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Schon mit Kleinigkeiten viel bewegen

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An seinem Schreibtisch im Diakonischen Werk Gießen wird Holger Claes noch wenige Monate sitzen, bevor er in den Ruhestand geht. Als Vorsitzender des Seniorenbeirates hat er den Staffelstab kürzlich an Pfarrer Gabriel Brand übergeben. © Lemper

20 Jahre hat sich Holger Claes im Seniorenbeirat der Stadt Gießen als dessen Vorsitzender für die Interessen älterer Menschen eingesetzt. Parteipolitik sollte dabei keine Rolle spielen.

Gießen . An diesen einen Rat kann sich Holger Claes noch sehr gut erinnern. Als der Leiter des Diakonischen Werks vor zwei Jahrzehnten an die Spitze des Gießener Seniorenbeirates rückte, habe ihm Ernst Niessner, im besten Sinne Urgestein in der hiesigen Sport- und Turnlandschaft, folgenden Hinweis mit auf den Weg gegeben: »Eines muss klar sein - viele Jahre haben wir uns nur über Pflege unterhalten. Aber Menschen im Alter sind auch gesund.« Sprich, es geht eben auch darum, die Seniorinnen und Senioren in der Stadt zu aktivieren und dafür geeignete Angebote bereitzustellen. Seitdem ist einiges geschehen, auf das Holger Claes nach seinem Ausscheiden aus dem Gremium zufrieden zurückblickt.

Gießen wirbt gerne damit, die jüngste Stadt Hessens zu sein. Das Durchschnittsalter liegt bei 39 Jahren. Vieles, das für die jüngere Generation (noch) nicht von Bedeutung ist, macht den älteren Bürgerinnen und Bürgern aber vielleicht ganz besonders zu schaffen. Ihre Anliegen sollten gerade deshalb »ein wichtiges Thema und ein Gradmesser für den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe« sein und bleiben, betonte die ehemalige Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz im Vorwort zur »Fortschreibung des Altenhilfeplans«. Egal, ob Mobilität, barrierearmes Wohnen, Verkehrssicherheit, Beratungs- und Hilfsleistungen, neue Pflegekonzepte, Baumaßnahmen oder die zunehmende Digitalisierung im Alltag - die Palette der zu behandelnden Fragen ist vielfältig. »Und es lässt sich bereits mit Kleinigkeiten jede Menge bewegen«, weiß Holger Claes und nennt als Beispiel den seinerzeit abgeflachten Bürgersteig am Johannesstift.

Parteipolitisch unabhängig

Der Seniorenbeirat nehme dabei stets seine Rolle als »Sprachrohr für die Probleme und Interessen« der älteren Gießenerinnen und Gießener wahr und habe schon etliche maßgebliche Entscheidungen von Magistrat und Parlament konstruktiv begleitet. Es handele sich also keineswegs um eine Einrichtung, die nur der Zierde diene und ohne Einfluss sei.

Er selbst habe in seiner Funktion als Vorsitzender auf zwei Dinge großen Wert gelegt: Erstens, dass der Beirat parteipolitisch und konfessionell unabhängig arbeitet. »Sonst klappt keine inhaltliche Diskussion«, sagt Claes. Doch das sei sehr gut gelungen. Schließlich bestehe das gemeinsame Ziel darin, Verbesserungen für Senioren und Menschen mit Beeinträchtigung herbeizuführen. »Dafür braucht es wahrlich kein Parteibuch.« Und zweitens habe er sich sehr darum bemüht, »dass sich jeder mit seinen Vorschlägen und Anregungen ernstgenommen und wertgeschätzt fühlt«. Ihm sei hier die Aufgabe des Moderators zugefallen.

Gleichzeitig hebt Holger Claes hervor, dass er in dem ausgewogen besetzten Gremium jederzeit sehr engagierte Mitstreiter an seiner Seite gewusst habe. Gerade aus den vertretenen Vereinen und Institutionen werde dort reichlich fachliche Expertise eingebracht. Auch das Miteinander der Wohlfahrtsverbände in Gießen, die sich nicht als Konkurrenten betrachteten, sondern auf ein gut austariertes soziales Gefüge achteten, sei als vorbildlich zu bezeichnen. Und nicht zuletzt sei man auf eine immer sehr hilfsbereite Verwaltung gestoßen.

