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Schmerzhaft für alle Beteiligten

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Das Ensemble der Jungen Bühne widmet sich eindrucksvoll den Themen Gewalt und Unterdrückung. © Hahn-Grimm

Die Junge Bühne Gießen zeigte ihre intensive Performancecollage »Seinbruch« in der Marburger Waggonhalle. Ihr Thema: Gewalt.

Marburg/Gießen. Intensive Szenen zeigt die Theatergruppe Junge Bühne Gießen in ihrer Peformancecollage »Seinbruch«. In ihrer am Sonntag in der Marburger Waggonhalle präsentierten Inszenierung sind traurige, gewaltsame, bedrohliche Begegnungen zu sehen. Denn Gewalt und Unterdrückung sind das Thema der Jungen Bühne im Bund Deutscher Pfadfinder (BdP). Die Mitwirkenden sprechen von »Toxischer Männlichkeit« und meinen die zerstörerischen Strukturen des patriarchalen Systems gegen Frauen, aber auch gegen die jungen Männer selbst.

Aus der Not eine Tugend machen: Die Junge Bühne, die sich in den vergangenen Jahren durch ihre innovativen Stücke einen Namen gemacht hat, besteht seit ihrer letzten Aufführung ohne künstlerische Leitung und organisiert sich seitdem autonom. Inzwischen haben die jungen Leute einen Riesenspaß daran gefunden, alles gemeinsam zu kreieren, die Texte zu schreiben, die Szenen zu entwerfen, Kostüme und Bühnenbilder zu produzieren. Die Gruppe setzt sich seit Beginn des Jahres 2021, zwischendurch immer wieder online, mit dem Thema auseinander und bietet nun einen Einblick in ihren Prozess.

Zweimal ausverkauft

Mangels eines passenden Aufführungsortes in Gießen ist die Junge Bühne für diese Aufführung nach Marburg »ausgewandert«, das Kulturzentrum Waggonhalle dort bietet in Sachen Größe und technischer Ausstattung günstige Bedingungen. Beide Aufführungen waren ausverkauft.

Doch zurück zum Stück: Die Inszenierung in der technischen Leitung von Silas Gläß und Hannah Dübbelde »illustriert eine Wahrnehmung patriarchaler Strukturen und die daraus resultierenden Übergriffe«, heißt es in einer Presseerklärung der Gruppe. »Triggerwarnung: Das Stück beinhaltet sexuelle Übergriffe, toxische Männlichkeit, Depressionen, Suizidalität und andere psychische Verletzungen«.

Das zeigen vier junge Frauen und acht junge Männer in wechselnden Konstellationen auf der Bühne. Am Anfang steht die brutale Misshandlung einer Frau, dem Opfer wird nach der Tat ein Apfel in den Mund geschoben. Ist das Eva als Urmutter der Erbsünde? In den Köpfen vieler Männer, nicht zuletzt der Kirchenmänner, sieht das wohl so aus. Die düstere und pathetische Musik, durchwebt von Gregorianischen Gesängen, erinnern ebenfalls an mittelalterliche Gepflogenheiten.

Immer wieder folgen Auftritte der gesamten Gruppe als eine Art griechischer Chor, der lautstark das Geschehen kommentiert oder drohend vor kommendem Unheil warnt. In raschem Wechsel schließen sich verschiedene Szenarien an: ein Ausschnitt aus einer Talkshow, in der die Frau von den beiden anwesenden Männern für dumm verkauft wird oder ein Gruppentreffen unter Freunden, das schräg endet. Während der Anfang der Collage noch etwas gewollt und holprig daherkommt, steigert sich der Spannungsmodus im Verlauf der 70-minütigen Aufführung deutlich.

Einzelne Szenen, in denen an drei Stellen der Bühne verschiedene Perspektiven gezeigt werden, bleiben in Erinnerung. Da ist der junge Mann, der davon erzählt, wie er knapp dem Ertrinken entronnen ist, und noch Jahre danach von diesem Trauma gequält wird. In der rechten Ecke der Bühne spielt ein anderer Schauspieler nur mit Mimik und Gestik diese Qualen vor, während links zwei Schauspieler mit einem Eimer Wasser zu sehen sind. Einer schüttet dem anderen tröpfchenweise die Flüssigkeit über den Kopf. Auch hier ist wieder Symbolik im Spiel: Die Angst vor Ertrinken in Bürokratie, die Panik vor dem Nichterfüllen gesellschaftlicher Normen.

Ein einzelner heiterer Moment

Es muss wehtun! Dieser Eindruck stellt sich beim Betrachten des Stücks immer wieder ein. So treten alle Schauspieler bei bitterer Kälte barfuß auf, während die Zuschauer froh sind, wenn sie einen warmen Wintermantel anhaben. Ein Bühnenakteur lässt sich gar die langen blonden Haare abschneiden, oder hatte er vielleicht doch eine Perücke auf? Auch hier handelt es sich wieder um eine Szene die von Depressionen und Gewalt, in der ein Friseur oder Anstaltsleiter seinen Aspiranten mit peinlichen Fragen quält und ihm die Haare abschneidet.

Anklänge von Witz und Fröhlichkeit gibt es nur einmal, als ein Schauspielerpaar die klassische Szenen von Romeo und Julia auf dem Balkon nachstellt, wobei sich diesmal Julia (ein Rollentausch!) über die romantischen Gefühle Romeos lustig macht. Ein bisschen romantisch wird es trotzdem in der folgenden entspannten Tanzszene ganz im Sinn von Shakespeares »Sommernachtstraum«. Doch das währt nur kurz, die nächste Gewaltszene mit Seilen und Bogenschützen kündigt sich an.

Ein Lob noch für Bühnenbild und Kostüme. Die Mitwirkenden sind alle schwarz gekleidet, weiße Klebestreifen sind die einzigen Details, die sie unterscheiden und die in Nachtszenen eindrucksvoll aufblitzen. Vor dem dunklen Hintergrund steht lediglich eine Steinmauer, nach jeder Szene wird ein weiterer Stein hinzugefügt. Symbol einer weitere Zementierung der Männerherrschaft? Wohl eher eine Abgrenzung von der patriarchalen Männlichkeitsanforderungen. Das vorwiegend junge Publikum war begeistert und spendete minutenlang Beifall.

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