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Rebell unter den Chemikern

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Bernd Commerscheidt (l.) und Peter Schreiner rückten den Mensch Liebig ins Zentrum ihres Vortrags. Screenshot: Kremer © Emma Kremer

»ChemTalk JLU« stellt im Staffelfinale Justus Liebig in den Mittelpunkt. Dabei ging es nicht nur um den berühmtenb Wissenschaftler, sondern auch um den Mensch und »rebellischen Studenten«.

Gießen. Fachbereichsbezogene Themen wie Chemie im Alltag, die Forschungsergebnisse aus Arbeitsgruppen oder der Zusammenhang zwischen Materialforschung und der Energiewende werden im »ChemTalk JlU« diskutiert. Seit Beginn des letzten Wintersemesters findet dieser Austausch monatlich statt. Im Zentrum der letzten Folge, dem Staffelfinale, steht Justus von Liebig.

In Gießen ist er als Namensgeber von Schulen, Straßen und Apotheken bekannt, seine unersetzlichen wissenschaftlichen Errungenschaften machten den Chemieprofessor aber auch weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, er genießt bis heute Weltruf.

Der »ChemTalk JLU« bleibt nicht bei Liebigs Bedeutung für die Forschung stehen, sondern stellt die Frage »Wussten Sie, dass Justus Liebig ein rebellischer Student war?« in den Vordergrund. Über einen YouTube-Livestream kann die Gesprächsrunde zwischen dem JungChemikerForum (JCF) und den eingeladenen Experten verfolgt werden. Mit Prof. Peter Schneider, dem stellvertretenen Präsidenten der Gesellschaft Deutscher Chemiker vom Institut für Organische Chemie und Dr. Bernd Commerscheidt, dem kommissarischen Kurator des Gießener Liebig-Museums aus dem Institut für Anorganische und Analytische Chemie, ist die Gesprächsrunde prominent besetzt.

Zunächst gibt Dr. Commerscheidt einen anschaulichen Überblick über die Kindheit und das Leben Liebigs, der bereits als Schüler Chemiker werden wollte, zu einer Zeit, als seinen Lehrern dieser Beruf noch völlig unbekannt war. »Liebig war nicht besonders interessiert an dem Stoff, der unterrichtet wurde, er hatte große Defizite in den Hauptfächern«, erzählt er. Das Interesse für die Chemie sei besonders durch Vorführungen auf dem Jahrmarkt entstanden.

Nachdem Liebig seine Apothekerausbildung aufgrund einer von ihm verursachten Explosion abbrechen musste, begann er sein Studium und trat in eine Studentenverbindung ein, die sich damals durch ihr fortschrittliches Denken auszeichnete. Damals wie heute seien es eher die jungen Leute gewesen, die rebellierten. Als Professor sei er einer der ersten gewesen, der auch Frauen unterrichtete, wofür er viel Spott erntete. Heute könne man ihn als »einen der Vorreiter von emanzipatorischen Tendenzen für die Frau« bezeichnen, meint Commerscheidt.

Neben einigen Anekdoten aus dem Leben Liebigs werden während der Talkshow auch einige Exponate aus dem Liebig-Museum präsentiert. Sie verweisen auf die enorme Bedeutung einiger Erfindungen Justus Liebigs für die gesamte chemische Forschung. »Seine Grundmotivation war, zeitaktuelle Probleme anzugehen«, stellt Prof. Schreiner fest, weshalb Liebig heute vielleicht Biochemiker geworden wäre, um ein wirkungsvolles Heilmittel gegen das Corona-Virus zu erfinden.

Aber auch die Atmosphärenchemie hätte für ihn von Interesse sein können, spekuliert der Experte, schließlich sei die Umweltproblematik heute so aktuell wie nie. »Er wäre sicherlich in der Fridays For Future-Bewegung gewesen, denn Liebig erkannte schon sehr, sehr früh, dass die Ressourcen der Erde endlich sind«, stimmt ihm Kollege Commerscheidt zu. Auf die Frage im Chat, ob sie gerne einen Liebig in ihrer Arbeitsgruppe hätten, antworten beide mit einem begeisterten: Ja.

Schreiner erzählt in diesem Zusammenhang von den Planungen, den Vorbildcharakter Liebigs und seiner bedeutenden Schüler deutlich zu machen, indem man die historischen Räume, in denen auch heute noch junge Menschen Chemie studieren, nach ihnen benennt. Liebig habe seinen innovativen und rebellischen Geist übrigens auch als 21-jähriger Professor nicht verloren. Er brachte mit seinem Ansatz der Experimentalvorlesung, die er sich bei seinem eigenen Studium in Paris angeeignet hatte, neuen Wind in die Säle der JLU und es gelang ihm immer wieder, Chemie anschaulich zu gestalten.

Der »ChemTalk JLU« hat sich an dem berühmten Gießener ein Beispiel genommen und es geschafft, ein Format zu finden, in dem fachbereichsbezogene Inhalte auf unterhaltsame Weise dargestellt und interaktiv diskutiert werden. Das Format ermöglicht einen lebendigen Austausch auch in Zeiten, in denen der direkte Kontakt aufgrund der Pandemie nicht möglich ist. Die nächste Folge wird am 11. April übertragen, die Mitglieder freuen sich über weitere Fragen und Anregungen oder Teilnahmeinteresse.

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