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RP Gießen stoppt Autobahnbau

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Die Aufnahmen von »Parents for Future« zeigen deutliche Ablagerungen einer gelben Substanz. © PfF

Zumindest im Bereich »Herrenwald« bei Stadtallendorf ruhen nach Sprengstofffunden im Erdreich die Bagger. Gefährliche Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg gefährden Menschen und Trinkwasser.

Gießen/Stadtallendorf. Es ist ein wahres Teufelszeug und jetzt auch ein Problem für das Regierungspräsidium (RP) in Gießen. Weil die Trasse der im Bau befindlichen A 49 im Bereich »Herrenwald« bei Stadtallendorf mit dem Sprengstoff »Hexyl« kontaminiert ist, hat das RP jetzt in diesem Bereich einen Baustopp verhängt.

Dies ist die neueste Wendung in dem Konflikt um den umstrittenen Autobahnbau, der vor zwei Jahren bundesweit Schlagzeilen machte und auch nach Gießen ausstrahlte, sei es durch den »Ella-Prozess«, sei es durch Anschläge von Unterstützern der Baumbesetzer im Dannenröder Wald, die damals dutzende Autos in der Stadt mit Farbe beschmierten.

»Äußerst giftiger Stoff«

Wikipedia beschreibt Hexyl als einen »äußerst giftigen Stoff, der die Haut angreift und Blasen verursacht, die Verbrennungen ähneln.« He-xyl-Staub sei schädlich für die Schleimhäute von Mund, Nase und Lunge und könne zudem das Erbgut schädigen.

Eine weitere gefährliche Eigenschaft hat díe schwefelgelbe Verbindung im Zweiten Weltkrieg zum begehrten Rohstoff der Deutschen Wehrmacht gemacht. Hexyl ist hochexplosiv. In Stadtallendorf wurden in einer der größten Munitionsfabriken des Dritten Reichs tausende Tonnen Hexyl als Vorstufe des Sprengstoffs TNT verarbeitet. Nun führt die Trasse des derzeit im Bau befindlichen Lückenschlusses der A 49 im Bereich des Herrenwaldes über das Gelände der ehemaligen Munitionsfabrik.

Das war für das den Bau genehmigende RP auch kein Problem gewesen, da nach dessen Auffassung die Trasse nur den Außenbereich des damals 420 Hektar umfassenden Rüstungsbetriebs berührt und nicht die eigentlichen, in der Regel hochkontaminierten, Flächen der früheren Produktionsanlagen.

Umweltaktivisten hoffen nach wie vor , den Bau der lange umstrittenen und Ende 2020 im Dannenröder Wald auch hart umkämpften A 49 zu verhindern. Im vergangenen Jahr hatten sie bereits auf der Trasse Grundmauerreste fotografiert und die Vermutung angestellt, dass in dem Bereich gefährliche Kriegs-erblasten im Boden schlummern könnten.

Ein Sprengstoffexperte habe am Dienstagabend durch Beprobung den Nachweis von giftigem Hexyl an mehreren Stellen der Trasse geführt, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung der »Parents for Future«.

Die hochgiftige Substanz, die eigentlich laut den geltenden Vorschriften nur in umluftunabhängigen Ganzkörperschutzanzügen abgetragen werden darf, finde sich nicht nur in Form von auffälligen Verfärbungen im Erdreich, sondern auch in vielen großen Brocken auf dem Baustellengelände.

Nicht nur die Bauarbeiter, seien daher »massiv gefährdet«, da Hexyl beim Einatmen sehr giftig ist. Es sei auch wahrscheinlich, dass in der Zwischenzeit Giftstoffe durch den Baustellenverkehr über die Trasse und die angrenzenden Verkehrswege verteilt worden seien und auch eine Gefahr für das Grundwasser darstellten. Der Erdaushub auf der Baustelle sei nur unzureichend durch Plastikplanen gegen Umwelteinflüsse geschützt, die große Lücken aufwiesen. Zudem zersetze Hexyl das Material der Schutzplanen.

Die Umweltschützer fordern daher eine umfassende Dekontaminierung der betroffenen Flächen und einen umgehenden Baustopp. Und genau den verhängte jetzt das Regierungspräsidium.

Die Behörde teilte am Donnerstag mit, dass die durch eine »Bürgerinformation« gemeldete Verunreinigungen durch die Baustellenleitung mit Hilfe eines Schnelltests auf sprengstofftypische Verbindungen (STV) bestätigt worden sei, wobei dieser Test jedoch keine Einzelsubstanzen wie Hexyl spezifisch nachweisen könne. Labortechnische Untersuchungen müssten daher diesen Verdacht noch bestätigen.

RP bestätigt Verdacht

Aufgrund »unterschiedlicher Indizien« gingen aber sowohl die Baustellenleitung als auch das RP Gießen derzeit von Hexyl als der vorgefundenen Bodenverunreinigung aus. Deshalb habe man nach Paragraf 4 Absatz 1 und 2 des Hessischen Gesetzes zur Ausführung des Bundes-Bodenschutzgesetzes und zur Altlastensanierung (HAltBodSchG) die Einstellung der Bauarbeiten bis zur Freigabe durch das Regierungspräsidium im Bereich der früheren Munitionsfabrik verfügt.

Die Antwort auf die Anfrage des Anzeigers schließt mit den Worten, dass das Regierungspräsidium Gießen diese Angelegenheit »sehr ernst« nehme.

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Im Bereich »Herrenwald« bei Stadtallendorf werden derzeit große Erdmassen für den Bau der A49 bewegt. Die Trasse führt dabei auch über das Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik des Dritten Reichs. Archivfoto: Berghöfer © Ingo Berghöfer

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