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Raum für Kunst und Begegnungen

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Die Gießener Künstlerin Katarina Kronburger will Menschen aller Altersgruppen in die Galerie im Neustädter Tor holen - auch solche, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Foto: Gauges © Gauges

Zwischen Modehändlern und Spielzeugladen findet sich im Obergeschoss des Einkaufscenters Neustädter Tor eine Galerie, in der Gemälde und eine großformatige Skulptur zu entdecken sind.

Gießen. Ein ungewöhnlicher, überraschender Ort für die Kunst: Zwischen Modehändlern und Spielzeugladen findet sich im Obergeschoss des Einkaufscenters Neustädter Tor eine Galerie, in der auf 400 Quadratmetern zahlreiche Gemälde und eine großformatige Skulptur zu entdecken sind. Es sind Arbeiten der Gießenerin Katarina Kronburger, die das ehemalige Geschäftslokal als Pop-up-Galerie für ihre Arbeiten nutzt und in den nächsten Monaten zu einem kulturellen Treffpunkt für alle Generationen ausbauen will.

Geboren und aufgewachsen in Bosnien und Zagreb, kam sie 1991 mit ihrer Mutter zu Beginn des Jugoslawien-Kriegs nach Deutschland. Sie lebte in Herborn und machte auf der Gießener Liebigschule ihr Abitur. Zur bildenden Kunst fand sie im Alter von 26 Jahren - durch einen Zufall. Damals lebte Kronburger in Italien, einige persönliche Schicksalsschläge versuchte sie auf kreative Weise zu verarbeiten. »Als Autodidaktin habe ich mir nichts weiter dabei gedacht«, erzählt sie über die Anfänge. Doch eine Bekannte schlug schon bald vor, mit dem Material eine Vernissage zu organisieren. Drei Wochen später war es soweit.

Und »das Märchen ging weiter«: In Mailand fuhr sie mit dem Auto einen Porsche an, das Rücklicht des Sportwagens war kaputt. Der Mann machte entgegen ihrer Befürchtung aber kein großes Aufhebens darum. Zugleich setzte sie sich auf der Leinwand mit den Formen des Wagens auseinander. »Ich habe mit Autos eigentlich nichts am Hut, aber die weiblichen, geschwungenen Linien haben mich fasziniert.« Weil er sich honorig verhalten hat, schenkte sie ihm eins dieser Ölbilder. Dabei stellte er sich als Chef des Porsche-Zentrums Mailand heraus - und bat um weitere Motive.

So ging die künstlerische Reise weiter. Kronburger war - nun unter dem Künstlernamen Picassolina - »die erste Frau, die Kunst auf der Automesse IAA in Frankfurt ausstellte« und bekam auf diesem Weg den Auftrag, ein Hotel auf Gran Canaria mit ihren Gemälden zu schmücken. Es folgten zahlreiche Ausstellungen in Italien, Spanien und Deutschland. »Ich bin immer wieder in irgendetwas reingeschlittert«, lacht sie.

Doch die hoffnungsvolle Karriere nahm 2007 ein jähes Ende. Bei der Mutter der Gießenerin wurde ein Gehirntumor diagnostiziert. »Sie wurde operiert, war danach zwei Jahre lang wie ein Baby.« Die Tochter kümmerte sich Tag und Nacht um sie, es gab mehrere weitere Operationen, Bestrahlungen, »ein stetiges Auf und Ab«. Zum Malen ist die Gießenerin fortan nicht mehr gekommen. 15 Jahre lang war sie damit beschäftigt, ihre Mutter zu pflegen. »Was ich künstlerisch angefangen habe, musste ich stehen lassen.«

Neuronen, Akte, Sportwagen

Im Mai dieses Jahres ist ihre Mutter Dragica gestorben. Und Katarina Kronburger versucht nun auf neue Weise, ihre vielfältigen kreativen Möglichkeiten zu nutzen. Von der Geschäftsleitung des Neustädter Tors bekam sie das Angebot, einen leerstehenden Schuhladen übergangsweise als Galerie zu nutzen. So stellt sie dort nun Arbeiten aus, die zwischen 2003 bis 2007 entstanden sind. Ganz unterschiedliche Motive sind da zu entdecken, zumeist in Öl auf Leinwand, die motivisch zeigen, mit welchen Themen sich die Künstlerin auseinandersetzt.