Besonders stolz ist Holger Claes auf den Altenhilfeplan, der sich aus dem Seniorenbeirat heraus entwickelt habe. Damit hätten sich die Perspektiven insofern verbessert, als er eine zuverlässige Datengrundlage liefert, evaluiert, was bereits erreicht worden sei, Bedarfe definiert und unter Berücksichtigung verschiedener Lebensentwürfe allerlei Handlungsempfehlungen ableitet: etwa zur offenen Seniorenarbeit, ebenso zu bürgerschaftlichem Engagement, Gesundheit und Prävention, haushaltsnahen Dienstleistungen oder dem Schutz vor Kriminalität. Was dem Diakonie-Leiter vor allem imponiert hat, ist die Tatsache, »dass nichts von oben vorgeschrieben wurde«. Vielmehr sei der Plan, der als ständig zu überprüfender Prozess begriffen werde, »unter hoher Beteiligung sowie guter Mitwirkung interessierter und sachkundiger Personen« partizipativ entstanden. Mit der Umsetzung befasst sich seit 2013 auch der Runde Tisch »Älter werden in Gießen«.

»Völliges Neuland« sei darüber hinaus mit dem »Senior*innenwegweiser« betreten worden. Ein »tolles Informationsmedium« mit vielen relevanten Adressen und Telefonnummern. Aufgelistet werden unter anderem stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen, Anlaufstellen für Hilfen wie »Essen auf Rädern«, Mittagstische und den Hausnotruf, Angebote für Demenzkranke und deren Angehörige oder alles rund um Vorsorge im Alter. Enthalten sind ferner nützliche Tipps, wie die Freizeit abwechslungsreich gestaltet werden kann - gesellig, kulturell und sportlich. Entscheidend sei, einerseits so lange wie möglich selbstbestimmt bleiben zu können, andererseits die älteren Menschen zu ermutigen, Kontakte zu knüpfen, sich zu treffen, aktiv zu werden, um nicht alleine zu sein, verdeutlicht Holger Claes.

Abbau von Barrieren als Dauerbrenner

Regelmäßig habe sich der Beirat damit auseinandergesetzt, Hindernisse zu minimieren respektive zu beseitigen, sei es beim Wohnen, im öffentlichen Raum oder im Öffentlichen Personennahverkehr. Für das Caritashaus »Maria Frieden« etwa gab es anfangs keinen eigenen Busanschluss. In Wieseck wiederum beklagten Senioren, an einer Bushaltestelle nicht vernünftig aussteigen zu können. Leider habe dieses Defizit aus baulichen Gründen nicht aufgelöst werden können, berichtet der frühere Vorsitzende.

Ähnlich unbefriedigend sei die nach wie vor fehlende völlige Barrierefreiheit im Stadttheater. Die Situation sei weder behinderten-, noch hinreichend seniorenfreundlich. Der Konflikt mit dem Denkmalschutz ist ein Dauerbrenner - im Übrigen auch bei alten Villen in Gießen. Eine Familie allerdings, so Holger Claes, habe der Seniorenbeirat erfolgreich bei dem Vorhaben unterstützt, außen - und von vorne nicht sichtbar - einen Aufzug anbringen zu dürfen. »Andernfalls hätte die Wohnung im dritten Stock aufgegeben werden müssen.«

Ist Gießen denn nun eine seniorengerechte Stadt? Die Bedingungen seien nicht besser als andernorts, findet Holger Claes, aber zumindest nicht schlechter. »Optimierungsbedarf gibt es natürlich trotzdem immer.« Und dann hat der ehemalige Vorsitzende noch einen dringlichen Wunsch - dass sich die Stadt und der Seniorenbeirat nämlich noch intensiver der »Armutsbekämpfung im Alter« annehmen mögen. In seiner langjährigen sozialarbeiterischen Tätigkeit habe er, der einst die »Tafel Gießen« gründete, jedenfalls wiederholt und eindrücklich erfahren, welche Schicksale daran hängen, wenn sich Schulden anhäufen oder die Rente kaum mehr zum Leben reicht. »Dieses Thema wird uns in Zukunft noch stärker beschäftigen, darauf werden wir uns daher einstellen müssen.«

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