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Satirisch angehauchte Kundgebung statt Aktion

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Die »stille« Aktion gleicht eher einer Mahnwache. Von der Autobahnbrücke abseilen will sich am Sonntag keiner der Aktivisten. © Schäfer

Ein größeres Aufgebot der Ordnungspolizei hatte sich auf eine Brücken-Abseilaktion von Verkehrsaktivisten eingestellt, doch die hielten sich an alle Auflagen und hissten lediglich Spruchbänder.

Gießen . Verkehrsaktivisten wollten sich am Wochenende bei Kundgebungen in Deutschland an Autobahnbrücken hängen und damit für eine schnellere Verkehrswende und den sofortigen Stopp des Straßenbaus als Mittel zum Klimaschutz demonstrieren.

Keine Klage eingereicht

So auch in Gießen zur verkehrsarmen Zeit am späten Sonntagvormittag. Ein größeres Medienaufgebot war erschienen. Doch während an anderen Orten - wenn auch in Frankfurt erst nach Gang vor Gericht - dies genehmigt wurde, verweigerte die Stadt Gießen das Abseilen. Trotz des hiesigen Verbotes wurde von der Aktionsanmelderin hier keine Klage beim Verfassungsgericht eingereicht. Dass diese Aktionen als Kundgebungen gerade jetzt angemeldet wurden, hat als Grund den Beginn mehrerer Strafprozesse wegen Nötigung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr gegen Personen, die sich im Zuge des Protestes gegen den Bau der A 49 und die Räumung des Hüttendorfes im Dannenröder Wald über Autobahnen abgeseilt hatten. So die Erklärung der Aktivisten. Am 1. Februar starten nämlich die Prozesse in Frankfurt. Weitere wird es danach dort und auch in anderen Städten gegen bis zu 30 der damalig Festgenommenen geben. Mit den Aktionen soll auf dieses Gerichtsverfahren aufmerksam gemacht und Solidarität mit den Angeklagten gezeigt werden.

Mehr Performance (künstlerische Aktivität) denn Aktion beinhaltete die angemeldete Kundgebung in Gießen. Satirisch angehaucht verlief die Kundgebung. Auf die politische Dimension wies dabei die eine Seite des Spruchbandes augenzwinkernd mit der Aussage hin: »Brückenterror der Autohasser.« Mehr einer Mahnwache glich die Demonstration. Denn die beiden Aktivisten saßen zumeist auf zwei Stühlen neben der satirisch gemeinten Botschaft.

Dass sich bei der gesamten Aktion von den Verkehrswendeaktivisten streng an die Auflagen der Stadt gehalten wurde, war anscheinend bei den Ordnungsbehörden so nicht erwartet worden. Denn gut ein Dutzend Einsatzwagen von Polizei und Ordnungspolizei mit einer Vielzahl von Gesetzeshütern erwarteten am Ort der geplanten Aktion, die von 11 Uhr bis 12 Uhr für eine Stunde genehmigt war, die Umweltschützer. Diese waren pünktlich per Tandemfahrrad mit Anhänger erschienen. Die zwei Aktivisten hatten zwei Klappstühle am Brückengeländer platziert, ein Spruchband entrollt und begonnen, ein Banner am Brückengeländer zu befestigen. Zwei sich nahezu auf Tuchfühlung den beiden angenäherte Ordnungspolizisten beobachteten akribisch deren Tun. Anschließend überprüften sie die Halteknoten der Seile. Den Autobahnfahrern unter der Brücke grüßte der Spruch: »Wir könnten … wenn wir wollten«. Dass eigentlich nur zwei Einsatzkräfte dabei notwendig gewesen wären, konnte von der Genehmigungsbehörde nicht vorausgesehen werden.

Dieter Müller und Tim Müller gaben die beiden Aktivisten als ihre Namen auf Nachfrage an. Einer der beiden verlas zu Beginn an die zehn Minuten lang die ellenlangen Genehmigungseinschränkungen und Sicherheitsauflagen der Behörde. Ihre Performance bestand darin, das Brückengeländer zu begutachten, Details abzumessen, mit einem ärztlichen Stethoskop abzuhören. Dieter Müller dazu: »Wir prüfen heute die Gegebenheiten vor Ort, ob das Geländer den Anforderungen für eine Abseilaktion entspricht, damit eine solche auch zukünftig stattfinden kann. Das ist unsere heutige Aktion.« Und Tim Müller: »Unsere Tests sind positiv verlaufen. Die Belastbarkeit ist gegeben.«

Auf dem vor dem Banner befindlichen Belag der Fahrbahn hatten Demoteilnehmer zahlreiche, teils satirische Sprüche für Klima- und Verkehrswandel aufgemalt. »Auto(durchgestrichen)Bahnen - #wir sind die Autohasser«, »Lieber Schmutzwasser als frische Luft«, »Keine neuen Autobahnen!«, »Kein Baum ist egal«. Zwei Demonstranten waren aus Homberg/Ohm gekommen. Sie wohnen in einem Stadtteil in unmittelbarer Nähe des Dannenröder Forstes. Ihre mitgebrachten Fahnen tragen die Worte: »Wald statt Asphalt.« Die nicht genehmigte Abseilaktion kritisieren sie: »Die könnten die Autobahn mal ne Stunde sperren. Wenn ein Unfall ist, wird das auch gemacht.«

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