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Schule als lernende Organisation

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Von: Julian Spannagel

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Verena Friederike Hasel inmitten einer diskussionsbereiten Gruppe beim Bildungs-Kongress. Foto: Spannagel © Spannagel

Gießen. Es müsse mehr geschehen, damit »nicht an Kindern vorbei unterrichtet wird«, findet Verena Friederike Hasel. Sie ist Psychologin und Autorin und tauscht sich gerade mit den Teilnehmenden an einem der drei arrangierten Tische im Mathematikum aus. Die SPD Hessen-Süd hatte dorthin zu einem Bildungskongress eingeladen, bei dem es um Zukunftsperspektiven für Schulen ging:

Wie kann die Institution wissenschaftsgetreuer und gesellschaftsformender und dabei den Herausforderungen der Zeit gerecht werden? Im Mittelpunkt stand die Perspektive von drei Gästen. Der Bundestagsabgeordnete Felix Döring und Kerstin Geis (Landtag, beide SPD) kündigten an, die Erkenntnisse in das Parteiprogramm einfließen lassen zu wollen.

Weitere Ergebnisse des Gruppenaustauschs: Dafür sorgen, dass »Lehrer up to date sind« und Forschungsergebnisse zur Verfügung stehen, eine »Aufwertung des Lehrerberufs« und das Bilden »multiprofessioneller Teams«, was etwa beinhaltet, dass psychische Probleme von Kindern besser berücksichtigt werden. Hasel hat eine Menge wissenschaftliche Kenntnisse im Gepäck, so etwa, dass die Vorstellung von Lerntypen wie auditiv und visuell überholt sei oder dass es entgegen verbreiteter Annahmen nichts bringe, Texte wieder und wieder zu lesen. Eine Teilnehmerin, derzeit im Lehramtsstudium, erzählt, dass dies auch an der Universität gefordert sei. Wie sollen folglich Lehrkräfte, die »unsinnige Dinge« lernen, Schüler gut unterrichten?

Die Autorin, die gerade ein Praktikum an finnischen Schulen hinter sich hat, betont deren Vorteile gegenüber den hiesigen. »50 Prozent der Schulleistung entfallen auf die Schule«, so Hasel über deutsche Schulen. In Finnland hingegen sei egal, »auf welche Schule ich mein Kind schicke«. Zudem kontrastiert sie tendenzielle Qualitätsunterschiede zwischen öffentlichen und privaten Schulen hierzulande. Bildungserfolg hänge entsprechend stärker vom Elternhaus ab. Dass die Schulen in Finnland besser seien, führt sie auch auf eine stärkere Anerkennung des Lehrerberufs zurück.

Fortbildung

Viele Bewerber auf Lehramts-Studienplätze erwarte zudem ein Auswahlverfahren, welches vor allem jene begünstige, die bereits mit Kindern gearbeitet haben. Und auch im Beruf geht es anders zu: Während in Deutschland üblicherweise Fortbildungen »von der Stange« von Lehrern mit entsprechender Fehleranfälligkeit ins Kollegium hineingetragen würden, finden diese in Finnland gezielt und in den Schulen statt. »Wie ein Coaching«, erklärt die Expertin.

Ebenfalls zu Gast war Dario Schramm. Er ist ehemaliger Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz und Autor über die »Generation Corona«. Sein Abitur liegt noch nicht weit zurück und er berichtet von einer Freundin, die »Vorzeigeschülerin« gewesen sei und von der er oft die Hausaufgaben bekommen habe. Wenn er diese jedoch fragt, was sie gern macht und kann, hätte sie darauf keine Antwort. »Dann ist da ganz viel Leere«, so Schramm, der dies auch bei anderen Mitschülern mit besonders guten Noten beobachtet hat. Er sieht einen Widerspruch zwischen einer stets betonten Individualität des Einzelnen sowie dem Raster »Noten«, welches er infrage stellt. Zudem wünscht sich Schramm eine andere Gewichtung im Schulunterricht. »Wie überlebe ich?«, drückt er es aus und wünscht sich mehr Hilfestellung im »normalen Leben«. Dies kontrastiert er mit dem Exerzieren von Gedichtanalysen, deren seltenere Anwendung im Unterricht Schramms Ansicht nach nicht nur eine Pandemie-Begleiterscheinung bleiben müsse. Er stellt sich darüber hinaus eine Digitalisierung vor, die über die Gabe von Tablets hinausgeht und soziale Ungleichheit berücksichtigt.

Dem dritten Gast, Prof. Michael Urban, geht es darum, dass den Kindern wieder bewusster wird, dass sie »Träger von Menschenwürde und Kinderrechten« sind. Dies versteht er als eine Demokratisierung entgegen populistischer und rechter Entwicklungen. Urban ist Experte für Erziehung und Bildung im Kontext sozialer Marginalisierung an der Goethe-Uni. Er moniert, dass viele Menschen ohne wissenschaftliches Denken einer »vereinfachten Weltsicht« anheimfallen. Zu ersterem gehöre etwa auch, Wissensbestände als vorläufig anzusehen.

Mündige Bürger

Der Vorschlag aus Hasels Gruppe, Lehrerwissen auf dem neuesten Stand zu halten, klingt ähnlich. Mehrfach fällt der Ausdruck »mündige Bürger«, deren Hervorbringen Urban als Ziel von Schule skizziert. Insgesamt findet der Professor, dass sie eine »lernende Organisation« sein müsse, was unter anderem Anpassungsfähigkeit und Reflexivität bedeutet.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Kerstin Geis nimmt aus den Gesprächen unter anderem mit, dass Lehrer stärker wertgeschätzt werden müssen. Mit dem Stichwort »radikal« fängt sie die Erkenntnisse und den Impuls aus diesem Austausch insgesamt ein. Ihr Parteikollege Felix Döring stellt heraus, dass nur 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgegeben werden. »Die, die Schule am Nötigsten hätten, werden nach der 9. Klasse rausgeworfen«, ergänzt der Politiker. Auch die Selektion zur fünften Klasse kritisiert er. »Einer Fünftklässlerin pro Halbjahr über 30 Ziffernoten zumuten«, findet Döring ebenfalls nicht in Ordnung. Beide Politiker versichern, die Gespräche aufzubereiten, sodass sie ins Parteiprogramm einfließen.

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