1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Riesengroße Herausforderungen«

Erstellt: Aktualisiert:

giloka_3003_diskussion_3_4c
Der Bedarf an humanitärer Hilfe in der Ukraine ist enorm, die Zustellung in umkämpfte Gebiete extrem schwierig. Über die Situation und Maßnahmen tauschten sich die Teilnehmer in der Online-Debatte aus. Screenshot: Leyendecker © Felix Leyendecker

Gießen. Der Krieg in der Ukraine dauert weiter an und die Bevölkerung in dem umkämpften Land leidet immer stärker. Nicht nur Städte wie Charkiw, Kiew und Mariupol, die seit Wochen unter Beschuss sind, sind davon betroffen. Inzwischen erstreckt sich der Krieg bis in den Westen der Ukraine, bald wird vermutlich auch die Stadt Odessa zu einem der Hauptziele der russischen Angriffe werden.

Aufgrund dieser sich ständig verändernden Situation lud Prof. Andrea Gawrich vom Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZo) als stellvertretende geschäftsführende Direktorin zu einer Onlinedebatte über humanitäre Hilfe ein. Neben Andrij Waskowycz vom Weltkongress der Ukrainer und Martin Keßler von der Diakonie Katastrophenhilfe, war auch die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Katrin Göring-Eckardt, beteiligt und erläuterte gemeinsam mit den anderen Teilnehmern ihre Sichtweise zur humanitären Situation und über mögliche Maßnahmen zur Eindämmung der Lage.

Der Vizepräsident für Forschung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses der Justus-Liebig-Universität (JLU), Prof. Martin Kramer, betonte in seinem Grußwort, dass die Universität ein ausgewiesener Schwerpunkt für Osteuropa sei. Das Projekt »Konfliktregionen im östlichen Europa« sei als Verbundprojekt der vergangenen fünf Jahre sehr erfolgreich gelaufen. »Forschungsprojekte bedeuten langfristige Projekte«, betonte der Vizepräsident.

Das GiZo habe den Ukraine-Schwerpunkt kontinuierlich ausgebaut, auch für die Öffentlichkeit. Die Hochschule wolle ukrainische Hochschulangehörige unterstützen, wo immer es gehe. Und das, so Kramer, sei bereits eine beachtliche Zahl. »3,8 Millionen Menschen sind bisher ins Ausland geflohen, primär nach Polen und eine erkleckliche Menge nach Deutschland. Die Koordination auf europäischer Ebene und die humanitäre Versorgung in der Ukraine. All dies sind Herkulesaufgaben«, ergänzte Gawrich.

Göring-Eckardt begann mit einer persönlichen Einschätzung: »Es gibt viele Experten für die Ukraine, ich bin keine.« Sie sei erstmals in den 1990er-Jahren vor Ort gewesen, damals mit Hilfslieferungen für Tschernobyl-Opfer. »Ich war auch 2004 dort, während der Orangenen Revolution, und hatte die Gelegenheit, auf dem Maidan zu stehen und vor 400 000 Leuten zu sprechen. Der Slogan ›Wir sind Viele, wir sind nicht zu besiegen‹ blieb mir im Kopf«, erzählte die Abgeordnete.

Sie betonte die sehr besondere und historische Verantwortung der Deutschen gegenüber der Ukraine. »Ich habe im Bundestag an den Tod von Boris Romantschenko gedacht und gemahnt. Das Beispiel des KZ-Überlebenden zeigt unsere historische Verantwortung. Und wir stehen vor riesengroßen Herausforderungen«, unterstrich Göring-Eckardt. Humanitäre Hilfe sei auch mit einer wertegeleiteten Außenpolitik möglich. »Wir haben eine Luftbrücke nach Moldau und versuchen, die Versorgung nach Charkiw und Mariupol sicherzustellen. Das scheitert aber an der Erreichbarkeit und der dramatischen Situation vor Ort.« Das sei, so Göring-Eckardt weiter, »Aufgabe und Verpflichtung zugleich«. Die humanitäre Hilfe innerhalb der Ukraine müsse ausgebaut werden, ebenso die Unterstützung für die Nachbarstaaten der Ukraine, welche derzeit Unmengen an Menschen aufnehmen würden.

»Die Ukraine kämpft für unsere gemeinsamen Werte«, bekräftigte die Vizepräsidentin des Bundestags.

Waskowycz stellte die Frage in den Raum, ab wann von einem Beginn des Krieges zu sprechen sei. »Der brutale Angriff Russlands hat eine Flüchtlingsbewegung in Gang gesetzt. 10,2 Millionen sind auf der Flucht, sowohl im Inland wie auch in Richtung Ausland. Es hat mich bewegt, wie Leute in Deutschland willkommen geheißen wurden«, sagte Waskowycz.

Der Bedarf an humanitärer Hilfe sei enorm, rund zwölf Millionen Menschen, die in der Ukraine verblieben sind, benötigten akut Unterstützung. Die UN decke davon die Hälfte der Betroffenen ab. »Die Ukrainer helfen sich auch viel selbst, die Zivilgesellschaft funktioniert. Die internationale humanitäre Hilfe kommt ins Land, aber nicht an Orte, wo es Bedarf gibt, beispielsweise in Mariupol.«

Die Öffentlichkeit sehe Videos von Handykameras mit grausamen Bildern, etwa toten Menschen oder Tieren. »Wichtig ist auch die Dokumentation von Kriegsverbrechen. Zerstörte Krankenhäuser und Kindergärten zeugen von den Kriegsverbrechen«, erzählte Waskowycz.

Keßler sieht die Situation in der Ukraine als sehr ambivalent an. »Das Wort komplex trifft es sehr wohl. Das ist eine einmalige Situation, auch in meiner beruflichen Karriere. Die Bilder sprechen für sich«, unterstrich der Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Rund ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung sei von Wasser und Gas abgeschnitten, rund 400 000 Menschen in Mariupol eingekesselt. »Die Kämpfe ziehen sich inzwischen auch in den Westen rein. Odessa könnte das nächste Ziel werden, und dann beginnt die Flucht Richtung Rumänien. Hoffnung ist das Einzige, was wir noch haben«, so Keßler.

Was humanitäre Hilfe angeht, bestätigte er die Aussagen seiner Vorredner. »Waren reinbringen ist möglich, aber die Herausforderung ist die Lieferung in die umkämpften Gebiete. Es mangelt an allem in der Ukraine.« Die Diakonie Katastrophenhilfe konzentriere sich vor allem auf die Nachbarländer, da dort die Bedarfe anders seien als in der Ukraine selbst.

»Das ist der größte Exitus seit dem Zweiten Weltkrieg. Neuaufbau ist langfristig natürlich auch ein Thema, aber derzeit brauchen wir in der Ukraine einfach schlichtweg alles«, sagte Keßler.

Auch interessant