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Satt werden für 5,57 Euro am Tag

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Lebensmittel werden deutlich teurer. Das bekommen vor allem Menschen mit geringem Einkommen zu spüren. Symbolfoto: Fabian Sommer/dpa © Red

Selbstversuch bei steigenden Lebensmittelpreisen: Wie weit kommt man mit dem Hartz-IV-Regelsatz?

Gießen . 5,57 Euro - dafür bekommt man bei einem Bäcker in der Gießener Innenstadt zum Beispiel ein belegtes Körnerbrötchen und ein Puddingteilchen oder kann sich in einem Salatshop einen kleinen Salat zusammenstellen lassen. Für den beliebten Burger einer großen Fastfood-Kette dagegen reicht es nicht. Wer jedoch auf Hartz IV angewiesen ist, für den dürfte nichts davon eine Option sein. Denn der Regelsatz für eine alleinstehende Person beträgt 449 Euro, von denen 155,82 Euro für Essen und Getränke vorgesehen sind. Pro Tag heißt das: Die Ernährung darf im Februar nicht mehr als 5,57 Euro kosten. Im März bleiben sogar nur 5,07 Euro für die tägliche Verpflegung. Wie weit man damit kommt, das habe ich eine Woche lang ausprobiert.

Tag 1

Der Beginn ist noch vergleichsweise einfach - was vor allem daran liegt, dass der Kühlschrank zum Wochenende ohnehin relativ leer ist. Der morgendliche Kaffee mit Milch schlägt mit 30 Cent zu Buche. Für die Arbeit packe ich mir Haferflocken mit Milch, Kakao und Banane ein - macht summa summarum 63 Cent; ein weiterer Kaffee zieht noch mal 30 Cent vom schmalen Budget ab.

Mit 1,22 Euro deutlich teurer wird das Käsebrot mit einer halben Gurke. Denn allein für die Gurke berappe ich im Supermarkt 1,49 Euro. Abends gibt es eine Reispfanne mit Gemüse für knapp unter zwei Euro - hier drückt Tiefkühlgemüse den Preis nach unten. Eine Handvoll Fruchtgummi kostet mich weitere 25 Cent. Unter dem Strich bin ich damit schon bei 4,70 Euro, aber noch im Budget - allerdings nur, wenn ich Haferflocken, Reis und Co. auch alle in diesem Monat aufbrauche.

Tag 2

Im Vergleich zum Vorjahr wurde der Regelsatz für eine Einzelperson um drei Euro erhöht. Die jüngsten Preissteigerungen können damit wohl kaum aufgefangen werden. Laut dem Statistischen Bundesamt stiegen die Lebensmittelpreise im November um 4,5 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahresmonat. Besonders happig fiel die Steigerung bei Speisefetten und -ölen (plus 11,9 Prozentpunkte) sowie Molkereiprodukten und Eiern (plus 6,4) aus.

Beim Wochenendeinkauf schaue ich diesmal genau hin - und entscheide nicht mehr nach Lust und Laune, was mit darf, sondern anhand des Preises. Ein Granatapfel für 2,19 Euro? Utopisch. Brokkoli für 1,49 Euro? Könnte schwierig werden. Ich greife also zu Bananen für 1,09 Euro pro Kilogramm, einer Tüte Möhren für 99 Cent und einem Pfund Paprika für 1,99 Euro.

»Die gestiegenen Preise sind für uns alle eine Herausforderung«, sagt Lutz Perkitny, Stadtteilmanager in der Nordstadt. »Doch für diejenigen, die mit wenig Geld auskommen müssen, wird es richtig eng.« Obst und Gemüse seien mitunter noch teurer als Fleisch und für manche Menschen nicht mehr zu bezahlen.

Obwohl ich an Tag 1 unter meinem Budget geblieben bin, bringt mir das an Tag 2 wenig - denn der Samstag ist traditionell Mutter-Tochter-Tag, inklusive gemeinsamem Essen. Das belegte Sandwich einer amerikanischen Schnellrestaurantkette schlägt mit 6,80 Euro zu Buche - 1,23 Euro mehr, als ich zur Verfügung habe. Ich versuche also zu sparen: Haferflocken mit Quark machen für vergleichsweise wenig Geld satt, schmecken allerdings auch suboptimal.

Tag 3

Den Sonntag nutze ich zum Vorkochen. Denn wer mit dem knappen Budget auskommen und nicht nur Nudeln mit Ketchup essen will, muss vor allem eines: gut planen. Aus den am Vortag gekauften Paprika wird mit Dosenmais, Kidneybohnen und passierten Tomaten vegetarisches Chili. Statt Fleisch- oder Fleischersatz kommen rote Linsen mit in den Topf, was die Portionen deutlich preiswerter macht. Die Gewürze sorgen allerdings für ein Problem: Runtergerechnet kosten sie fast nichts, beim Einkauf reißen sie aber ein gewaltiges Loch in schmale Geldbörsen.

Der ganze Topf ergibt drei Portionen für je 1,67 Euro. Eine esse ich direkt, zusammen mit Reis. Mit Frühstück (zwei Käsebrote, der zweiten Gurkenhälfte und Möhren), Milchkaffees und Quark mit Banane und Haferflocken komme ich auf 5,03 Euro.

