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Schwamm drüber

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Überall ganz schön nass, aber tatsächlich doch ganz erholsam. Bahn frei im Hallenbad. Symbolfoto: dpa © Red

Ist das erholsam? Oder einfach nur nass? Ein Plädoyer für das Bad in turbulenten Zeiten.

Gießen. Dass man so schwimmen kann, war ihm ein Rätsel. Die Frau trieb wie ein Korken auf der Oberfläche. Die Spitze des Eisbergs, also der Oberkörper mit Hals und Kopf dran, ragte aus dem Wasser empor, nach unten fiel indes alles steil ab. Die Arme machten minimale Bewegungen, die jenen ähnelten, die beim Brustschwimmen einen nach vorne gleiten lassen, die Beine aber lagen nicht parallel zur Oberfläche, um den froschartigen Antrieb hervorzurufen, sie hingen herunter gen Kachelboden. Aber die Frau hatte die Füße nicht auf dem Boden, sie froschte voran, Meter um Meter. Und so ähnelte sie einem Korken auf dem Wellensaum. Wenn das geht, dachte er bei sich, dann ist Jesus vielleicht doch übers Wasser gelaufen.

Mein Freund K. hat beschlossen, seine freien Tage auf eine für ihn bis dato ungewöhnliche Art zu nutzen. Er geht ins Hallenbad. Dreimal war er schon dort. Früher, als die Kinder noch klein waren, war das mal freudige, mal lästige Pflicht. Auf alle Fälle gab es viel zu schauen, aufzupassen und zu tun. Reinspringen, wenn man nicht wollte, rausgehen, wenn man gerade drin war, klebrige Badeklamotten von kleinen Menschen schälen, die abwechselnd nach Toilette, Currywurst oder Eis am Stiel riefen. Eigentlich hasste K. Bäderbesuche. Duschen kann man zuhause, baden in der Wanne ist langweilig und im Sommer im Freibad stechen im Klee versteckte Bienen in die Füße, testosterongesteuerte Jugendliche springen einem aus drei Metern Höhe auf den Kopf, im Nichtschwimmerbecken mischt sich Kinderurin mit Sonnenmilch-Fettfilmen und zwischen den Zehen klebt Erdreich, bis man sich unter der viel zu kalten Brause abgeduscht hat, und dann direkt danach in einen verramschte Tüte Pommes mit Ketchup-Resten tritt. Man könnte noch meterweise Material anhäufen, was alles nicht stimmt an dem zivilisatorisch sehr fragwürdigen Freiluftzoo mit Wasserstellen drin, aber das soll’s erst mal gewesen sein.

Denn das Hallenbad gibt’s ja auch noch, es birgt ganz eigene Schrecken. Zum Beispiel jene wie Korken auf der Oberfläche treibende ältere Damen, denen man als leidlich guter Schwimmer beistehen will. Die das aber gar nicht brauchen, weil Schwimmen offenbar keine Kunst ist, sondern nur ein schnödes Treiben, wie der Korken zeigt.

Überhaupt, so sagte K. immer, sind da im Hallenbad am helllichten Tag nur Rentner oder Elternzeiteltern mit kreischenden Kindern. Erholung? Gehts noch? Hallenbäder sind chlorifizierte Fußpilzverbreitungsanlagen, in deren engen Umkleidekabinen kein Flecken trocken bleibt und einem in jenem Moment, da man nur noch Socken und Schuhe anzuziehen hat, einer der beiden Strümpfe in die Wasserlache fällt, die die zuvor herab geglittene Badehose hinterlassen hat. Murphys Law ist für Schwimmbäder geschrieben. Das auf die Butterseite fallende Brot ist nichts dagegen.