Spannungsgeladene großformatige Abstraktionen etwa verweisen in dunklen Blautönen auf ihre Beschäftigung mit den Synapsen im Gehirn. Der Hirntumor ihrer Mutter »war groß wie eine Birne.« Werde er weggeschnitten, ist sie nicht mehr vollständig, lautete ihre Überlegung. Erstaunlich war dann für die Tochter die Entdeckung, wie andere Areale des Gehirns die fehlenden Synapsen übernommen und neue Verbindungen geknüpft haben. »Wir können uns immer weiterentwickeln, wenn wir wollen«, hat die Malerin dabei für sich entdeckt.

Andere Themen, die sich in ihren Arbeiten niederschlagen, sind etwa Pilzgeflechte, die über weite Entfernungen miteinander kommunizieren können. Die »Stürme der Liebe« hat sie in Abstraktionen von leuchtendem Rot getaucht. Aber auch weibliche Akte oder die von dem Unfall inspirierten Rundungen luxuriöser Sportwagen sind in der Galerie auf farbintensiven Leinwänden von bis zu 2,40 Metern Breite zu entdecken.

Gleichzeitig will die Gießenerin mit der Galerie »vielen unterschiedlichen Leuten einen Zugang zur Kunst verschaffen«, erzählt sie. Daher will die Künstlerin nun Seniorenheime, Pflegeheime und Behindertenwerkstätten kontaktieren und deren Bewohner einladen. Schließlich sei der Raum barrierefrei. Einen Rollator und einen Rollstuhl hat sie zudem eigens besorgt, um Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, den Besuch zu ermöglichen. Praxis in diese Richtung hat sie beim Hessentag gesammelt: Für die Stadt Herborn haben 80 Bewohner eines Pflegeheims unter ihrer Anleitung kreativ gearbeitet. »Das war eine sehr schöne Erfahrung.«.

Von Schulklassen bis Pflegeheimen

Auch Schulklassen würde sie gerne aus dem Kunstunterricht in die Galerie holen. »Man muss in der Einsamkeit arbeiten, braucht aber auch den Austausch«, hat sie erkannt. Daher würde sie gerne »mit jungen Menschen in Kontakt kommen, die vielleicht selbst mit dem Künstlerdasein flirten.« Auch gemeinsame Projekte kann sie sich vorstellen, ebenso das Basteln mit Kindern, Kleinkunstabende oder Konzerte. »Etwas mit anderen Leuten auf die Beine stellen«, darum geht es. So soll die Galerie ein sozialer, kreativer Raum sein, in dem Begegnungen stattfinden.

Zugleich hofft sie, nun auch selbst wieder Muße zu finden, um kreativ arbeiten zu können. Vielleicht in der Galerie, wo sie sich von Besuchern über die Schulter schauen lassen könnte. Ein dahinter gelegener, großer Raum kann als Werkstatt und Atelier dienen. Mit neuen Arbeiten will sie die Galerie zudem in den nächsten Monaten anreichern. Allerdings weniger auf der Leinwand als vielmehr mit Objekten. Eines ist bereits in der Galerie zu finden: eine große offene Kunststoffhand, die eine durchsichtige Kugel hält. Darin ein Stundenglas, das gedreht und neu in Bewegung gebracht werden kann. »Ich habe einen Werkzeugkasten, tüftle gerne und würde gerne mehr mit Technik machen«, erzählt sie.

Und schließlich gibt ihr die Arbeit die Möglichkeit, »für unseren Tumorverein zu werben«. Flyer hat sie ausgelegt, die auf den Verein Hirntumor Selbsthilfe Mittelhessen aufmerksam machen. Zudem verkauft sie über ihre Homepage Bilder, deren Erlös an den Verein gehen soll.

Öffnungszeiten der Galerie sind montags, mittwochs, freitags und samstags von 14 bis 19 Uhr. Der Kontakt, weitere Informationen sowie ein Einblick in ihre Arbeit finden sich auf ihrer Homepage: www.picassolina.com.

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