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Reiche Beute im Hohlweg

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Das jüngste Gemälde von Wolfgang Platt zeigt einige der Räuber auf dem Heimweg vom Ort des Verbrechens. Die Melancholie der Erfüllung ist den Männern anzusehen. Repro: Platt © Red

Auf den Spuren eines 200 Jahre alten Überfalls, die von Kombach über ein einsames Waldstück bis nach Gießen führen - und sieben arme Bauern das Leben kostete.

»Wenn du die Geschichte eines großen Verbrechers liesest, so danke immer, ehe du ihn verdammst, dem gütigen Himmel, dass er dich mit deinem ehrlichen Gesicht nicht an den Anfang einer solchen Reihe von Umständen gestellt hat.« (Georg Christoph Lichtenberg)

Nachdem der fliegende Händler David Briel im Herbst 1821 die Idee ins Dörfchen Kombach getragen hatte, das zwischen Gladenbach und Gießen verkehrende Geldkärrnchen zu überfallen, hatten sich bald sieben Bauern und Tagelöhner gefunden, die bereit waren, den Plan zusammen mit ihm auszuführen. Im Bericht des Criminalsekretärs Carl Franz über den Postraub in der Subach heißt es: »Auf den ersten Weihnachtstag 1821 wollten sie den Postwagen zum erstenmal in der Gegend von Eifa angreifen. Als sie auf dem Weg dahin nach Eckelshausen kamen, langte ein Brief an Jacob Geiz an, worin ihm David Briel schrieb, dass jetzt aus der Sache nichts werden könne, indem das Geldkärrnchen diesmal von zwei Gendarmen begleitet werde.« Es folgten noch fünf weitere Fehlversuche, bis die Sache am 19. Mai 1822 zur Ausführung kam und gelang. Davon und von dem traurigen Rest habe ich im Gießener Anzeiger vom 9. Oktober 2021 unter der Überschrift »Das kurze Glück der armen Leut‹« berichtet. Fünf der acht Täter wurden 1824 in einem Gerichtsverfahren auf dem Gießener Brandplatz zum Tode durch das Schwert verurteilt und hingerichtet, zwei weitere nahmen sich in der Gefängniszelle das Leben, dem Anstifter David Briel gelang die Flucht.

Einen ersten Artikel über den Postraub hatte ich im Sommer in der Berliner Tageszeitung Junge Welt veröffentlicht. Ihm war zur Illustration ein Bild beigefügt, das vom Kombacher Maler Wolfgang Platt stammte. Das Bild heißt »Der Raub« und zeigt die acht Kombacher Gelegenheitsräuber bei der Tatbegehung. Ich bekam über die Redaktion seine Telefonnummer und rief ihn an. Wir unterhielten uns lang und angeregt über das Ereignis, das uns beide nicht los lässt. Ich erzählte Wolfgang Platt von einem fehlgeschlagenen Versuch, den Tatort zu finden, und er bot an, ihn mir zu zeigen. Zunächst müsse er allerdings seinen 70. Geburtstag hinter sich bringen.

So kam es, dass ich Ende August in Begleitung von Björn Gauges, Kulturredakteur des Gießener Anzeigers, einen Ausflug nach Kombach unternahm. Es war ein warmer Sommertag, wie geschaffen für unser Vorhaben.

Bilderzyklus zum Postraub

Wir waren am späten Vormittag mit Wolfgang Platt in Kombach verabredet, das seit einiger Zeit ein Stadtteil von Biedenkopf ist. Als wir in seiner Straße anlangten, stand er bereits auf der Treppe seines Hauses. Wir wurden hineingebeten und ins Wohnzimmer geführt, wo er uns seiner Frau vorstellte. Wolfgang Platt verkörpert eine aussterbende Gattung: Er hat 40 Jahre in derselben Firma im Nachbarort als technischer Zeichner gearbeitet, ist seit 50 Jahren mit derselben Frau verheiratet und wohnt in dem Haus, in dem er vor über 70 Jahren auch geboren worden ist. Er hofft, hier eines Tages auch sterben zu dürfen.

