1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Schönes Hobby, keine Geldanlage

Erstellt:

Von: Petra A. Zielinski

»Unser Verein hat bedeutende Sammler hervorgebracht«, berichtet Regina Beil, zweite Vorsitzende des Briefmarkensammlervereins Gießen. Sie ist seit ihrem 14. Lebensjahr fasziniert von dem Hobby.

Gießen. Da die Vereinsakten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr vorhanden waren, bestand lange Unklarheit darüber, wie lange es den Briefmarkensammlerverein 1887 Gießen eigentlich schon gibt. Die entscheidende Spur entdeckte der damalige Ehrenvorsitzende Hans Köhler schließlich im Gießener Anzeiger: Aus einem Inserat vom 1. Oktober 1887 ging hervor, dass sich der »Verein für Briefmarkenkunde, Gießen, am Abend um 8 im Postkeller« trifft.

Bestätigt wurde die Gründung des Vereins vor 135 Jahren durch Berichte im »Illustrierten Journal« der Gebr. Senf, Leipzig, das damals als »Organ für die Gesamtinteressen der Briefmarkenkunde« auch für den Gießener Verein zuständig war. Aus alten Veröffentlichungen ging ebenfalls hervor, dass der Briefmarkensammlerverein Gießen Tauschverbindungen in die ganze Welt unterhielt.

»Unser Verein hat bedeutende Sammler hervorgebracht«, weiß die zweite Vorsitzende Regina Beil zu berichten. Als Beispiel nennt sie Georg Koch, dessen Sammlung bereits 1908 bei Gilbert & Köhler in Paris versteigert wurde. Darunter der Brief »Lübeck 1862, ½ Schilling lila im 4er-Block auf Brief der Lübecker Liedertafel nach Bergedorf«, der damals für 405 Goldfranken wegging. »Dieser Brief, der als der schönste und exklu-sivste von Altdeutschland bezeichnet wird, brachte 1987 bei einer Auktion bei Köhler in Wiesbaden 800 000 Mark, ohne Zuschlag.«

Selbst in den Kriegsjahren hat der Verein mehrere Ausstellungen zum Tag der Briefmarke ausgerichtet. Bedingt durch die politischen Verhältnisse gab es damals drei Sammlervereinigungen gleichzeitig in Gießen: den Verein für Briefmarkenkunde, den Philatelistenverein und die Gruppe der Briefmarkensammler in der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude.

Nach dem Krieg, am 5. Juni 1946, erfolgte schließlich die Neugründung des Vereins im Restaurant Greilich in der Klinikstraße 21. Die 39 Mitglieder wählten den Saalbau in der Liebigstraße als Vereinslokal. Von 1948 bis 1964 wurden Briefmarkenausstellungen, meist am Tag der Briefmarke, organisiert.

Auf Antrag des Vereins stellte das Postamt Gießen im März 1950 einen besonderen Briefkasten für »Sendungen mit Sammlermarken« zur besonderen Stempelung auf. Sowohl 1952 als auch 1987 - anlässlich des 100-jährigen Jubiläums - richteten die Gießener Briefmarkensammler den Landesverbandstag aus. 1960 wurde eine Zweiggruppe in Lich gegründet, aus der 1983 ein eigenständiger Verein entstand.

1982 wurde, ebenfalls auf Antrag des Gießener Vereins, das dortige Postamt mit dem Titel »Philatelistisches Postamt« durch den Bund Deutscher Philatelisten ausgezeichnet. Anlässlich des 110-jährigen Jubiläums brachte der Briefmarkensammlerverein Gießen nicht nur den Sonderstempel »40 Jahre Welt-raumfahrt« raus, sondern lud auch zu einer Ausstellung ins Bürgerhaus Klein-linden.

Hier wurden unter anderem Marken gezeigt, die auf dem Mond waren, so-wie ein weltraumerprobtes Innentrieb-werk. »Unser Mitglied, Professor Dr. Löb, war der Erfinder des HF-Ionen-Triebwerkes«, erklärt Regina Beil den Hintergrund. Zum 120-jährigen Jubiläum fand schließlich eine Ausstellung in der Galerie Neustädter Tor statt.

