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Schillernd und gefährdet

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Von: Hans Bahmer

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Ein Männchen der seltenen und gefährdeten Blauschillernden Sandbiene trinkt im Botanischen Garten an den Blüten des Ackersenfs Nektar und hofft, ein paarungsbereites Weibchen zu treffen. Foto: Larve © Larve

Die Blauschillernde Sandbiene wurde im Botanischen Garten gesichtet und auch für den Laien ist die gefährdete Art mit ihrem glänzenden Körper und silbrigen Haarbüscheln kaum zu übersehen.

Gießen. Wer sich im Botanischen Garten die Blüten des Ackersenfs (Sinapis arvensis), des Orientalischen Zackenschötchens (Bunias orientalis), der Österreichischen Rauke (Sisymbrium austriacum) oder des Wohlriechenden Schöterichs (Erysimum odoratum) anschaut, kann dort mit etwas Glück eine etwa honigbienengroße Wildbiene beobachten. Mit seinem blaumetallischen schimmernden Körper, verziert durch diverse silbergraue Haarbüschel und den abgedunkelten Flügeln ist das Insekt nicht zu übersehen. Das äußere Erscheinungsbild hat dem Tier im Volksmund den Namen Blauschillernde Sandbiene eingebracht.

Der wissenschaftliche Entdecker und Erstbeschreiber dieser Wildbiene ist der italienische Arzt und Naturforscher Giovanni Antonio Scopoli. Er hat seiner Entdeckung im Jahre 1770 bereits den wissenschaftlichen Namen Andrena agilissima verpasst. Damit hebt er eine weitere Eigenschaft der Wildbiene hervor, nämlich ihre Agilität. Besonders hektisch umschwirren die Männchen die Blüten des Ackersenfs. Nur für kurze Momente pausieren sie auf den Blüten, um etwas Nektar aufzuschlürfen.

Hektische Männchen

Diesen Energie-Drink benötigen sie für ihre Patrouillenflüge, bei denen sie die Blüten von Kreuzblütlern abfliegen. Bei ihren rasanten und wendigen Flugmanövern hoffen sie, auf paarungsbereite Weibchen zu treffen, die hier Pollen sammeln. Der blassgelbe Blütenstaub des Ackersenfs wird in den unterirdischen Nestern als Nahrung für die Larven benötigt. Diese sind echte Leckermäulchen, denn ihnen schmecken nur Pollen von Kreuzblütlern. In den von den Weibchen angelegten Brutkammern kann sich nur Nachwuchs entwickeln, wenn die Nester nicht von der Senf-Wespenbiene (Nomada melathoracica) entdeckt wurden. Legt diese Kuckucksbiene ihre Eier in die Brutzellen, hat der Sandbienennachwuchs keine Chance. Leider lassen die Sandbienenweibchen den Parasiten gewähren, denn sie nehmen ihn gar nicht als Gefahr wahr, da er über eine chemische Tarnung verfügt und den Nestgeruch angenommen hat.

Übrigens hat man festgestellt, dass mehrere Weibchen zwar einen gemeinsamen Nesteingang benutzen, dann aber ihre eigenen Brutzellen anlegen und betreuen. Diese Form des geselligen Zusammenlebens wird mit einer Arbeitsersparnis bei den oft mühsamen Grabtätigkeiten der unterirdischen Nestanlagen erklärt. Als Nistplätze werden oft Steilwände in Sand-, Kies- und Lehmgruben genutzt. Die Blauschillernde Sandbiene wurde bereits 2019 zur Wildbiene des Jahres gekürt. Damit sollte auf die Gefährdung dieser seltenen Art hingewiesen werden. Sowohl nach der »Roten Liste der Wildbienen Deutschlands« als auch der von Hessen gilt die Art als gefährdet. Neben dem Verschwinden geeigneter Nistplätze mangelt es vielerorts auch an den notwendigen Pollenlieferanten. Durch die moderne Landwirtschaft verschwinden immer mehr benötigte Kreuzblütler. Der großflächig angebaute Raps kann den Mangel nicht ausgleichen, da diese Nutzpflanze oft schon vor dem Auftreten der Blauschillernden Sandbiene verblüht ist.

Gefunden und identifiziert wurde die seltene Wildbiene im Botanischen Garten von Hans Bahmer und Dr. Ulrich Frommer. Letzterer freut sich besonders über den Gießener Fund, da der Hymenopteren-Spezialist sich schon seit vielen Jahren mit der Verbreitung dieser atlanto-mediterranen Art beschäftigt. Ihre in den letzten Jahren zu beobachtende Arealerweiterung in Richtung Norden könnte mit dem Klimawandel in Zusammenhang stehen.

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