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Schlacht in der »Kornkammer«

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Getreideanbau im Krieg: Ein Landwirt in der Südostukraine trägt eine kugelsichere Weste während der Aussaat. © dpa/Ukrinform

Agrar-Wissenschaftler Prof. Martin Petrick von der JLU Gießen spricht im Interview über die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Nahrungsmittelversorgung.

Gießen . Die Ukraine gehört zu den größten Exporteuren von Weizen, Ölsaaten und anderen Agrarprodukten. Doch durch den Krieg im Land könnte die Ernte in diesem Jahr deutlich geringer ausfallen. Martin Petrick ist Professor am Institut für Agrarpolitik und Marktforschung der Justus-Liebig-Universität. Im Interview spricht er über die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf die Lebensmittelversorgung in Deutschland und der Welt und warum man Fleisch gerade jetzt als Luxusgut betrachten sollte.

Die Ukraine gilt als »Kornkammer Europas«. Könnten durch den Krieg die Lebensmittel bei uns knapp werden?

Es ist eine Krise von globalem Ausmaß, die sowohl Auswirkungen auf Deutschland hat als auch auf die Verbraucher weltweit. Je stärker ein Land von den Importen abhängig ist, je weniger es selbst produzieren kann, desto stärker ist es natürlich davon betroffen. In Deutschland und in der Europäischen Union insgesamt sind wir in der vergleichsweise glücklichen Lage, dass wir über genug Agrarflächen verfügen, um uns selbst zu ernähren. Nicht nur das: Die EU hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Kraftpaket entwickelt, was die Erzeugung von Nahrungsmitteln angeht. Wir können es uns leisten, ziemlich verschwenderisch mit der Sonnenenergie zu wirtschaften, indem wir Kalorien, die auf den Äckern produziert werden, an Tiere verfüttern und sie so in tierische Produkte umwandeln. Das heißt aber auch, dass wir uns keine Sorgen darüber machen müssen, dass in Europa Hungersnöte ausbrechen könnten.

Trotzdem waren manche Supermarktregale leer. Liegt das nur an Hamsterkäufen und der damit verbundenen kurzzeitig gestiegenen Nachfrage?

Die Psychologie dahinter ist sicherlich ein Grund. Hinzu kommt, dass Sonnenblumenöl vor dem Krieg eine sehr preiswerte Ölsorte war, die sich gleichzeitig gut lagern lässt. Einige Menschen haben sich hier offenbar einen Bestand im Keller angelegt, obwohl natürlich auch solche Produkte verderben können. Wenn die Bevölkerung in größerem Maße Vorräte anlegt und die verderben, ist das kontraproduktiv und würde die Knappheit zusätzlich verstärken. Ein weiterer Aspekt ist, dass es zu Unterbrechungen in den Lieferketten gekommen ist. Das hat vor allem mit der Verfügbarkeit von Lastwagenfahrern und Logistikrouten zu tun. Das ist teils eine Konsequenz des Krieges - weil Fahrer jetzt in der Ukraine kämpfen, anstatt auf Europas Autobahnen fahren -, allerdings hatten wir dieses Problem auch vorher schon.

Bislang günstiges Öl ist in den vergangenen Wochen sehr teuer geworden...

Das ist maßgeblich auf die erwartete Angebotsverknappung zurückzuführen. Die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen hat kürzlich neue Zahlen veröffentlicht zum »World Food Price Index«. Das ist ein Preisindex, der die Preissteigerung von verschiedenen Teilgruppen misst. Dabei kam es speziell bei Sonnenblumenöl und Getreide zu zweistelligen Preissteigerungen im Vergleich zum Vormonat.

Wie sieht die landwirtschaftliche Situation in der Ukraine aus?

Die Ukraine wird zu Recht als »Kornkammer Europas« bezeichnet, weil die Landwirtschaft und insbesondere die Pflanzenproduktion ein wichtiges wirtschaftliches Standbein ist und maßgeblich zu den Exporterlösen beiträgt. Die Voraussetzungen sind günstig: Die Ukraine verfügt über sehr ertragreiche Schwarzerde-Böden, die eine hohe natürliche Fruchtbarkeit haben und seit vielen Jahrhunderten als Getreidestandort verwendet werden. Die Umstrukturierung, weg von den früheren sozialistischen Agrarbetrieben hin zu stärker marktwirtschaftlich orientierten Betriebsformen, hat aber sehr lange gedauert. Erst nach der Jahrtausendwende konnten die Länder diese Exportkraft entwickeln. Das gilt sowohl für die Ukraine als auch für Russland.

Wohin exportieren die beiden Länder vor allem?

Weltweit, aber insbesondere in Länder mit Defiziten in der eigenen Produktion, die die Nachfrage im Inland nicht selbst decken können. Diese Länder liegen vor allem im Nahen Osten und in Südasien - beispielsweise Ägypten, Jemen oder Indonesien.

Droht hier die nächste Katastrophe?