Bereits seit 1949 lädt der Verein zu Großtauschtagen ein, die seit 1984 re-gelmäßig zweimal im Jahr - im Frühling und im Herbst - im Wiesecker Bürger-haus stattfinden und auf große Resonanz stoßen. Am 30. Oktober veranstalten die Gießener Philatelisten nun ei-nen Jubiläumstauschtag anlässlich 135-jährigen Gründung. »Man sollte seine Briefmarken nicht nur im Internet kau-fen. Das persönliche Gespräch mit an-deren Sammlern ist durch nichts zu er-setzen«, betont Regina Beil.

»Zu unserem Tauschtag ist jeder herzlich eingeladen. Hier wird nicht nur ge-tauscht, sondern auch verkauft.« Dabei reiche das breitgefächerte Angebot bis hin zu Münzen. »Zu jedem Sammelgebiet stehen Experten zur Verfügung«, führt sie weiter aus. »Auf den Großtauschtagen findet man Stücke, die man auf Flohmärkten nicht bekommen kann«, unterstreicht die Philatelistin. Sie selbst sei durch Zufall auf eine alte Karte gestoßen, die das Elternhaus ihres Vaters zeige.

Neben den Großtauschtagen treffen sich die Vereinsmitglieder jeden dritten Sonntag von 10 bis 12 Uhr im Bürgerhaus Wieseck, um sich über aktuelle Themen auszutauschen. »Hier kann man nicht nur seine Sammlung ergänzen, sondern bekommt auch Tipps von alten Hasen, zum Beispiel, wie man Fälschungen erkennen kann. Darüber hinaus bietet der deutsche Briefmarkenverband Arbeitsgruppen zu den unterschiedlichsten Sammelgebieten - von Eisenbahnwesen bis hin zu Baltischen Staaten - an, in denen auch die Gießener Sammler vertreten sind.« Regina Beil selbst ist über ihren Vater zur Philatelistin geworden. »Mein Vater hat bei der Post gearbeitet und Zeitun-gen mit nach Hause gebracht, in denen die neuesten Briefmarken vorgestellt wurden«, erinnert sie sich. Außerdem hätte sie durch einen Onkel und eine französische Brieffreundin immer schöne Marken erhalten. »Mit 14 Jahren habe ich mit dem Sammeln begonnen«, erzählt sie.

Ihr Hauptsammelgebiet sind »Themen, die sich mit Gießen verbinden lassen«. Hierzu gehört beispielsweise ein Zeppelinbrief nach Südamerika, der in Gießen abgestempelt wurde und nicht mit der typischen Zeppelinfrankatur frankiert wurde, sondern ganz normal. Darüber hinaus weise die Marke auch noch einen Plattenfehler auf. Ein weiteres Schmuckstück ihrer umfangreichen Sammlung ist eine Postkarte anlässlich des Prinz-Heinrich-Flugs in Gießen, ab-gestempelt am 11. Mai 1913.

Mitglied im Briefmarkenverein Gießen ist Regina Beil seit etwa acht Jahren - als einzige Frau bei 60 Mitgliedern insge-samt. »Wir haben überwiegend ältere Mitglieder«, erklärt sie. Die meisten seien bereits im Rentenalter. Einzig der Vorstand mit Mark Wedel an der Spitze sei unter 60 Jahren. Um junge Leute für das interessante Hobby zu gewinnen, plane der Verein in Schulen zu gehen. »Ein Termin in Wettenberg musste Corona-bedingt leider ausfallen, soll aber nachgeholt werden.«

Junge Leute gesucht

»Briefmarkensammeln ist ein schönes Hobby, aber keine Geldanlage«, weiß sie. Oftmals würden Erben von Sammlern den Verein kontaktieren, in der Hoffnung wertvolle Stücke zu haben. Doch zumeist sei dem nicht so. »Ich weiß nicht, was in zehn Jahren sein wird, aber unser Hobby ist viel zu interessant, um auszusterben. »Wenn wir keine neuen Mitglieder gewinnen können, wird es den Verein nicht mehr geben. Und es ist schade, wenn dann jeder Philatelist im stillen Kämmerlein allein für sich sammelt.«

Weitere Informationen unter www.briefmarkensammlerverein-giessen.de.

Regina Beil sammelt Briefmarken seit sie 14 Jahre alt ist - am liebsten Motive, die einen Bezug zu Gießen haben. Fotos: Zielinski

Auch interessant