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Schlechte Witze und viel Testosteron

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Ein Vollzugsbeamter der JVA Gießen muss sich derzeit wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung und des gewerblichen Handels mit verbotenen Dopingmitteln vor dem Amtsgericht Gießen verantworten. © Schepp

Ein Gießener Justizbeamter steht wegen Volksverhetzung und Handels mit verbotenen Dopingmitteln vor dem Amtsgericht

Gießen. Die Anklagepunkte wiegen schwer, die Staatsanwältin Mareen Fischer am Donnerstagmorgen zu Beginn eines langen Verhandlungstages am Amtsgericht Gießen rund zehn Minuten lang aus Tapet brachte. Nicht nur der Besitz und der gewerbsmäßige Handel mit anabolen Steroiden wird einem 40-jährigen Gießener vorgeworfen, sondern auch Volksverhetzung.

Diese Vorwürfe wiegen umso schwerer, da der Angeklagte Justizvollzugsbeamter in der JVA Gießen ist. Fast doppelt solange wie die Staatsanwältin selbst sprach er anschließend; schilderte wie er als Kind nach Deutschland kam, von Mitschülern als »Scheißrusse« und »Kanisterkopf« gehänselt worden sei. um sich dann ehrgeizig und zäh ein bürgerliches Leben aufzubauen. Dass er es als zeitweise jüngster Beamter im Gefängnis bis zum stellvertretenden Bereichsleiter, brachte, hätten ihm einige ältere Kollegen nicht gegönnt, ihn gemobbt und sich schließlich in einer Chatgruppe namens »Die Gestrauchelten« gegen ihn verbündet. Indiz für ein Komplott sei auch, dass zwei ältere Kollegen die Beförderung erhalten würden, für die er eigentlich vorgesehen war.

Generell zeichnete der JVA-Beamte ein düsteres Bild seines Arbeitsplatz, in der er und seine Kollegen von Häftlingen angespuckt und mit Kot beworfen würden und in der aufgrund ausbleibenden Nachwuchses mitunter nur zwei Kollegen eine Nachtschicht übernehmen müssten.

Die als Zeugin geladene stellvertretende Leiterin der Justizvollzugsanstalt Gießen beschrieb den Angeklagten als »durchschnittlichen bis überdurchschnittlichen Mitarbeiter«, der »alles gemacht habe» im Gefängnis. und der nach Fortbildungen sogar im Krankenpflegedienst eingesetzt worden sei.

Dass anstelle der Angeklagten andere Mitarbeiter befördert worden seien, verneinte sie, räumte dann aber auf Nachfragen des Richters ein, dass zum 1. April Beförderungen und damit auch die Einstufung in einer höhere Besoldungsstufe für zwei Mitarbeiter anstünden.

Tatsächlich waren offenbar kurz nach der Ankündigung einer Beförderung für den Angeklagten zwei anonyme Schreiben des »Beobachters« und der »demokratischen Mitarbeiter in der JVA« auf den Tisch des Unterausschuss Justizvollzug des hessischen Landtags gelandet, garniert mit einem Facebook-Eintrag des Angeklagten, in dem dieser einen offenbar witzig gemeinten Vergleich mit dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus und der an diesem Tag bei ihm eingetroffenen Gasrechnung seines Vermieters anstellte.

»Das bin ich nicht!«

Er habe einen schrägen Humor, der auch schon mal unter die Gürtellinie gehe, sagte der Angeklagte, aber er sei weder antisemitisch noch fremdenfeindlich. »Das bin ich einfach nicht«, rief er immer wieder zur Richterbank. Und den dummen Spruch habe er schon zwei Tage später wieder gelöscht. Allerdings war das bereits zu spät, um ihn vor einen Besuch des Staatsschutzes am Arbeitsplatz und einer Wohnungsdurchsuchung zu bewahren.

Bei dieser Durchsuchung fanden sich zwar weder braune Devotionalien noch Anhaltspunkte für eine rechtsradikale Gesinnung in seinen Chatverläufen, wie ein als Zeuge geladener Staatsschutzbeamter aussagte, allerdings machten die Beamten einen für den Angeklagten fatalen Beifang.

Im Kühlschrank des leidenschaftlichen Bodybuilders, der es nach eigenen Angaben in dieser Disziplin bis zum Hessenmeister gebracht hatte, fanden sich verbotene Doping-Mittel. Zudem war bei einer Routinekontrolle des Zolls ein an den JVA-Beamten adressiertes Päckchen aus Kroatien abgefangen worden, dass ein ganzes Potpourri an Testosteron-Pillen und anderen leistungssteigernden Präparaten enthielt. Gleich zwei Gutachter hatte Richter Dr. Dietrich Claus Becker kommen lassen, um sich diesen Hormon-Cocktail erläutern. Dabei kamen auch die Experten mitunter an ihre Grenzen. »Das ist ein Stoff, der in der Tiermast eingesetzt wird«, meinte einer Gutachter, «da müssen Sie einen Veterinär fragen.«

Eigenbedarf?

Für ein späteres Urteil entscheidender dürfte eine andere Aussage der Gutachter sein. Beide betonten, dass die leistungssteigernden Mittel in dem ein Kilo schweren Päckchen, durchaus bedarfsgerecht für einen Bodybuilder seien und diese Menge eher für Eigenbedarf als für gewerbsmäßigen Handel spreche.

Das kam bei Richter Dr. Dietrich Claus Becker offenbar schneller an, als bei Verteidiger Tomasz Kurcab, der eine chemische Analyse der Stechfläschchen und Pillen forderte, da die in »osteuropäischen Underground-Laboren« hergestellten Doping-Mittel ja oft viel weniger Wirkstoff enthielten, als auf den Etiketten angegeben. Becker lehnte diese Untersuchung ab, da beide Gutachter ja schon den Vorwurf des gewerbsmäßigen Handels entkräftet hätten.

Weiterhin belastet wird der Angeklagte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft durch Chatprotokolle mit einem Doping-Händler. Der wegen Drogen- und Waffenhandels zu vier Jahren und zehn Monaten Haft und zu einer Zwangseinweisung in eine Entziehungsanstalt verurteilte Mann soll am nächsten Verhandlungstag am 5. April als voraussichtlich letzter Zeuge vernommen werden, bevor Richter Becker dann eine Urteil sprechen wird, von dem für den 40-jährigen Beamten auch beruflich sehr viel abhängen wird.

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