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Schönheit sucht man vergeblich

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Erinnert an abgezogene Haut: Latexabdrücke von Fußböden. Foto: Schultz © Schultz

Aktuelle Ausstellung im KiZ in Gießen zitiert frühere Nutzung als Stadtbibliothek und ist eine große intellektuelle Stimulation

Gießen . Eine ungewöhnliche Ausstellung findet im Kultur im Zentrum (KiZ) statt; »Several ours, rewriting cracks«. Das Haus wurde aus diesem Anlass vorübergehend in AMAG umbenannt, was »Areal Markelius Abteil für Gegenwart« bedeutet. Ein Team aus vier jungen Künstlern bespielt sehr einfallsreich die ehemalige Stadtbibliothek nun mit Baumaterialien, Schaukästen und mehr. Freitag war die sehr gut besuchte Eröffnung.

Dabei stellte Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubacher die Schau in den Zusammenhang mit den baulichen Veränderungen an dem vom Schweden Sven Markelius designten und 1966 eröffneten Zentrum. Die »intensive Ausstellung« sei auch »ein Prozess der Aneignung«. Und: »Vom Raum geht eine Suche nach Geschichte aus.« Die Schau zitiere die »frühere Nutzung des Raums« als Bibliothek. Er warf die Frage auf, ob sich etwa die gezeigten Schaukästen (»Aushang«), die früher außen am Gebäude hingen, nun in Kunst verwandelt hätten und ob sie diese Eigenschaft nach Abbau der Schau wieder verlören. »Kommen Sie einmal, kommen Sie immer«, schloss er.

Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung Wiesbaden, sah »Zeit und Raum, Ort und Erinnerung als Leitmotive für diese Ausstellung«. Und: »Die eigentlichen Werte, für die eine Stadt steht, liegen jenseits der urbanen Selbststilisierung von Marketingstrategien«. Dort liege auch das Potenzial für ihre Bewohner, sich in ihrer Individualität entfalten, Bedürfnisse nach Sicherheit und Kontakt erfüllen zu können und ein Leben zu führen, das sozial fruchtbar und auch gut für die Stadt als Körper sei. Dieses Gebäude »ist für mich eines der schönsten Gebäude der Stadt«.

Scholtz: »Hier dreht sich alles um die künstlerische Umsetzung von Erinnerungen an hier verbrachte Zeit, um Erzählung, Selbstwahrnehmung und Gegenwart, die reflektiert und in inspirierende kraftvolle Installationen, Performances und Texte umgesetzt wurden. Gießen, als urbaner Körper aufgefasst, kann das durchaus als einen Spiegel erleben.«

Kurator und Kunstlehrer Markus Lepper wies auf die »multiple Autorenschaft« hin, die dazu führe, dass die individuellen Anteile der Künstler verschwimmen. Er erwähnte historische Kristallisationspunkte, etwa den eigens herangeschafften Schreibtisch und Stuhl der Aufsicht, »den letzten aus dem ehemaligen Kongresshallen-Restaurant«, und wies auf die historische Dimension hin. Hier wurden viele Jahre lang die Abschlussbälle der Tanzschule Bäulke gefeiert, und auch das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium feierte Abschlüsse.

Museale Anmutung

Im KiZ stehen zudem historische Bertoia-Bänke und ein paar, die nachgebaut wurden, und unter der Treppe hängt ein historischer Bodenbelag als Projektionsfläche. An den Wänden oben und an der Brüstung findet man an Handtuchhaltern Latexabdrücke von Fußböden, die wie abgezogene Haut aussehen; große Schrifttafeln fügen eine museale Anmutung hinzu.

Die Künstler - Max Johnson, Noah Evenius, Gerrit Brocks und Nelly Nakahara (Gestaltung/Grafikdesign), Deva Schubert (Performance und Choreografie) - haben die Schau mit einer mächtigen formalen und sprachlichen Stilbemühung beschrieben, um sich den Beziehungen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu widmen.

Zum Glück ermöglicht das komplette Werkverzeichnis einen formalen Zugang zur Ausstellung, die nur wenige Bildflächen enthält. Sie bietet auch wenige optische oder emotionale Anreize, es ist eine große intellektuelle Stimulation. Auch die stählernen Baustützen, die man zunächst nicht als Exponate würdigt, bilden einen Bezug zur baulichen Realität des Hauses, und unten sind vier einfach unter die Decke gestellt. Schönheit sucht man hier vergeblich, man findet darstellerische Strenge. Zum Verständnis der Installation unbedingt erforderlich und nützlich ist der »Kuratorische Kommentar«, der neben dem Handblatt ausliegt.

Noch bis zum 28. Oktober, bei KiZ Südanlage 3a, Gießen. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

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