1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Reichtum dient hier nicht als Vision

Erstellt:

Von: Benjamin Lemper

giloka_1701_deiters_vb_1_4c_1
Soziale und ökologische Herausforderungen meistern: Christian Deiters hat mit social-startups.de sein »Herzensprojekt« realisiert. Archivfoto: Friese © Red

Seit zehn Jahren möchte die Plattform social-startups.de Gründungsinteressierte inspirieren, denen es nicht um Gewinnmaximierung, sondern um einen gesellschaftlichen Mehrwert geht.

Gießen. Die Köpfe hinter social-startups.de bezeichnen sich selbst als »Social Entrepreneure aus Leidenschaft«. Angetrieben wird das ehrenamtlich arbeitende Team dabei von der Überzeugung, dass die heutige Gesellschaft einen innovativen Typ von Unternehmerinnen und Unternehmern brauche, »der fundiertes wirtschaftliches Denken über eine Profitorientierung hinausführt und mit einem gesellschaftlichen Mehrwert vereinbart«. Als Christian Deiters und Torsten Schreiber vor gut zehn Jahren ihre Informations- und Inspirationsplattform ins Leben riefen, resultierte das zunächst auch aus eigener Ratlosigkeit. Denn es fehlte an Anknüpfungspunkten und Anlaufstellen für Gründungsinteressierte, denen es nicht primär um die Gewinnmaximierung geht, sondern darum, soziale oder ökologische Probleme zu lösen. Auf social-startups.de werden zum Beispiel thematisch vielfältige und nachhaltige Ideen vorgestellt. Es gibt aber auch nützliche Tipps, worauf zu achten ist, um ein Geschäftsmodell zu entwickeln und zu finanzieren. Mittlerweile habe die Szene »eine Wendung um 180 Grad genommen«, betont Deiters im Interview mit dem Anzeiger. Zusätzliche Impulse seien von dem hessischen Förderprogramm »Sozialinnovator« gekommen, das er für das Technologie- und Innovationszentrum Gießen (TIG) in den Landkreisen Gießen, Lahn-Dill und Wetterau betreut - und das sich als »absoluter Gamechanger« erwiesen habe.

»Nur noch kurz die Welt retten« heißt ein Lied von Tim Bendzko aus dem Jahr 2011. Wäre das eigentlich auch ein geeigneter Slogan in Ihrer Branche oder ist das eine zu idealisierte Vorstellung von »Social Entrepreneurship«?

Das ist vielleicht ein bisschen arg idealistisch ausgedrückt. Zwar wurde ich auch mal als »Weltretter« bezeichnet, aber zu 100 Prozent passt das nicht. Gleichwohl geht es uns im Kern darum, Dinge verändern und Gutes tun zu wollen.

Sozialunternehmertum ist offenkundig weiter auf dem Vormarsch. Hat der Hype auch mit den vielen Krisen zu tun?

Definitiv! Andererseits ist soziales Unternehmertum in Deutschland nicht komplett neu, es ist hier nur nie so richtig im Fokus gewesen, weil es uns noch relativ gut geht. Jetzt aber stehen wir verstärkt vor sozialen und ökologischen Herausforderungen - ein »Weiter so« kann es nicht geben. Auch Gründer sind in der heutigen Zeit immer mehr dafür sensibilisiert, einen guten Fußabdruck zu hinterlassen oder ein gesellschaftliches Problem zu lösen, das viele Menschen betrifft. Die x-te App zu entwickeln oder irgendwas, das wieder in der Versenkung verschwindet, braucht ja niemand.

Wie geht das, gemeinwohlorientiert zu wirtschaften? Die Realität ist ja oft eher profitorientiert.

Natürlich ist es trotzdem erlaubt, Profite zu machen. Das schließt sich nicht aus, zumal das Unternehmen am Ende des Tages auch überleben muss. Aber der Schwerpunkt liegt eben nicht auf der Gewinnmaximierung, sondern der »Impact« rückt nach vorne, also die Wirkung. Das heißt, man versucht, den größtmöglichen Nutzen für das Gemeinwohl zu erzielen, diesen immer weiter zu steigern und an den Bedürfnissen der adressierten Zielgruppe anzupassen.

