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Reise in Gießener Vergangenheit

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Männerrunde vor 115 Jahren: Im Hawwerkasten wird eine Szene für den Film »Gießen 1907« gedreht. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Ein 115 Jahre alter Stadtrundgang dient als Vorbild für einen Film, der ins Gießen des Jahres 1907 führt. Zu Besuch bei den Dreharbeiten im »Hawwerkasten«.

Gießen . »Und Konzentration! Hawwerkasten, die Fünfte«, ruft Anja Horstmann und schlägt die Filmklappe. In dem Restaurant am Landgraf-Philipp-Platz hat eine sechsköpfige Männerrunde Platz genommen, auf dem Tisch stehen Bierkrüge, größer als Köpfe, Zigarrenrauch vernebelt die Luft. »Die Brauereiführung, ei, das war herrlich. Es ging bis runner in’ Eiskeller, das hab’ ich vorher noch nie gesehen«, schwärmt Peter Meilinger. An diesem Vormittag ist er mal nicht für eine Stadtführung in ein Kostüm geschlüpft, sondern für einen Filmdreh. Das Projekt, das Edgar Niebergall angestoßen hat, nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise ins Gießen des Jahres 1907. Wenn alles gut läuft, könnte der Film noch in diesem Jahr der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Erinnerungen wach halten

Weil sie ein Referat über das alte Gießen halten sollen, macht sich eine handvoll Schülerinnen auf die Suche nach Material. In einem Antiquariat in Wieseck finden die Mädchen ein Buch aus dem Jahr 1907 - und landen wie von Zauberhand 115 Jahre in der Vergangenheit. Eine Stadtführerin - gespielt von der »echten« Stadtführerin Dr. Jutta Failing - nimmt sie kurzerhand mit auf Entdeckungsreise durch die Stadt, die den Schülerinnen fremd und bekannt zugleich ist. So soll der Film beginnen, für den an diesem Vormittag im »Hawwerkasten« gedreht wird.

Ähnlich wie die Schülerinnen im Film stieß Niebergall im Frühjahr 2020 bei seinen Recherchen zum historischen Gießen auf einen »Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen und ihre Umgebung«. Das »Verkehrshandbuch« ist 1907 anlässlich des 300-jährigen Bestehens der Universität erschienen und umfasst auch einen rund 30-seitigen Stadtrundgang. Diesen will Edgar Niebergall nun filmisch und fotografisch nachstellen - denn »die Erinnerung an das alte Gießen verblasst«. Die Rahmenhandlung des Films soll die wenigen, noch immer vorhandenen historischen Gebäude der Stadt zum Leben erwecken und »die Erinnerung an die ursprüngliche Schönheit der Stadt Gießen wach halten«, sagt der emeritierte Agrarökonom Prof. Michael Schmitz, der als Projektmanager und Erzähler für den Film fungiert.

Schmitz, Niebergall, Meilinger, Failing, Horstmann und ihre vielen Mitstreiter stemmen den Filmdreh übrigens unentgeltlich. Alle Einnahmen - etwa durch DVD-Verkäufe - oder mögliche Sponsorengelder sollen vollumfänglich an den Gießener Hospiz-Verein gespendet werden. Niebergall, der den Film produziert, unterstützt den Verein bereits seit Jahren mit Spendenaktionen. Durch die Corona-Pandemie wurden die Dreharbeiten für das Projekt etwas ausgebremst, für die kommenden Monate hat das Team aber ein dichtes Programm. Der aufwendigste Dreh wird am Unteren Hardthof stattfinden, inklusive Pferdekutsche. Hier war im Jahr 1907 die Unionsbrauerei von Georg Bichler untergebracht, von der Peter Meilingers Rolle nach der Schnuppertour in den Eiskeller schwärmt.

Weitere Stationen im Film sind der Botanische Garten - dessen Wissenschaftlicher Leiter Prof. Volker Wissemann übernimmt ebenfalls einen Part -, das Stadttheater, das Liebig-Museum, die alten Kliniken und das Lahnufer. Das Stadttheater unterstützt zudem mit der Ausleihe von Requisiten und Kostümen.

Edgar Niebergall hatte nicht nur die Idee für den Film, er steht auch selbst als Darsteller vor der Kamera: Als Redakteur des Gießener Anzeigers hat seine Rolle gerade über den Besuch von Großherzog Ernst Ludwig anlässlich des 300-jährigen Bestehens der Ludoviciana berichtet - und will nun im »Hawwerkasten« bei der besser gestellten Gesellschaft fleißig Werbung machen für die neueste Zeitungsausgabe.

Mehrfach spielen die Laiendarsteller die Szene an diesem Tag für Kameramann Kurt Dreis, immer wieder gibt es neue Ideen, die spontan eingearbeitet werden. »Das Drehbuch ist nicht starr, es entwickelt sich«, sagt Schmitz. Lediglich für die Kinder habe man genaue Texte verfasst.

Dabei muss das Filmteam stets darauf achten, dass die Umgebung auch tatsächlich als »Gießen 1907« durchgeht. Im »Hawwerkasten« wurden dafür zum Beispiel Hinweisschilder mit einem Stück Stoff verhüllt oder Gläser mit Aufschrift aus dem Bild geräumt.

Etwa 90 Minuten lang wird der fertige Film sein - viel Arbeit für das Team rund um Edgar Niebergall. Nach rund einer Stunde ist die »Hawwerkasten«-Szene im Kasten, im Film wird sie nur knapp zwei Minuten ausmachen. Dann, so Michael Schmitz, »merkt man erst einmal, wie umfangreich man bei Spielfilmen arbeiten muss«.

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Für den Film schlüpft Edgar Niebergall in die Rolle eines Anzeiger-Redakteurs. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

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