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Schulstandort Gießen stärken

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Björn Hendrischke, Kay-Achim Becker und Stefan Füll erläutern die aktuelle Lage des Handwerks. © Ewert

Von Nachwuchsproblemen, auswirkungen der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges: die Obermeisterversammlung der Kreishandwerkerschaft Gießen thematisiert Probleme und Chancen.

Gießen. Das Ende der Corona-Krise sei ja nun - hoffentlich - in Sicht, so Kreishandwerksmeister Kay-Achim Becker zu Beginn seines ausführlichen Berichtes vor der Obermeisterversammlung der Kreishandwerkerschaft (KH) Gießen im Bürgerhaus Kleinlinden. Mitglieder dieses »Parlamentes des Handwerks« sind die Obermeister, stellvertretenden Obermeister und auch - wenn vorhanden - die Ehrenobermeister von 21 Handwerksinnungen mit ihren insgesamt rund 1100 Mitgliedsbetrieben, die in der KH Gießen zusammengeschlossen sind.

Allerdings sorge nun neben den Corona-Spätfolgen - wie beispielsweise einem höheren Krankenstand der Mitarbeiter - der Ukraine-Krieg für weiterhin deutlich erschwerte Bedingungen, in denen die deutsche Wirtschaft insgesamt, aber auch das Handwerk vor Ort zu kämpfen habe - von dem unvorstellbaren Leid der betroffenen Menschen ganz zu schweigen. Dieser sinnlose Krieg müsse schnellstens enden.

Bezogen auf die wirtschaftlichen Folgen auch für das Handwerk muss laut Becker »schon jetzt von einer Energiekrise par excellence« gesprochen werden. Die Beschaffung notwendigen Materials werde immer schwieriger. Knappes Material sorge zudem für exorbitant gestiegene Preise. Ein Stopp russischer Gaslieferungen, so verständlich derartige Überlegungen und Forderungen als ein Mittel zur Beendigung des russischen Angriffskrieges auch seien, würde »katastrophale ökonomische Folgen« haben, vermutet er. Kurzfristig könne das die deutsche Wirtschaft, die ohnehin möglicherweise vor einer Rezession stehe, nicht verkraften.

Neben diesen Problemen ist der Mangel an Facharbeitern und im Vorfeld an Lehrlingen ein weiteres, dem mit einer Stärkung der Berufsorientierung an allgemeinbildenden Schulen begegnet werden solle. Um auf diese Weise dem Fachkräftemangel nachhaltig entgegenzuwirken, habe sich vor Jahresfrist der Verein Handwerk Mittelhessen und kürzlich ergänzend ein Förderverein gegründet. Der Berufsorientierungscoach des neu gegründeten Vereins, Bäckermeister Rüdiger Stamm (Groß-Eichen), erläuterte das schon erfolgreich praktizierte Konzept der »Azubi-Guides«. Die Idee ist, dass junge Handwerkerlehrlinge »auf Augenhöhe« den nur unwesentlich jüngeren Schülern das Handwerk vorstellen, sie für eine Ausbildung motivieren und dabei »den Funken der Begeisterung überspringen lassen können«.

Kreishandwerksmeister Becker wies auf die Gespräche hin, die Vorstand und Geschäftsführung der KH Gießen regelmäßig mit allen demokratischen Parteien im Landkreis bezüglich das Handwerk betreffende Vorhaben und Entwicklungen führen. Stichworte sind zum Beispiel Nachwuchsgewinnung, Verkehrsproblematiken, die Stärkung des Schulstandortes Gießen und auch die Vergabe öffentlicher Aufträge, die möglichst in der Region gehalten werden sollten. Bei einem Besuch von Becker gemeinsam mit dem KH-Hauptgeschäftsführer Björn Hendrischke in einer Bürgermeisterdienstversammlung sei auch das Phänomen und Problem angesprochen worden, dass Kommunen und Kreise, aber auch andere »halböffentliche Stellen«, handwerkliche Mitarbeiter suchten und einstellten und diese dann beim Handwerk und seinen Betrieb abwerben würden. Das könne nicht im Sinne des Handwerks sein. Um diesen Bedarf dennoch zu decken, sieht das heimische Handwerk in einer »Verbundausbildung« ein mögliche Lösungsvariante, die beiden Seiten gerecht werden könne. Fachkräfte im Handwerk »zu wildern«, ist laut Becker dagegen keine Dauerlösung.

In Sachen Bekämpfung von Schwarzarbeit und illegaler Handwerksausübung auf der Basis des »Regensburger Modells« vermeldet der Kreishandwerksmeister Erfolge: In 78 Fällen seien 2021 Abmahnungen von der KH Gießen auf den Weg gebracht worden. Dabei geht es, so die Ergänzung von Björn Hendrischke, auch darum, betroffene »illegale Handwerksausübende« zu sensibilisieren und zu überzeugen. Becker: »Es hat sich herumgesprochen, dass die KH Gießen auf diesem Feld aktiv ist.«

Laut Stefan Füll, Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden, ist die Region Mittelhessen ein sehr wichtiger Standort. Der Nachwuchsmangel sei evident. Von immer weniger Schulabgängern drängten zugleich immer mehr zu Abitur und Studium. Zugleich zeige sich, dass immer mehr junge Menschen ihr Studium abbrechen und eine berufliche Lehre beginnen. Das sei eine Chance für das Handwerk. Füll appellierte an die Betriebe, auch in kritischen Zeiten ihr Personal zu halten: »Einmal abgebautes Personal wieder aufzubauen, ist sehr schwer.« Insgesamt habe sich das Handwerk jedoch gerade in den gegenwärtigen problematischen Zeiten als »krisenfester Wirtschaftszweig« erwiesen. Sogar die Ausbildungszahlen seien in 2021 wieder gestiegen, lägen aber noch unter denen der Vor-Corona-Zeit.

Sinkende Lehrlingszahlen - diese durch Corona verstärkte Entwicklung, die sich aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge aber noch verschärfen werde - bringen zugleich Probleme in Sachen Berufsschulstandorte mit sich. Mit diesem schwierigen Thema beschäftigen sich derzeit Handwerk und Politik auf regionaler wie auf Landesebene, berichtete HKH-Hauptgeschäftsführer Hendrischke. Der Erhalt der Schulstandorte für jedes Gewerk sei gerade im ländlichen Raum wünschenswert. »Bedenklich« nannte er eine überregionale Zusammenfassung von Berufsschulklassen. Aufgrund sinkender Lehrlingszahlen in etlichen Gewerken, gerade auch, aber nicht nur im Lebensmittelhandwerk, werde es jedoch wohl zu »Konzentrationen« bezüglich der Schulstandorte kommen.

Im Wissen, dass Schulstandort-Fragen »immer heikel« sind, sollten und wollten die handwerklichen Fachverbände als Vertreter der Interessen des Handwerks im Kontakt mit der Politik versuchen, die Umsetzung mitzugestalten und vor allem um mindestens zwei Jahre zu verschieben. Von der KH Gießen werden aktuell und über alle Gewerke 1300 Lehrlinge betreut.

Trotz aller krisenhafter Einflüsse von außen sieht Kreishandwerksmeister Kay-Achim Becker (Beuern) die Kreishandwerkerschaft und das heimische Handwerk auf einem »guten und innovativen Weg«. Auf gleicher Wellenlänge liegend macht sich auch Kammerpräsident Stefan Füll »Stand heute keine großen Sorgen um was Handwerk«, rechnet aber mit einer »weiterhin spannenden Entwicklung«.

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