Wie viel Konfliktpotenzial birgt es, wenn monetäre Erwartungen von Investoren auf eine Geschäftsidee treffen, die primär auf die gesellschaftliche, ökologische oder soziale Wirkung ausgerichtet ist?

Das kommt immer drauf an, wen man sich an Bord holt. Es gibt sogenannte Impact-Investoren, denen ist bewusst, dass eine bestimmte ökologische, soziale oder gesellschaftliche Herausforderung gemeistert werden soll - die an die Idee glauben. Und daran wird dann oft gemeinsam gearbeitet. Ob die jetzt fünf Jahre länger auf ihr Geld warten müssen, ist in der Regel nicht so entscheidend. Klassische Investoren einzubeziehen, ist ohnehin nicht einfach, weil die erstens im Vorfeld genau über das Geschäftsmodell und die einzelnen Schritte in den folgenden Jahren Bescheid wissen wollen und zweitens nicht selten von vornherein davon abgeschreckt werden, mit ihren Investitionen zu wenige oder zu langsam Gewinne zu erzielen. Geduldiges Kapital ist da nicht so vorhanden.

Vor gut zehn Jahren haben Sie selbst eine Informationsplattform für soziale Startups ins Leben gerufen. Was war damals Ihre Motivation?

Wir wollten zunächst einmal informieren, welche sozialen Unternehmen überhaupt existieren. Wir waren ja selbst ratlos. Man hat gegoogelt, aber nichts gefunden. Unter dem Suchbegriff »Social Startup« tauchten vor allem Facebook, LinkedIn oder Twitter auf, also eher »Soziale Medien«, die einen ganz anderen Anspruch haben. Mit einem Freund habe ich deshalb die Plattform gegründet, um Inhalte zu schaffen, die wir uns selbst für eine erste Orientierung gewünscht hätten.

Welchen Ansatz verfolgen Sie?

Wir verstehen uns als Informations- und Inspirationsplattform für Gründungsinteressierte in Deutschland, Österreich und der Schweiz, denen wir die Hand reichen wollen: Sie sollen sich auf unserer Seite von coolen Ideen und Projekten anspornen lassen. Viele fragen sich dann: Was sind die nächsten Schritte, wenn ich auch so etwas machen möchte? An wen kann ich mich wenden, wie begeistere ich Investoren, welche Förderprogramme kann ich nutzen? Wir servieren da ein vielfältiges Potpourri, berichten über jede Menge Neuigkeiten. Gleichzeitig sind wir zum Beispiel auf Messen unterwegs oder sitzen in Jurys und halten die Fahne des »Social Entrepreneurship« hoch.

Wie hat sich die Szene im Laufe des vergangenen Jahrzehnts entwickelt?

Sie hat eine Wendung um 180 Grad genommen. Vor zehn Jahren hatte man gefühlt nicht einen einzigen Anknüpfungspunkt. Mittlerweile sind etliche sogenannte »Social Impact Labs« entstanden, die Raum bieten für Beratung, Coworking, Coaching, Vernetzung und Innovationen. Medial ist das Thema ebenfalls präsenter, die Medien sind stärker sensibilisiert für nachhaltige Entwicklungen, entsprechend werden auch die Lösungen bestimmter gesellschaftlicher Probleme immer interessanter. Außerdem sind in verschiedenen Bundesländern Förderprogramme aufgelegt worden, in Hessen etwa 2020 der »Sozialinnovator«.

Inwieweit hat das nochmal für einen Schub gesorgt?

Das war ein absoluter »Gamechanger«, der die Gründerinfrastruktur in einem vorher nicht dagewesenen Ausmaß grundlegend verändert hat. Hessen hat hier eine Vorreiterrolle übernommen und ist vorangegangen - mit Erfolg. Der Gründungswille ist trotz der Unsicherheiten in der Krise deutlich gestärkt worden.

Laut dem »4. Deutschen Social Entrepreneurship Monitor« fühlen sich allerdings fast 80 Prozent der Befragten von der Politik »wenig bis gar nicht unterstützt«…

Ich wette, es ist in Hessen etwas anders. Aber es hat eben nicht jedes Bundesland ein Förderprogramm, viele wollen jetzt nachziehen, da wird sich einiges tun. Gerade im ländlichen Raum sind die Bedingungen wesentlich schwieriger als in Ballungsgebieten. Ohne den »Sozialinnovator« würde ich mich wahrscheinlich auch zu jenen 80 Prozent zählen. In Hessen ist der Anteil der Unzufriedenen bestimmt nicht so hoch - und ich bin überzeugt, dass diese Zahl bundesweit bald sinken wird. Dafür muss die Politik aber noch ein paar Schippen drauflegen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus, worüber auf social-startups.de berichtet wird?

