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Radikalität der Jugend

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Die Jugend ist häufig eine Zeit der Radikalität den anderen wie sich selbst gegenüber. Der Italiener Gianfranco Calligarich bringt dieses im Laufe einer langen Lebensspanne immer weiter verblassende Gefühl zurück - mit einem Roman, der rund 50 Jahre nach seiner Entstehung eine ebenso überraschende wie verdiente Erfolgsgeschichte schreibt.

»Der letzte Sommer in der Stadt« lautet der Titel der 1973 erstmals veröffentlichten und zwischenzeitlich weitgehend in Vergessenheit geratenen Erzählung, die den jungen Leo Gazzarra in den Mittelpunkt rückt. Ein Mann von Ende 20, der aus seiner Heimatstadt Mailand nach Rom kommt, dort bald in die Bohèheme-Kreise eintaucht und sich hemmungslos nächtlichen Ausschweifungen hingibt. Dieser Leo, auch Erzähler der Geschichte, ist ein radikal selbstbezogener Hedonist, der durch Bars und Cafés streift, Affären eingeht und kaum über den nächsten Tag, die nächste Nacht hinausplant.

Seine Arbeit als Sportjournalist bei einer großen Tageszeitung ist für ihn nicht mehr als Mittel zum Zweck. Das knappe Gehalt verbraucht er für Alkohol und Restaurantbesuche, mit der Miete ist er dagegen seit Monaten im Rückstand. Da begegnet er der schönen Arianna, die seine unstete Existenz vollkommen aus der Bahn wirft und das hohe Lebenstempo Leos weiter beschleunigt, bis es unkontrollierbar zu werden droht.

Der deutschprachige Verlag des Buchs, das mittlerweile in mehr als 20 Sprachen übersetzt wird, vergleicht es mit Paulo Sorrentinos filmischem Meisterwerk »La Grande Bellezza«, das den Lebensüberdruss der römischen Oberschicht in grelle Bilder kleidet. Dieser Hinweis ist nicht ganz falsch, denn auch Gianfranco Calligarich erzählt von Menschen, die den Exzess einer bürgerlich-durchschnittlichen Lebensweise vorziehen. Lesenswert wird dieses Buch aber vor allem, weil der Autor so ungemein wirksam davon erzählt, welche Faszination, vor allem aber welche Gefahren dieser radikale Lebensentwurf birgt. Nach diesem Sommer gibt es für Leo daraus kein Zurück mehr.

Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt. 22 Euro. 208 Seiten. 22 Euro. Zsolnay.

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