1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Rechtzeitig vor Bomben geflohen

Erstellt:

Die 29-jährige Ukrainerin Julia Kozachynska erzählt von ihrer langen Odyssee von Kiew nach Gießen, wo sie bei einem russischen Freund eine Unterkunft gefunden hat.

Gießen . Den 24. Februar 2022 wird Julia Kozachynska nie mehr in ihrem Leben vergessen. Als die 29-jährige Ukrainerin an jenem Tag in ihrer Mietwohnung in Kiew »arbeitet und dabei Musik hört«, wie sie im Gespräch mit dem Anzeiger erzählt, »hörte ich plötzlich laute Explosionen«. Offenbar hatten russische Flugzeuge eine Kaserne nahe der Hauptstadt bombardiert. »Ich hatte einen solchen Schock, dass ich nicht mehr auf den Beinen stehen konnte«, berichtet sie. Sofort war der Übersetzerin und Fotografin klar: In Kiew würde sie fortan nicht mehr sicher sein. Das Ziel ihrer Flucht ergab sich schnell: Gießen. Hier nämlich wohnt Dr. Aleksandr Zaichenko, der Kozachynska einlud, bei ihm unterzukommen. Den Wissenschaftler, der als Postdoc am Physikalisch-Chemischen Institut der Justus-Liebig-Universität forscht, verbindet mit der 29-Jährigen seit längerer Zeit eine Online-Freundschaft. Getroffen hatten sich der 31-jährige Russe und die Ukrainerin allerdings zuvor noch nie.

Als die junge Frau, die sehr gut Englisch spricht, von Kiew aufbrach, verlor sie nicht viel Zeit. »Ich packte schnell meinen Rucksack, steckte auch Dinge wie Laptop und Kamera ein und fuhr mit dem Bus zum Bahnhof«, schildert sie. Aufgrund langer Staus in den Straßen, sollte sie erst nach einigen Stunden dort ankommen und traf auf viele andere Menschen, die ebenfalls mit einem Zug entkommen wollten. Da außerdem »immer wieder die Sirenen heulten und wir Schutz suchen mussten«, entschied sich die 29-Jährige schließlich um. Statt den Zug nahm sie einen Bus nach Lwiw (Lemberg). »Diese Fahrt dauert normalerweise fünf bis sechs Stunden, wir brauchten aber 26 Stunden«, weil auch auf dieser Strecke die Straßen verstopft waren. Während der Fahrt seien mehrfach Flugzeuge über sie hinweggeflogen. »Ob es unsere oder russische waren, kann ich aber nicht sagen.« Doch schwebte bei ihr jedes Mal die Angst mit, dass die Fahrzeuge zum Ziel von Angriffen werden könnten.

In Lwiw blieb Julia Kozachynska zwei Tage, auch, um dort einen guten Freund zu treffen. Ihr Plan, mit dem Zug nach Polen weiterzufahren, sollte aber nicht klappen. »Auch hier war der Bahnhof voller Menschen.« Erneut nahm sie einen Bus, der circa zwei Stunden bis zu einer kleinen Stadt nahe der Grenze benötigte. Die Warteschlangen waren zwar noch längst nicht so lang wie heute, dennoch verzögerte sich der Grenzübertritt. »Ein Mann bot mir und anderen an, in einer Kirche unterzukommen, wo es auch Essen und Trinken gab.« Dieses Angebot nahm sie gerne an, zumal sie Energie für die Weiterreise tanken konnte.

Am Folgetag sagte ihr dann ein anderer Helfer, dass in einem kleinen Bus noch Plätze frei seien. »Wir saßen schließlich mit über 20 Personen darin, der Bus war total überfüllt, die Kinder schrien«, erzählt sie. Um zwei Uhr in der Nacht wurde dann die Grenze passiert, hinter der »viele Freiwillige« warteten, um zu helfen. Darunter auch ein Mann mit seinem Privatwagen, der anbot, Flüchtlinge nach Warschau zu bringen. Was Kozachynska natürlich sehr gelegen kam. Unterbrochen wurde diese Fahrt nur von »einem Zwischenstopp bei ›McDonalds‹", erzählt sie. Obwohl selbst Vegetarierin, aß sie dort auch Fleisch, »was ich sonst niemals tun würde«.

In Sorge um Familie und Verlobten

Fahrkarten für die Zugverbindung von Warschau nach Gießen hatte online bereits Zaichenko besorgt. Nach Umstiegen in Berlin und Frankfurt sei sie schließlich um ein Uhr morgens in Gießen angekommen. »Für die zwei Grenzübertritte habe ich zusammengerechnet circa 24 Stunden gebraucht.« Von Kiew bis nach Polen hatte es deutlich länger gedauert. Rückblickend ist die 29-Jährige all jenen Menschen »sehr dankbar, die mir bei meiner Flucht halfen«.

Mehr noch als um sich selbst sorgt sich Kozachynska um ihre Eltern und ihre zwölfjährige Schwester, die in einem kleinen Ort im Nordosten der Ukraine leben, wie auch um ihren Verlobten, einem Soldaten der ukrainischen Armee. Beide haben sich erst vor wenigen Tagen aus der Ferne das Heiratsversprechen gegeben. Mit allen ist die 29-Jährige nahezu täglich im Kontakt, per Telefon oder Social Media. Wo sich ihr Verlobter derzeit mit seiner Truppe aufhält und wie die Kampfhandlungen laufen, wisse sie jedoch nicht. Als Soldat dürfe er solche Details nicht über abhörbare oder online nachverfolgbare Kanäle preisgeben, berichtet sie. Was Eltern und Schwester betrifft, schöpft die junge Frau Hoffnung daraus, dass diese in einer ländlichen Gegend wohnen, die womöglich für militärische Operationen nicht so interessant sein könnte. Andererseits verschärft sich die Versorgungslage auch hier.

Ungewiss bleibt genauso, wie es mit Julia Kozachynska nun in Deutschland weitergeht. Das wohl Wichtigste, ein Dach über dem Kopf, hat sie sicher. »Sie kann gerne weiter bei mir wohnen«, sagt Aleksandr Zaichenko. Die 29-Jährige geht davon aus, dass sie zunächst ein halbes Jahr in Deutschland bleiben darf. Allerdings warte sie noch auf konkrete Regelungen der Bundesregierung. Schon jetzt würde sie gerne arbeiten und Geld verdienen. Um hierfür eine Erlaubnis zu erhalten, will sie sich nun an die Gießener Ausländerbehörde wenden. Auch das Erlernen der deutschen Sprache hat sich die junge Frau fest vorgenommen. Obwohl sie einen in der Ukraine erworbenen Master-Abschluss in Russischer Literatur und Englisch hat und schon häufig als Übersetzerin arbeitete, würde sie eine ganz andere berufliche Tätigkeit »bevorzugen: das Fotografieren«, sagt sie. Was einst als Hobby begann, entwickelte sich zu ihrer Leidenschaft. So habe sie schon häufig in der Modebranche gearbeitet. Foto: Docter

Auf ihrer Flucht hat Julia Kozachynska auch Fotos von Bahnhöfen gemacht. Davon wollte sie dem Anzeiger mehrere zur Verfügung stellen. Zwischenzeitlich habe jedoch die ukrainische Regierung alle Landsleute aufgerufen, keine Fotos von Bahnhöfen im Internet oder auf Social Media-Kanälen zu verbreiten, erzählt sie. Denn solche Aufnahmen könnten von Russland zur Ermittlung militärischer Ziele missbraucht werden.

Auch interessant