

Den Mitgliedern eines Anglervereins, dem er damals beigetreten ist, sei der aus Leningrad stammende Mann ausschließlich wegen seiner unerträglichen Pedanterie aufgefallen. Störrisch habe er an seinen Ansichten festgehalten und sei gegen jede Belehrung perfekt abisoliert gewesen.

Als wütende DDR-Bürger im Dezember 1989 die KGB-Dienststelle stürmen, sind die Mitarbeiter gerade damit beschäftigt, Akten zu verbrennen. Putin, der ganz passabel deutsch spricht, erklärt den aufgebrachten Leuten, er sei »Übersetzer«. Etwa einhundert Seiten weiter sitzt Marcel Beyer im Frühstückssaal des Hotel Express in Kiew. Vom Büfett her riecht es säuerlich, und ein Nachrichtensender überträgt eine Rede von Wladimir Putin. Dann werden Bilder von der »Revolution in Orange« gezeigt, die im Jahr 2004 nach den ukrainischen Präsidentschaftswahlen ausgebrochen war. Alle bezichtigten sich gegenseitig der Wahlfälschung. Um Beyer herum gibt es nur männliche Frühstücksgäste in Trainingsanzügen, die alle nach demselben Duschgel riechen und Badeschlappen tragen. Der Frühstückssaal entspricht damit ziemlich genau Beyers Vorstellung von der Hölle. Dieser Passus des Romans endet mit dem geradezu prophetisch klingenden Satz: »Die Adilettenmänner gehen ihren Mordgeschäften nach.« Ob es sich bei den Hotelgästen um Russen, Ukrainer oder einfach nur Mafiosi handelt, sagt Beyer nicht.

»Angela« schickt Radeberger

Ganz so abstinent scheint Putin nun doch nicht zu leben. Neulich hörte ich ein älteres Interview mit ihm, in dem er davon sprach, dass er gelegentlich gern mal ein Radeberger Bier trinke. »Angela«, so sprach er tatsächlich von Angela Merkel, schicke ihm ab und zu ein paar Flaschen. Spätestens mit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine, also am 24. Februar, wird sie diese Sendungen eingestellt haben. Eine Sanktion, die Putin schwer treffen wird.

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