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Rettungsaktion für Kunst am Bau

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LUS_Wandmosaik_frei_1207_4c_1 © Red

Die Erweiterungsmaßnahmen an der Ludwig-Uhland-Schule in Gießen haben ein Wandmosaik in den Blick gerückt, das kaum jemandem bekannt sein dürfte.

Gießen . Bei vielen Neubauten der öffentlichen Hand gehörte in den 50er und 60er Jahren die Kunst am Bau ganz selbstverständlich dazu. Ziel war es, die bauliche Umgebung zu verschönern, aber auch, den Kunstschaffenden eine Verdienstmöglichkeit zu geben. Für die Künstler war es ein großes Experimentierfeld der Formen und (oft neuen) Materialien, die Gestaltung war in dieser Zeit zumeist abstrahierend, dabei motivisch den Institutionen angepasst, für die sie geschaffen wurden. Das gilt auch für städtische Schulen, die heute alle saniert und vergrößert werden müssen, manchmal einem Neubau weichen.

Wenn diese Kunst in ihrem Eigenwert wahrgenommen wird, dann stellt sich die Frage, ob sie abgenommen und aufgehoben, vielleicht sogar in den Neubau integriert werden kann. Für alle Versionen gibt es Beispiele. Manches Werk lässt sich leicht abnehmen und versetzen, man denke nur an die bronzene Kranich-Gruppe von Gotthelf Schlotter, die aus dem Innenhof der Stadtverwaltung an den Schlossgraben gewandert ist. Häufig stellt es technisch eine große Herausforderung dar, die Werke abzunehmen, wenn sie fest mit einer Wand verbunden sind. So ist das Holzrelief aus dem alten Stadtverordnetensitzungssaal beim Versuch es abzunehmen kaputt gegangen. Das große, die gesamte Giebelwand des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums überziehende Mosaik von Bernd Krimmel wurde kürzlich abgeschlagen (ebenso die Bäume davor).

Dezente Farbigkeit

Für die Ludwig-Uhland-Schule (LUS) gilt es nun, über das positive Beispiel einer Rettungsaktion von Kunst am Bau zu berichten. Mehrfach wurde in den Tageszeitungen berichtet, dass an der Ecke Aulweg/Leihgesterner Weg schulische Erweiterungsbauten anstehen, weil ein Teil der Gebäude aus den 60er Jahren in schlechtem Zustand ist und aus Provisorien irgendwann eine Dauerlösung geworden war. Dabei fiel ein Kunstwerk in den Blick, das kaum jemandem bekannt sein dürfte: ein Wandmosaik in der Pausenhalle. Die benachbarten Graffiti-Bilder an den anderen Wänden waren auffälliger, da größer und bunter.

Das Wandmosaik hat asymmetrische Abmessungen, war teilweise von einer Holzverkleidung eingefasst. Auffällig ist die dezente Farbigkeit in Pastelltönen, wie sie in der Bauzeit der Schule um 1960 beliebt waren. Es besteht aus Fliesenbruchstücken. Dargestellt ist eine Landkarte von Mittelhessen mit angedeuteten Flussläufen und ausgewählten Baudenkmälern, etwa das Liebig-Museum in Gießen und das Alsfelder Rathaus.

Die erste Recherche galt dem Urheber des Werks, der dank der damals sehr ausführlichen Berichterstattung in der Zeitung ermittelt werden konnte. Es handelt sich um den Gießener Künstler Walter Kröll (1911-1976), Gründungsmitglied des Oberhessischen Künstlerbunds (OKB), der für die LUS auch noch das Graffito an der Giebelwand zum Schulhof schuf. Außerdem fand sich noch ein einzelnes Mosaikwappen, das als Wappen von Lauterbach identifiziert wurde. Wofür gedacht oder wo es angebracht war, ist bislang unbekannt.

Der Wand- und Mosaikaufbau schien zu schwierig, um es zu retten. Dennoch beauftragte der städtische Denkmalschutz im März den Licher Restaurator Hanno Born mit einem Gutachten zum Wandmosaik, das unter anderem ein Konzept für Abnahme und Aufbewahrung umfasste. Born ist erfahren in solchen Maßnahmen, fest mit dem Mauerwerk verbundene Mosaike abzunehmen. Doch schreckt die nicht alltägliche Aufgabenstellung viele Firmen ab. Born fand Mitstreiter zur Umsetzung bei der Gießener Carl Freitag Bauunternehmung. In Segmente zerschnitten und vom Gewicht des rückseitigen Mauerwerks befreit, konnten einzelne Platten ausgebaut und für die Einlagerung vorbereitet werden. Das Mosaik blieb vollständig erhalten und wartet nun auf Pläne für eine Neuanbringung.

Außerdem aufbewahrt werden die Metallfigürchen, die sich außen neben der Eingangstür (Richtung Aulweg) zur Pausenhalle befanden. Hier konnte die Urheberschaft durch den Vergleich mit historischen Fotos und Unterlagen festgestellt werden. Es handelt sich um die Artisten von Ludwig Güngerich (1894-1977), der 20 Jahre lang OKB-Vorsitzender war. Seine ›Mädchen mit Drachen-Skulptur, ebenfalls an der LUS, wurde 2010 entsorgt, die Köpfe hat die Schule aufbewahrt. Seine Skulptur »Bremer Stadtmusikanten« steht vor der Pestalozzi-Schule und erfreut sich großer Beliebtheit.

Zum Rechercheteam gehörten: Stadtarchivar Christian Pöpken, OKB-Vorsitzender Dieter Hoffmeister, Kunsthistorikerin Dagmar Klein und Stadthistoriker Werner Schmidt.

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LUS_Wandmosaik_Abtrag1_B_4c © Red
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LUS_Wandmosaik_Abtrag_Bo_4c © Red
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LUS_Sgrafitto_Kroell_201_4c © Dagmar Klein
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LUS_Skulptur_Gu_ngerich__4c © Dagmar Klein
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LUS_Drahtfig_Guengerich__4c © Dagmar Klein
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LUS_MosaikWappen_120722_4c © Dagmar Klein
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LUS_WandbildStAG81584_12_4c © Dagmar Klein

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