Da sind wir ein bisschen offener geworden, wir stellen nicht mehr nur Startups vor, sondern auch mal größere soziale Unternehmen - die können ja auch inspirierend sein. Selbstverständlich schauen wir uns genau an, wer dahintersteckt, welche Vision verfolgt wird. Und die vergleichen wir dann mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, die beispielsweise Hungersnöte vermeiden helfen oder den Klimawandel aufhalten wollen. Ist also die gesellschaftliche ökologische Relevanz erkennbar oder wird vielleicht nur »Marketing-Blabla« angewandt, um »Greenwashing« zu betreiben?

Wie oft erleben Sie es denn, dass sich hinter den Projekten mehr Schein als Sein verbirgt und nur versucht wird, das Image aufzupolieren?

Da hatten wir schon einige Kandidaten, die wir haben abblitzen lassen. Zuletzt kam das aber nicht mehr vor. Seit zwei Jahren, auch das ist interessant, haben wir eine unglaublich hohe Qualität von Anfragen, sodass wir niemanden mehr abweisen. Es gibt da einen bunten Blumenstrauß an spannenden Ideen, über die wir noch gar nicht berichtet haben. Das zeugt davon, wie viele Gründer sich inzwischen intensiv mit dem Thema auseinandersetzen.

Und was sind Ihre persönlichen Favoriten in all den Jahren gewesen?

Ein Beispiel ist »Africa GreenTec« von Torsten Schreiber. Dabei handelt es sich um ein schon oft prämiertes Vorzeige-Sozialunternehmen wie es im Buche steht. Es geht darum, in den ländlichen Regionen Afrikas, zum Beispiel im Niger, alte Dieselgeneratoren, die die Umwelt verpesten, gegen sogenannte »Solartainer« auszutauschen. Das sind Container mit Solarpaneelen, dank derer die Menschen vor Ort mit grünem verlässlichem Strom versorgt werden können, der bezahlbar ist. Zugleich ist Strom der Anfang von vielem - damit kann eine Wirtschaft aufgebaut werden. Mittlerweile ist noch eine Wasseraufbereitungsanlage hinzugekommen, und es gibt Internetverbindungen. Letztlich lassen sich damit sogar Fluchtursachen bekämpfen.

Was fällt Ihnen noch ein?

Beeindruckend finde ich zudem die »Digitalen Helden« aus Frankfurt, die sich mit digitaler Kommunikation und Wissensvermittlung bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Thematisiert werden unter anderem der Umgang mit dem Internet und auf welche Fallstricke dabei zu achten ist. Oder »Wildplastic«, deren Mission es ist, die Welt von wildem Plastikmüll zu befreien. Die fischen etwa Plastik aus den Meeren und machen daraus recycelte Produkte, die nie wieder in der Umwelt landen.

Was sind die Voraussetzungen, um sich als soziales Startup dauerhaft behaupten zu können?

Man muss sich über drei Dinge Gedanken machen - erstens: Besteht wirklich ein Problem, dessen Lösung einen gesellschaftlich-ökologischen Mehrwert bietet oder bin nur ich im Moment vielleicht gerade selbst davon betroffen. Zweitens muss sich jeder Gründer im Klaren sein, wie ein solches Vorhaben finanziell getragen werden kann. Es sei denn, man hat ein paar Millionen auf dem Konto. Das heißt, es muss wirtschaftlich funktionieren: Wie baue ich das Ganze auf, damit es Bestand hat und ich meine Mitarbeiter bezahlen kann? Das ist ein großer Stolperstein, der viele soziale Startups scheitern lässt, weil sie zu idealistisch an die Sache herangehen und die betriebswirtschaftliche Seite ganz vergessen.

Und drittens?

Drittens braucht es ein starkes Team, das viel für die Vision arbeitet, nicht unbedingt, um reich zu werden - und das bereit ist, dafür auch mal eine Extrameile zu gehen.

Weitere Infos sind im Internet zu finden unter: https://social-startups.de

Auch interessant