1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Religionen hegen Frauen ein«

Erstellt:

Ein Gespräch mit der bundesweit bekannten Gießener Ärztin Kristina Hänel über das Ende des Paragrafen 219a und die Liberalisierung der Abtreibung.

Gießen. Es begann mit einer Anzeige gegen die Gießener Ärztin Kristina Hänel wegen verbotener Werbung für Abtreibung auf deren Homepage und es endete mit der Ankündigung von Bundesjustizminister Buschmann, den Paragrafen 219a im Strafgesetzbuch abzuschaffen, auf dem die damalige Anzeige fußte. Wir sprachen mit der Frau, die einen Schneeball ins Rollen brachte, der zur Lawine für das Abtreibungsrecht wurde.

Ihr Kampf gegen den Paragrafen 219a hat Sie persönlich viel Kraft gekostet. Hat sich dieser Kampf unterm Strich gelohnt?

Ja klar! Es hat sich soviel bewegt. Es ging bei all den Auseinandersetzungen ja nie um mich, sondern darum, das etwas verändert werden muss. Und es ist ja noch mehr zu tun.

In Goethes Faust ist Mephisto ein Teil der Kraft, »die stets das Böse will und stets das Gute schafft«. Gilt das nicht auch für den Anti-Abtreibungsaktivisten, der mit seiner Anzeige letzten Endes das Ende des Paragrafen 219a besiegelte?

Das kann man so sehen. Ich habe das immer mit einer Lawine verglichen und Yannic Hendricks hat mit seiner Anzeige diese Lawine ins Rollen gebracht. Letztlich haben sich die Abtreibungsgegner damit einen Bärendienst erwiesen.

Glauben Sie, dass dieser gesellschaftliche Wandel unumkehrbar ist oder fürchten Sie, dass es irgendwann einmal in Sachen Abtreibung eine politische Kehrtwende geben könnte?

Nein, das fürchte ich nicht. Der Trend geht weltweit zur Liberalisierung, auch in den katholischen Ländern, mit einigen fundamentalistischen Ausnahmen in den USA oder Polen. In Deutschland werden wir gerade eine Gesellschaft, die mehrheitlich nicht mehr konfessionell geprägt ist und die bis heute bestehende Gesetzgebung geht ja auf den damaligen großen Einfluss der katholischen Kirche zurück. Ich gehe deshalb davon aus, dass in den nächsten Jahrzehnten die Abtreibungsgesetzgebung weiter liberalisiert und nicht erneut verschärft werden wird.

In Deutschland ist der religiöse Fundamentalismus auf dem Rückzug, in Afghanistan hat er gerade erneut das Land übernommen. Warum haben eigentlich die Religionen so oft ein Problem mit der Frau?

Dafür sind Religionen letztlich da: Frauen, ihre Körper und ihre Sexualität einzuhegen. Wenn ich die Freiheit des Menschen einschränken will, ist die Kontrolle der Sexualität dafür ein probates Mittel.

Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann schrieb in einer Stellungnahme zur Abschaffung des 219a: »Ich sage ›ja‹ zur Information, aber ›nein‹ zur bedenkenlosen Propagierung und Kommerzialisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.«

Das hat sie gesagt? Nun denn, die CDU hat sich schon 2017 entschieden, sich dieser sogenannten Lebensschutz-Argumentation anzuschließen. Wenn das als letztes Argument übrigbleibt, dann ist das schwach, weil jeder normal denkende Mensch, der Frauen als gleichberechtigte Wesen ansieht, weiß, dass niemand diese schwerwiegende Entscheidung aufgrund von Informationen trifft und schon gar nicht wegen Werbung. Diese Argumentation ist nicht nur diffamierend, sondern auch entwürdigend. Mich machen solche Aussagen sehr wütend, weil ich so viele Lebensgeschichten von Betroffenen kenne. Wenn ich daran denke und dann diese Diffamierung höre, schmerzt mich das zutiefst, weil das überhaupt nicht der Ernsthaftigkeit dieser Situation gerecht wird.

In unserem letzten Gespräch haben Sie Ihre Sorge geäußert, dass es einen Nachwuchsmangel bei Abtreibungsärzten gibt. Hat sich die Situation seitdem geändert?

Ich habe seit 2017 eigentlich durchgehend Ärzte und Studierende, die bei mir lernen. Mittlerweile gibt es auch bundesweit den Trend, dass sich an vielen Universitäten Studierende zusammenschließen, Workshops organisieren und ich hab auch die große Hoffnung, dass sich demnächst die Hausärzte des Themas »Medikamentöser Schwangerschaftsabbruch« annehmen. Ich suche besonders Kollegen aus der Region, die sich einmal damit beschäftigen.

Glauben Sie, dass der Paragraf 218 demnächst ebenfalls zur Disposition steht und würden Sie das begrüßen?

Im Ampelkoalitionsvertrag steht ja, dass die Bedingungen für den Schwangerschaftsabbruch unter die Lupe genommen werden müssen und die Frage geklärt werden soll, ob er weiterhin ins Strafrecht gehört. Das begrüße ich.

Würde es Ihnen schon reichen, wenn Abtreibungen generell nicht mehr strafbar wären oder wollen Sie, dass Abtreibungen generell von Auflagen entbunden werden, es also auch keine Beratungspflicht vor dem Eingriff mehr gäbe?

Diese Gretchenfrage würde ich gerne hinterrücks beantworten. Ich wünsche mir, dass die Versorgung von Frauen im Sinn der WHO vor allem die Gesundheit der Betroffenen im Blick hat und verbessert. Dazu gehört: Wie kann ich Menschen fördern, die bereit sind, Schwangerschaften auszutragen? Was kann ich tun für Kinder? Was kann ich tun für Kinder, die ungewollt auf die Welt kommen?

Haben Sie auch Verständnis für Menschen, die sich für das ungeborene Leben einsetzen?

Verständnis für andere Positionen habe ich immer. Meine Erfahrung ist, dass Betroffene, die nachher keinen anderen Weg sehen als den Abbruch, sich am meisten ernste Gedanken machen über die Möglichkeit, einem Kind das Leben zu schenken. Die leiden auch am meisten darunter, dass das eben manchmal nicht geht. Die meisten dieser Betroffenen sind übrigens Mütter.

(Morgen folgt zum selben Thema ein Interview mit Pastor Tobias Lehr von der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Gießen.)

Auch interessant