Wir bekamen von seiner Frau Kaffee serviert. Wolfgang Platt holte einen Ordner herbei, in dem er seine Unterlagen und Materialien zum Postraub abgeheftet hat. Bevor er begonnen hat, die Bilder zu malen, hat er aufwendig recherchiert und sich mit den Akteuren und ihrem sozialen und geschichtlichen Umfeld vertraut gemacht. Besonderen Wert legte er darauf zu erwähnen, dass das Jahr 1816 »das Jahr ohne Sommer« war. In Indonesien war 1815 der Vulkan Tambora ausgebrochen und hatte Unmengen an Gestein und Asche in die Atmosphäre geschleudert. Die Auswirkungen waren rund um den Globus spürbar. Die Sonne verschwand für lange Zeit im Dunst.

Auch in Mitteleuropa sanken die Temperaturen, in höheren Lagen schneite es das ganze Jahr über. Die Kartoffeln verfaulten in der Erde, und es gab riesige Ernteausfälle zu beklagen. Es fehlte jeder Vorrat für den Winter und das Saatgut für das nächste Jahr. Eine Serie von Missernten war die Folge. Es ist klar, dass sich dadurch die ohnehin elende Lage der Kleinbauern, die erst ein paar Jahre zuvor aus der Leibeigenschaft entlassen worden waren, zusätzlich verschlechterte. Wolfgang Platt hält dies für ein starkes Motiv der Posträuber. Die gewachsene Not habe die Skrupel von ihnen genommen und so die Tat erst möglich gemacht.

Wir stiegen dann in den Keller hinab und besichtigten die fünf Bilder zum Postraub, die bereits fertig sind. Die Technik eignete Platt sich mit Hilfe von Fachbüchern selbst an, er beschäftigte sich intensiv mit Farbenlehre und den Fragen, wie man Schatten, Horizont und Perspektive gestaltet. Der Zyklus beginnt mit der »Das Komplott« betitelten Szene, als David Briel vor den Toren von Biedenkopf auf seinen zukünftigen Komplizen Jacob Geiz trifft, zeigt den Überfall bis hin zum nächtlichen Aufteilen der Beute in einer niedrigen Bauernstube im Haus der Familie Geiz.

Er habe schon als junger Mensch gern gezeichnet und gemalt, es dann aber wegen seiner beruflichen Belastungen aufgegeben. Erst nach seiner Verrentung habe er wieder mit dem Malen begonnen. Er wolle den Zyklus mit Bildern zum Postraub fortsetzen, aber das brauche Zeit und es gebe ja schließlich auch noch andere Dinge.

Dann bestiegen wir sein Auto, und er zeigte uns seinen und der Posträuber Heimatort, der natürlich vor 200 Jahren sehr viel kleiner war. Viele Häuser sind in der Zwischenzeit abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit renoviert worden. Von einem hoch über dem Ort gelegenen Aussichtspunkt hatte man einen tollen Blick auf Kombach und die nähere Umgebung. Auf dem Rückweg in den Ort wies uns Platt auf eine Schutzhütte hin, um die herum im Jahr 2005 zwei Mal ein von Dorfbewohnern selbst geschriebenes Theaterstück über den Postraub zur Aufführung gebracht worden ist.

Im Ort herrsche bei den Einwohnern in Bezug auf den Postraub noch immer eine Mischung aus Stolz und Scham. So richtig stolz könne man ja auf ein Verbrechen, das der Überfall ja nun einmal gewesen sei, nicht sein. Bei der Überwindung der Scham zugunsten des Stolzes habe der Film von Volker Schlöndorff »Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach« aus dem Jahr 1971 eine gewisse Rolle gespielt: »Seht her, es gibt einen Film über unsere Vorfahren, der zeigt, dass und wie sie sich gewehrt haben, wenn auch mit untauglichen Mitteln.« In ganz Deutschland sei Kombach plötzlich ein Begriff gewesen.

Der Ort des Geschehens

Aber, so fragten wir uns, was wären im Jahr 1822 taugliche Mittel gewesen, die arme Bauern und Tagelöhner hätten anwenden können, um ihre Lage zu verbessern? Die meisten ertrugen ihr Leben in stummer Verzweiflung, viele wanderten aus. »Jetzt ist die Zeit, die Stunde da, wir ziehen nach Amerika«, sangen die Leute und träumten sich fort aus ihrem Elend.

Dann fuhren wir von Kombach nach Mornshausen (einem Stadtteil von Gladenbach) und benötigten für diese Strecke fast eine halbe Stunde. Sechs Mal hatten die acht Räuber 1821/22 stundenlange Fußmärsche zu den ins Auge gefassten Tatorten in Eifa, im Krofdorfer Wald und in der Subach vergeblich absolviert, denn der Überfall glückte bekanntlich erst beim siebten Anlauf in der Subach. »Wie oft muss man’s machen, bis es einmal gelingt?«, lässt Volker Schlöndorff den fliegenden Händler David Briel auf dem Rückweg von den Fehlversuchen ein ums andere Mal ausrufen. Gespielt wird er von Wolfgang Bächler, dessen alemannischer Dialekt wunderbar zu dieser schillernden Figur passt.

