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»Reaktivierung ist oberstes Ziel«

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Seit 1997 liegen weite Teile des Gail-Geländes am Erdkauter Weg brach. © Mosel

Die Entwicklung des Gail-Geländes in Gießen ist ins Stocken gekommen. Die Stadt nimmt erneut Anlauf.

Gießen. Es ist still auf dem Gail-Gelände am Erdkauter Weg, das sich die Natur stellenweise zurückerobert. Denn weite Teile des insgesamt rund 19 Hektar großen Areals liegen brach - seit 1997. Zwar kommt vor einigen Jahren für einen Augenblick Hoffnung auf: »Nach Ermittlungen von Planungsgrundlagen, Konkretisierung der Planungsziele und vielen weiteren Vorabstimmungen wurden ab 2019 schon erste Konzeptansätze für eine Nachfolgenutzung, -bebauung und Neuerschließung diskutiert. Auch wurden bis 2020 auf Kosten der Eigentümerschaft Verträglichkeitsgutachten (Lärm und Geruch) erstellt, um die Spielräume für bestimmte Entwicklungsoptionen zu klären, ohne benachbarte Bestandsnutzungen oder geplante Vorhaben zu beeinträchtigen«, berichtet Magistratssprecherin Claudia Boje. Doch ein Eigentümerwechsel im vergangenen Jahr bremst die Entwicklung scheinbar erneut. Wobei: »Uns ist wichtig, dass wir auch weiter regelmäßig versuchen, in Kontakt mit dem neuen Eigentümer zu kommen«, unterstreicht Boje die städtische Position.

Arbeitsplätze und Steuereinnahmen

Nach Meinung der Bürgerinitiative »Historische Mitte Gießen (HMG)« dauert die Entwicklung zu lange. »Durch das Wiedernutzen der Gewerbebrache könnte die Stadt für ihre Bürger zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Sie brächten der Stadt zusätzliche Einkünfte aus Gewerbesteuer und Einkommenssteuer«, erläutert der Zweite BI-Vorsitzende Peter Eschke in einer Mitteilung.

An diesem Punkt liegen Stadt und Bürgerinitiative nah beieinander. »Fest steht für die Stadt: Eine Reaktivierung der Fläche als Gewerbe- und Industriefläche ist oberstes Ziel«, erklärt die Magistratssprecherin. Beim Weg zum Ziel unterscheiden sich die Positionen jedoch sehr.. »Da die bisherigen Eigentümer keine Wiedernutzung der Flächen realisiert haben, ist es geboten, dass die Stadt nach so langer Zeit der Brache alle Möglichkeiten nutzt, um in das Eigentum der Flächen zu kommen«, fordert Eschke im Namen der Bürgerinitiative. Angesichts des Klimawandels müsse mit der wertvollen Ressource Boden sparsam umgegangen werden. Daraus leite sich ab, dass Innenentwicklung vor Außenentwicklung erfolgen müsse. »Nach dem Baugesetzbuch gibt es, sofern der derzeitige Eigentümer nicht an die Stadt verkaufen möchte, Rechtswege für die Reaktivierung solcher Leerstandsfälle, die mit der Flächenübernahme durch die Stadt abschließen. Dann könnte die Stadt diese Flächen wieder an Gewerbetreibende abgeben«, resümiert Eschke.

Weder für das Vorkaufsrecht noch für die Enteignung sieht die Stadt derzeit beim Gail-Gelände die Voraussetzungen gegeben. Stattdessen will man »erneut auf den neuen Eigentümer zugehen und die Reaktivierung der Flächen erneut anstoßen.«

Ohnehin muss bei dem Gelände zwischen zwei Bereichen differenziert werden. »Die Eigentümerschaft der rund 2,7 Hektar großen, weitgehend bebauten südöstlichen Teilfläche konnte nach dem Ankauf alle dort bereits vorhandenen Nutzungen (Gail-Design, Fitnessstudio und andere) weiterführen und noch neue Mieter (zum Beispiel die Zollverwaltung) hinzugewinnen. Somit wurde fast der gesamte Gebäudebestand bereits verwertet.« Der Eigentümer der 16,2 Hektar großen Fläche habe noch keine Umbau- oder Umnutzungsabsichten vorgetragen. Nur die denkmalgerechte Sanierung und Sicherung eines Gebäudes laufe auf der großen Fläche, von der noch sechs Hektar unbebaut seien oder aus Naturschutzgründen bleiben müssten. »Aus dem Lösungsvorschlag des Planungsamtes von 2020 ergibt sich, ein gewerblich-industrielles Potenzial mit einer Gesamt-Bruttogeschossfläche von rund 200 000 Quadratmetern mit bis zu 1500 -Arbeitsplätzen im produzierenden, verarbeitenden und Dienstleistungsgewerbe«, teilt Boje die Perspektive der Stadt auf das Gelände mit.

Innenen- vor Außenentwicklung

Eine übergeordnete Verkehrsuntersuchung sei 2020 zu dem Ergebnis gekommen, dass die »Anbindung des Gewerbestandortes über eine Bahnunterführung Ferniestraße an die Ringanschlussstelle ›Schiffenberger Tal‹ weiterhin leistungsfähig möglich ist. Die Vorbereitung der Umsetzung der Bahnunterführung ist jedoch aufgrund der ab 2020 vom Bund geänderten Rahmenbedingungen für eine Eisenbahnkreuzung und anderer Prioritäten bei DB-Projekten ins Stocken geraten«. Die komplette Neuerschließung samt Abtrennung der Entwässerung und Rückhaltung sei aber erforderlich. Dazu zählt auch die zeitliche Koordinierung der Entwicklung mit der äußeren Erschließung, zu der die Bahnunterführung und die Verlängerung der Ferniestraße gehören. Zudem seien privatrechtliche Fragen zu klären, darunter Abhängigkeiten von benachbarten Eigentümern. Trotz dieser Schwierigkeiten ist sich die »Stadt mit der BI einig, dass die Fläche recycelt werden muss. Sie betont das große Interesse der prioritären Entwicklung der Fläche vor der Inanspruchnahme weiterer Außenbereichsflächen«, bringt Boje die Position der Stadt zum Gail-Gelände auf den Punkt. Seit Jahrzehnten sei dieser Vorrang die Maxime der Gießener Stadtentwicklung.

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