K. erinnert sich an eine Geschichte, die er über einen Langstreckenschwimmer gelesen hatte. Der nannte sein morgendliches Kilometerschrubben im örtlichen Hallenbad Kacheln zählen, war froh, wenn er in einem Baggersee in der Umgebung sich fürs Training zu Wasser lassen konnte. Er trainierte, um 25 Kilometer zu bewältigen. Eine frivole Vorstellung. 25 Kilometer im Wasser? Und man kann nicht einmal das Fahrrad nehmen. K. hätte das nicht gekonnt. Schon nach zwei, drei Bahnen im Hallenbad fühlt sich sein Dasein seltsam verwässert an. Das Schwimmen führte ihn stets in eine anödende Haltlosigkeit, es gab nichts zu tun, nichts zu fassen, Wasser hat keine Balken. Und wenn er auch noch versehentlich einen Schluck nahm von der Chlorbrühe, die eine ganz eigene Wirkung im Rachenraum entfaltet, dann hatte es sich rasch ausgespaßt.

Aber dies ist ja auch die Geschichte von Ks Verwandlung, von wegen Wasser zu Wein und so. Und Rentner müssen schließlich wissen, was sie tun. Denn es gab ja noch die andere Seite. Denn im Grunde und am Grunde schwamm er schon immer gerne. Schwamm drüber. Aber nur in Flüssen, ein bisschen in Seen, vor allem aber im Meer, was aber nie ein Schwimmen war, sondern mehr ein in und unter und mit den Wellen gleiten. Umso höher die Woge, desto größer der Spaß. Einmal auf den Kanaren war er weit rausgezogen worden, da hätte er sich gewünscht, ein Korken zu sein, der auf dem Wasser treiben könne. Mit letzter Kraft hatte er es zurück geschafft. Bei im jugendlichen Leichtsinn durchquerten Baggersee war es ein Wadenkrampf, der ihn fast versenkt hätte in den Schlamm. Hinab zu Schleie und Spiegelkarpfen. Aber es ist gut gegangen. Wasser marsch.

Und nun, im gesetzteren Alter, kam K. auf die Idee, in diesem pandemischen Winter in der Frühe ins Bad zu fahren. Und sah dort die Korkenfrau treiben. Gemächlich zogen neben ihr ältere Herrschaften ihre Bahnen, im Kleinkinderbecken plantschten und platschten nur ein paar Nachwuchsschwimmer mit ihren Müttern. Viel Platz allüberall, eine angenehme Temperatur zu Wasser und zu Lande, kein Lärm, der von draußen nach drinnen drang, nur ab und an ein Plätschern, dann und wann ein Frischluftgebläse. Dazu dieses erhebende Gefühl, mit den betriebsblinden Augen (die Brille lag im Spind) die Welt nur verschwommen sehen zu können. Das reicht, so sagte er sich, in diesen Zeiten.

Draußen trübte der Morgen reichlich unentschieden, was aus ihm an diesem Tag noch werden sollte. Es regnete. Ja, überall ist Wasser. Und wir selbst bestehen wie die Gurke auch hochprozentig daraus. K. glitt mit diesen Gedanken ins Becken und schwamm Bahn um Bahn, das hatte er so ausgedehnt noch nie gemacht. Zwischendurch ertappte er sich bei dem Gedanken, dass er alle Rentner überholen wolle, aber er schwamm drüber, das war ja Unsinn. Immer dieser Wettkampfgedanke.

Auch die tiefliegende traumatische Erfahrung, alle rundum seien mit Badekappen ausgestattet, ist längst obsolet. Die Badekappenzeiten sind vorbei, heute darf jeder seine Haare verlieren, wie er will. Wir schwimmen einfach in Dauerwellen. So glitt K. durch das Wasser, duschte sich ab, lag auf der Liege, las ein Buch, ließ sich vom Massagesessel für zehn Minuten á zwei Euro begrapschen, schwamm eine Abschlussrunde und beschloss, mir das alles zu erzählen.

Ich könne ja eine kleine Story daraus machen, ist zwar kein Sport, aber vielleicht habt ihr ja ein trockenes Plätzchen dafür? Denn, so sagte er, das ist doch auch ein Plädoyer für den Erhalt all der kleinen Hallen- und Familienbäder. Jetzt werde aber nicht so kommunalpolitisch, bremste ich ihn aus. Aber gut, ich versuch’s. Denn es stimmt: All die Bäder dürfen niemals untergehen. Und sei es nur, damit die Korken weiter schwimmen.

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