Abends um zehn Uhr sind die Räuber in Kombach losgegangen und morgens gegen zwei in der Subach angekommen. Dann haben sie sich mit Branntwein Mut angetrunken und auf die Ankunft des Geldkärrnchens gewartet. Die Sonne stand schon hoch und es ging auf Mittag zu, als es sich endlich näherte und mit einem Peitschenknallen des Kutschers in den Hohlweg einfuhr. Eingangs »der Hohl« steht eine Tafel, die auf das Geschehen hinweist. Wir drei stiegen nun diesen 350 Meter langen Weg hinauf, der ziemlich steil ist. Man kann sich vorstellen, wie viel Mühe die Pferde hatten, das schwer beladene Kärrnchen hier hinaufzuziehen. Der Postillion und der begleitende Landschütz stiegen ab, um den Pferden die Arbeit zu erleichtern.

Das Stück, wo der Berg ins Hochplateau übergeht, nennen die Leute hier »auf dem Gleichen«. Ob der Überfall noch »in der Hohl« oder schon »auf dem Gleichen« stattgefunden hat, darüber streiten sich die Historiker bis heute. Das war nicht ganz unwichtig, weil irgendwo hier die Grenze zwischen dem Kurfürstentum Hessen-Kassel und dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt verlief. Das war für die Abwicklung des Schadens von Belang. Es war den Posträubern wichtig, dass der Überfall auf Kurhessischem Gebiet stattfand, denn dann hätte der Kasseler Kurfürst dem Darmstädter Großherzog den Schaden ersetzen müssen. Andernfalls wäre damit zu rechnen gewesen, dass der Großherzog rund um Biedenkopf neue Steuern erheben würde, unter denen die Bevölkerung zusätzlich zu leiden gehabt hätte. Soviel Einfühlungsvermögen und Verantwortungsgefühl bringen nicht viele Verbrecher auf.

Spaghetti à la Posträuber

Wir versuchten, uns die damalige Situation vor Augen zu rufen, wobei wir uns nicht von den Bildern aus Schlöndorffs Film freimachen konnten, die wir alle drei noch im Kopf hatten. »Irgendwo hier haben die Räuber einen Teil der Beute, den sie nicht abtransportieren konnten, in einer hohlen Eiche versteckt«, erläuterte Wolfgang Platt. Einen anderen Teil der Beute habe man auf einem Acker bei Kombach vergraben. Der sei nie gefunden worden, und Platt schlug lachend vor: »Wir können ja bei Gelegenheit mal mit Hacken und Schaufeln herkommen und danach graben.«

Die Beute sei beträchtlich gewesen. 10500 Gulden seien ihnen in die Hände gefallen, was nach heutigen Wertmaßstäben ungefähr einer halben Million Euro entspricht. Auf jeden der Räuber entfiel ein Anteil, der dem Tageslohn von zehn Jahren gleichkam. Wir machten ein paar Fotos und stiegen dann wieder hinab.

Auf dem Rückweg entdeckten wir Pfifferlinge, die in der Böschung längs des Hohlwegs wuchsen und gelb leuchteten. Unsere »Beute« fiel so reichlich aus, dass wir zu dritt Mühe hatten, die Pilze auf unseren Händen zum Auto zu tragen. Wie die Posträuber, mussten auch wir Teile der Beute zurücklassen, weil wir nicht mehr Pilze transportieren konnten. Platt sagte, er dürfe seiner Frau mit Pilzen nicht kommen, so dass wir zwei Gießener Besucher die Beute nur noch durch zwei teilen mussten. Auf jeden von uns entfielen so viele Pfifferlinge, dass es für ein veritables Nudelgericht reichte. Es gibt ja nichts Besseres als eine Pfifferling-Sahne-Soße zu Spaghetti. Ich nannte unser abendliches Gericht »Spaghetti à la Posträuber«.

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Tatort Subach: Wolfgang Platt auf dem Hohlweg bei Mornshausen, auf dem vor 200 Jahren das Geldkärrnchen überfallen wurde, das auf dem Weg nach Gießen unterwegs war. © Eisenberg

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