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Lüften und Masken sind in Kombination neben dem Impfen das Mittel der Wahl, um vor einer Corona-Infektion zu schützen.

Schulunterricht sicher gestalten

Gießen (red). Ein Aufrechterhalten des Schulbetriebes in Präsenz ist nach derzeitigem Kenntnisstand nur durch eine Bündelstrategie mit einer Vielzahl von Maßnahmen zu erreichen - so lautet die Empfehlung eines interdisziplinären Experten-Teams aus Lufthygiene, Aerosolforschung, Physik sowie von Lüftungsingenieuren. Insgesamt 14 Forschende aus zwölf Einrichtungen in Deutschland und Österreich verfassten eine gemeinsame wissenschaftliche Stellungnahme, darunter auch die Professoren Dr.

Thomas Steffens und Dr. Hans-Martin Seipp von der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM).

Die Stellungnahme fasst die wichtigsten Schutzmaßnahmen kompakt zusammen und wurde bereits an die Kultusministerkonferenz und verschiedene Bundesministerien ver-sendet. Sie soll politischen Entscheidungsträgern, Kommunen, Schulträgern und Eltern eine Entscheidungshilfe über notwendige und sinnvolle Maßnahmen zum Offenhalten der Schulen an die Hand geben. Koordiniert wurde die Stellungnahme von Prof. Dr. Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt.

Lüftung kann Maske nicht ersetzen

Den Schwerpunkt der Empfehlungen legen die Forschenden auf Maßnahmen zur Lufthygiene. Um die Infektionsrisiken in Klassenzimmern deutlich zu reduzieren, nennen die Forschenden unter anderem folgende Punkte:

Das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen kann durch keine technische Lüftungsmaßnahme ersetzt werden. Die Masken sollten von allen während des gesamten Unterrichtes getragen werden - möglichst auch von Lehrpersonen, die laut sprechen müssen, was einen besonders großen Anteil an der Emission von Tröpfchen und Atemluftaerosolen bedingt.

Regelmäßige Fensterlüftung sorgt für einen wirksamen Abtransport von Atemluftaerosolen, was sich durch CO2- Messungen - etwa mit sogenannten »Ampeln« - überprüfen lässt. Im Mittel der Unterrichtsstunde sollten 1000 ppm CO2 nicht überschritten werden. Je näher die CO2-Konzentration in der Klasse dem Außenluftwert von etwa 400 ppm kommt, desto geringer sind Atemluftaerosolbelastungen und Infektionsrisiken.

Abluftventilatoren sind für die Frischluftzufuhr und wirksame CO2- und Atemluftaerosolreduktion langjährig erprobter Stand der Technik. Seipp und Steffens konnten die Wirkung der Abluftventilatoren strömungstechnisch und durch Intervallbetrieb wesentlich optimieren, so dass neben erhöhter Raumluftqualität und relevant geringerer Schallbelastung auch die Behaglichkeit im Winterbetrieb verbessert wurden. Die kurzfristig mit geringem Aufwand nachrüstbaren Abluftventilatoren sind förderfähig und nachhaltig, also auch über die Pandemie hinaus zur CO2-Reduktion nutzbar.

Prinzipiell einsetzbare mobile Luftreiniger haben den grundsätzlichen Nachteil, dass sie keine Frischluft in den Raum führen, CO2- und Schadstoffkonzentration also ansteigen. Zudem fallen durch den Betrieb hohe Filterkosten an. Weiterhin erzeugen sie im Umfeld ihres Standortes Zuglufterscheinungen und geben störenden Dauerschall ab. Ihre Anwendung ist daher ausschließlich auf eine Raumkategorie (»unzureichende öffnungsfähige Fensterfläche«) beschränkt. Insbesondere ersetzt der Betrieb mobiler Luftreiniger nicht die Notwendigkeit, im Unterricht weiterhin zu lüften, wenn die CO2-Konzentration die Schwelle von 1000 ppm überschreitet. Lösungsmöglichkeit mit Frischluftzufuhr sind mobilen Luftreinigern vorzuziehen.

Direkte Infektionen durch Einatmen von Tröpfchen und Aerosolen von Personen im Nahbereich sowie indirekte Infektionen durch Einatmen aerosolhaltiger Luft können laut den THM-Forschern am effektivsten durch das Tragen von Masken verhindert werden. Medizinischer Mund-Nase-Schutz (»OP-Maske«) stellt dabei den Mindeststandard dar, jedoch sind FFP2-Masken wirksamer. Alle Masken müssen Mund und Nase jeweils vollständig bedecken und dicht sitzen, um eine hohe Schutzwirkung zu erzielen.

Andere Maßnahmen wie Lüften, Lüftungstechniken oder mobile Luftreiniger ersetzen das Tragen von Masken während der Pandemie nicht; sie sind flankierend zum Schutz vor indirekten Infektionen gedacht. »Intensives Lüften, unterstützt durch Abluftventilatoren und CO2-Sensoren, kann aber eine zusätzliche Reduktion der Infektionsrisiken bewirken«, erläutert Prof. Dr. Seipp. Steffens ergänzt: »Eine wirksame Prävention kann nur durch die Kombination des Lüftens mit Masken und einer Teststrategie gelingen.«

Umsetzung und Kontrolle

Durch die empfohlene Bündelstrategie und deren konsequente Umsetzung und Kontrolle können die Infektionsrisiken im Präsenzunterricht an Schulen reduziert werden. »Aktuelle Anfragen an das Umweltbundesamt zeigen, dass es weiterhin großen Bedarf sowohl bei Betroffenen als auch bei den politisch Verantwortlichen an verlässlichen Informationen darüber gibt, was in der aktuellen Pandemie-Situation wirklich hilft und was bei den einzelnen Schutzmaßnahmen zu beachten ist«, ergänzt Dr.-Ing. Heinz-Jörn Moriske, Direktor und Professor am Umweltbundesamt. Und zieht für den Präsenzunterricht nach den Weihnachtsferien ein Fazit: »Nur durch eine sinnvolle Bündelung der Maßnahmen können wir den Schulbetrieb überhaupt weiter ermöglichen.«

Die komplette Stellungnahme ist im Internet unter folgendem Link zu finden: https://www.mpic.de/5099440/schulempfehlungen_infektionsprophylaxe_2021-12-14_v1-1.pdf.

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