Genau. In diesen Ländern wird unmittelbar Knappheit entstehen, die drastische Folgen für die Ernährung der Bevölkerung haben kann, bis hin zu Hungersnöten. Die massiven Verteuerungen der Grundnahrungsmittel können zu Krisen in den öffentlichen Finanzen dieser Länder führen, die vielfach die Grundnahrungsmittel subventionieren und dazu möglicherweise nicht mehr in der Lage sein werden. Welche Auswirkungen das haben kann, haben wir während der letzten Preiskrise beobachtet: Einer der Auslöser für den Arabischen Frühling waren auch die steigenden Lebensmittelpreise.

Gibt es andere Länder, die den Bedarf decken können?

Die Lagerbestände für Grundnahrungsmittel weltweit sind niedrig. Außer bei Reis bestehen da wenig Reserven. Die Erzeugung von Getreide erfordert natürlich einen gewissen Zeitraum, man kann nicht per Fingerschnipp die Ernte beliebig vergrößern. Es ist daher wichtig, dass die Ausweichmechanismen nicht noch durch Handelsbeschränkungen untergraben werden.

Können die Landwirte in der Ukraine derzeit überhaupt arbeiten?

In den unmittelbar von Kriegshandlungen betroffenen Gebieten speziell im Osten ist oft keine Bestellung der Felder möglich und es wird zu erheblichen Ausfällen kommen. Berichten zu Folge haben die russischen Angreifer gezielt Agrarbetriebe unter Beschuss genommen. Im Westen des Landes sind die Landwirte dabei, die Frühjahrsbestellung zu machen - es wird als nationale Aufgabe angesehen. Schätzungen besagen, dass zwischen 30 und 50 Prozent der Erntemenge ausfallen könnte. Bis zur Ernte im August und September gehen aber noch einige Monate ins Land mit völlig unabsehbaren Folgen für die Agrarerzeuger in der Ukraine.

Würde die erwartete Menge noch für den Eigenbedarf reichen?

Das dürfte der Fall sein. Die Frage ist allerdings: Kommen die Nahrungsmittel auch zu den Menschen? In belagerten Städten ist es sehr schwierig Lebensmittel hinzubringen, egal ob aus heimischer Produktion oder von außerhalb.

Wie sieht es mit Düngemitteln aus?

Russland und Belarus sind wichtige Exporteure von Düngemitteln, die auch weiterhin exportiert werden. Stickstoffdünger ist ein mittelbares Produkt der Erdgasverfügbarkeit, sodass wir hier enorme Preissteigerungen erlebt haben. Es ist auch nicht auszuschließen, dass es zu Unterbrechungen der Lieferketten und in deren Folge zu Versorgungsengpässen kommt. Wir beobachten weltweit, dass die Preise für Grundnahrungsmittel und für Stickstoffdünger hochgradig integriert sind. Das bedeutet: Wenn die Getreidepreise steigen, steigen auch die Düngerpreise und umgekehrt. In den vergangenen Wochen haben wir für beide Produktgruppen nahezu einmalige Preisexplosionen erlebt.

Woran liegt das?

Der Stickstoffdünger ist eine entscheidende Vorleistung für die Getreideerzeugung. Je mehr Dünger die Landwirte ausbringen, desto höher sind die Erträge. Wenn der Dünger teurer wird, wird es weniger rentabel, ihn einzusetzen, der Düngereinsatz geht zurück, die Getreideernte fällt niedriger aus und die Preise steigen. Die Kosten für den Dünger bestimmen insofern das Angebot an Getreide. Hinzu kommt die Konkurrenz der Nahrungsmittelproduktion mit der Erzeugung von Biotreibstoff auf landwirtschaftlichen Flächen. Bei steigenden Energiepreisen wird auch die Erzeugung von Biokraftstoffen rentabler für die Landwirte.

Wird sich die deutsche Landwirtschaft durch den Krieg verändern?

Es gibt derzeit eine Diskussion darüber, dass sich Deutschland unabhängiger machen sollte von Importen. Ich halte das im Nahrungsmittelbereich für verfehlt, denn wir müssen uns keine Sorge um die Grundversorgung machen. Sicherlich ist es so, dass es zu Anpassungsreaktionen kommen wird. Durch die gestiegenen Düngerpreise werden die Erträge zurück gehen. Es wird vermutlich Auswirkungen auf die Tierhaltung geben: Das Futter wird teurer, ebenso wie die benötigte Energie. Verbraucher werden sich möglicherweise abwenden von den teureren tierischen Produkten, hin zu günstigeren pflanzlichen Energieträgern.

Also lieber Gemüsebratling statt Schnitzel essen?

Wir sollten uns aufgrund dieser Krise vor Augen führen, dass unsere eigenen Essgewohnheiten maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie viele Kalorien und wie viele Grundnahrungsmittel weltweit verfügbar sind. Wir können Einfluss nehmen auf die Hungersnöte in der Welt - maßgeblich mit dem Verzehr tierischer Produkte. Deren Konsum hat sicher viele angenehme Seiten, aber er führt auch zu einer enormen Verschwendung von Kalorien in der Nahrung. Wenn wir also Fleisch tatsächlich als das Luxusgut ansehen würden, das es meiner Meinung nach ist, würden weltweit deutlich mehr Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, um die Menschen zu ernähren, die in existenzieller Weise von den Preissteigerungen betroffen sind.

Foto: Rolf K. Wegst

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Martin Petrick © Red

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