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Respekt, Toleranz und Aufklärung

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Von: Rüdiger Schäfer

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Wollen mehr Miteinander zwischen Juden und Muslimen: Ömer Günes, Serkan Görgülü, Ercan Demirci und Dr. Halit Aydin. Foto: Schäfer © Schäfer

Ende September wurde nach langer Vorbereitungszeit die Jüdisch-Islamische-Gesellschaft (JIG) in Gießen gegründet. Sie laden jetzt ein zu Vorträgen mit dem Holocaustüberlebenden Ivar Buterfas.

Gießen. Wenn der Holocaustüberlebende Ivar Buterfas von seiner Jugend spricht, erzählt er davon, »durch die Hölle gegangen« zu sein. Im vergangenen Jahr war er schon einmal einer Einladung nach Gießen gefolgt, um von seinen Erfahrungen im Nationalsozialismus und nach dem Zweiten Weltkrieg zu berichten. Dies tat er sowohl in der Petruskirche als auch im Stadttheater. Nun wird der 89-Jährige erneut zwei Vorträge halten. Drehten sich seine Ausführungen beim letzten Mal vor allem um »Das Leben nach dem Holocaust«, so tragen seine beiden Vorträge diesmal den Titel »Erinnern für die Zukunft«. Am Donnerstag, 3. November, ist er zunächst um 19 Uhr in der Johanneskirche zu Gast, tags darauf um 15 Uhr in der Ditib-Moschee (Marburger Straße 45A).

Anschließen soll sich ein reger Gesprächsaustausch mit den Zuhörern. Die Begegnungen und die dabei vermittelten Eindrücke sollen das Eintreten für eine friedlichere, respektvolle und tolerante Gesellschaft stärken.

Ende September wurde nach langer Vorbereitungszeit die Jüdisch-Islamische-Gesellschaft (JIG) in Gießen gegründet. »Die Zusammenarbeit mit Juden ist uns sehr wichtig«, versicherten Serkan Görgülü, Dr. Halit Aydin und Ercan Demirci von der Ditib-Gemeinde sowie Ömer Günes von der Islamischen Gemeinde Buhara Moschee. Zu einem Pressegespräch anlässlich der bevorstehenden Vorträge von Buterfas hatten die drei Gießener Islamischen Gemeinden in die Ditib-Moschee eingeladen. Dr. Dia Rashid von der Islamischen Gemeinde Gießen (IGG) hatte sich entschuldigen lassen.

Die Förderung gesellschaftlichen Lebens habe man sich bei der JIG auf die Fahnen geschrieben. Weltpolitische Diskussionen und deutschlandweite Probleme zu erörtern, sei jedoch tabu. Ihnen sei die Zusammenarbeit mit Juden sehr wichtig, zumal die Gemeinsamkeiten von Muslimen mit Juden größer sei als mit Christen. »Beschneidung und koscher essen betrifft uns beide.« Zunehmend »salonfähig« sei es in den letzten Jahren geworden, Muslime und Juden gegenseitig zu beleidigen. So sei der Wille zu gemeinsamem Auftreten entstanden. »Es gibt Schnittmengen, innerhalb derer man zusammenarbeiten kann.«

Die islamischen Gemeinden in Gießen möchten Zeichen der Aufklärung setzen. »Wir Muslime haben keinen Grund, uns rassistisch gegenüber Juden zu verhalten. Wir möchten, dass das in Gießen so anhält.« Dabei bleibe die Politik außen vor. Respekt, Toleranz und Aufklärung wollten sie erreichen. »Viele von uns sind ehrenamtlich tätig, um diese Themen in die Gesellschaft hineinzutragen.« Seit 40 Jahren seien sie als islamische Gemeinde in Gießen. Die Moscheen fungierten nicht nur als Gebetshäuser. Hier werde viel Sozialarbeit geleistet. »Die ältere Generation von uns war dazu noch nicht bereit. Da gab es auch noch große Sprachbarrieren.« Das Gießener Projekt gegen Antisemitismus will mit der Auflage »2.0.« erneut die Gießener Bürger für den Zusammenhang von Antisemitismus in der Nazi-Zeit und heutiger Radikalisierung sensibilisieren. Außer den drei islamischen Gemeinden sind die Stadt Gießen und die Christlich-Islamische Gesellschaft in dem Projekt eingebunden. Es ist auch einzuordnen als eine erste öffentliche Aktivität im Zusammenhang mit der vor vier Wochen gegründeten »Jüdisch-Islamischen Gesellschaft Gießen«. Es soll zum Ausdruck bringen, dass entgegen anderslautender stereotyper Vorwürfe »Antisemitismus« unter Muslimen zwar vorkommt, aber eben kein Wesensbestandteil des Islam ist - ebenso wenig wie etwa antimuslimischer Rassismus an sich zum Judentum gehört. Vielmehr sind diese beiden semitischen Religionen religionswissenschaftlich und kulturell miteinander verwandt.

Die Beschäftigung mit den Erscheinungsweisen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zwischen 1933 und 1945 und entsprechenden Ressentiments oder »Hate Speech« im Jahr 2022 ist eine Herausforderung für die ganze deutsche Gesellschaft, aber eben und nicht zuletzt auch für Muslime und Juden in ihr.

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