Tag 4

Grundsätzlich soll Hartz IV als Überbrückung dienen, bis der Empfänger einen Job gefunden hat und sich (wieder) selbst versorgen kann. Dass in dieser Zeit keine großen finanziellen Sprünge möglich sind, liegt auf der Hand. Oder wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf seiner Website schreibt: Hartz IV ist »Teil der Leistungen zur Sicherung eines menschenwürdigen Existenzminimums«.

Aber wenn aus der Überbrückung ein Dauerzustand wird, geht es nicht mehr darum, sich den Besuch beim Bäcker im Moment nicht leisten zu können. Während ich weiß, dass mein begrenztes Budget vorübergehend ist - und noch dazu gewollt herbeigeführt wurde -, sehen Dauer-Hartz-IV-Empfänger kein Licht am Ende des Tunnels. Auf die 449 Euro im Februar folgen im März wieder nur 449 Euro.

Langsam aber sicher fühlt sich mein Selbstversuch an wie eine sehr eintönige Diät. An Tag 4 gibt es in der Redaktion schon wieder Käsebrot mit Möhre. Das Kilo muss weg, sonst schnellen die einzelnen Preise der Mahlzeiten nachträglich in die Höhe. Aus weiteren Möhren, den restlichen roten Linsen, Kartoffeln, Zwiebel und Gemüsebrühe gibt es abends einen Eintopf. Für etwas Freude auf dem Teller sorgen selbst gebackene Muffins - mit rund 25 Cent pro Stück ein Schnäppchen.

Tag 5

Irgendwann fällt mir auf: Auch meine beiden Katzen wollen gefüttert werden. Tierfutter sieht der Regelsatz jedoch nicht vor. Dabei lebt laut dem Industrieverband Heimtierbedarf in 26 Prozent der deutschen Haushalte mindestens ein Stubentiger. 2008 hat die Interessengemeinschaft Tierschutz in Mittelhessen die Futterausgabestelle in Gießen ins Leben gerufen. Alle zwei Wochen geben die Ehrenamtlichen Futter und Sachspenden an bedürftige Tierhalter aus. Wer kein solches Angebot in seiner Nähe hat, muss sich als Hartz-IV-Empfänger mit Tieren zwangsläufig noch mehr einschränken.

Doch auch wenn ich Katzenfutter, Streu und Co. außen vor lasse, komme ich mit den anvisierten 5,57 Euro nur knapp hin. Zudem wiederholt sich mein Essen ständig, denn als Einzelperson brauche ich lange, um die großen Packungen aufzubrauchen. Kleinere Portionen wiederum wären teurer. Und auch Vorkochen und Einfrieren am Monatsanfang scheint nur bedingt realistisch: Denn wer hat als Einzelperson eine Tiefkühltruhe?

Tag 6

Hartz-IV-Bezieher und andere Menschen mit geringen Einkünften können das Angebot der »Tafel« nutzen und hier für einen symbolischen Kostenbeitrag gespendete Lebensmittel erhalten. Bei der »Gießener Tafel« hat man in den vergangenen Wochen einen erhöhten Bedarf festgestellt. »Es kommen vermehrt Menschen zur Tafel, die über dem Hartz-IV-Satz leben, aber etwa wegen Strom-Nachzahlungen kurzfristige Unterstützung benötigen«, berichtet Organisationsleiterin Anna Conrad. »Wenn beide Partner arbeiten, fallen die Preissteigerungen vielleicht nicht so sehr ins Gewicht. Aber wer bislang nur knapp mit seinem Geld über die Runden kam, der kann sich nun Vieles nicht mehr leisten.« Angesichts der steigenden Preise würden Menschen mit kleinem Geldbeutel daher »zweimal überlegen, ob sie das Kilo Äpfel für drei Euro kaufen oder doch lieber das billige Toastbrot«. Aus den Gesprächen mit den »Tafel«-Nutzern weiß sie, dass manch einer sich ohne die Spenden überhaupt kein Obst oder Gemüse leisten könnte.

Anna Conrad rechnet damit, dass im Laufe des Jahres die Nachfrage noch deutlich zunehmen wird - spätestens dann, wenn nach und nach die Nebenkostenabrechnungen eintrudeln. Doch bereits jetzt ist die »Gießener Tafel« ausgelastet. Zudem erschwert die Pandemie nach wie vor die Abläufe vor Ort, denn es können nicht mehr so viele Ehrenamtliche zeitgleich arbeiten.

Für mich ist die Einschränkung glücklicherweise bald vorbei. Am vorletzten Tag gibt es abends noch mal das vorgekochte Chili, diesmal mit Couscous und Zucchini (2,33 Euro). Über den Tag retten mich die selbst gebackenen Muffins und - natürlich - wieder Haferflocken mit Quark und Banane.

Tag 7

Der letzte Tag, mittlerweile bin ich reichlich genervt von den immer gleichen, preiswerten Zutaten. Immerhin: Abgesehen von Tag 2 war ich immer im Budget, wenn auch knapp. Allerdings hatte ich, Februar sei Dank, auch einen höheren Betrag zur Verfügung. Nicht einberechnet sind die Kosten für den Strom, den ich zum Kochen oder Backen gebraucht habe - und auch der wird teurer und muss vom Regelsatz bezahlt werden. Mit ein Grund, warum der Paritätische Gesamtverband den Betrag für mindestens 100 Euro zu niedrig hält. Ich jedenfalls habe mich noch nie so sehr auf den Wochenendeinkauf gefreut wie diesmal.

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