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Schwere Kost mit leichtem Strich

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Von: Eike Zimmermann

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Der Zeichner und der Wissenschaftler führen gemeinsam durch den Comicband. Repro: Verlag © Red

Dass es um unser Klima arg kritisch steht und die Menschheit längst in Zugzwang geraten ist, da die Erde zwar letzlich ohne uns auskommt, wir aber nicht ohne sie, hat nun mittlerweile doch der größte Teil der Menschheit verstanden. Bloß, wie man dem Umstand des Klimawandels begegnen soll, welche Handlungen nötig sind, darum wird immer noch gestritten.

Erhellende, beziehungsweise teils finstere Einblicke auf das aktuelle Klimageschehen, die anstehenden Folgen und die möglichen Strategien, dem Wandel zu begegnen, bietet der Comic »Welt ohne Ende«, eine Kooperation des Energie- und Klimaexperten Jean-Marc Jancovici und des Zeichners Christophe Blain, die beide auch als Protagonisten durch den Comic führen. Blain wird dabei die Rolle des kritischen Fragestellers zuteil, dem der Wissenschaftler ausführlich und anschaulich antwortet. Dabei ist »Comic« eigentlich eine unausreichende Bezeichnung für das fast 200 Seiten starke Werk. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Art »Was ist Was«-Buch für die Großen, eine »Sendung mit der Maus« für Erwachsene. Und dementsprechend steht der Leser der Wucht geballter Information gegenüber, die auf den ersten Blick keine leichte Kost ist, welche man mal eben so nebenbei wegschmökert.

Aber die spannende und außerordentlich komplexe Thematik wird dabei zur unterhaltsamen und äußerst informativen Lektüre zu einem Gebiet, welches sich auf globaler Ebene viel differenzierter auffächert als der Laie vermutet. Dank des lockeren Strichs und der Erzählweise von Blain wird das Thema aber nicht ohne Humor vermittelt, wenn er in seinen Zeichnungen die Maschinen der Welt mit dem Anzug des »Ironman« gleichsetzt, welcher sich, um zu funktionieren, die Ölfässer gleich per Strohhalm palettenweise einverleibt und somit die Energiegrundlagen und unsere Abhängigkeiten von Öl, Gas und Kohle erklärt.

So startet der Band beim Energieverbrauch der modernen Menschen, der aktuell einer Situation entspricht, als hätte jeder Mensch 200 Sklaven, welche ununterbrochen für ihn schuften, um für Licht, Wärme, Transport, Nahrung und Unterhaltung zu sorgen. In Deutschland hätte, in Energie umgerechnet, übrigens jeder Einwohner sogar 500 Sklaven! Woher also die ganze Energie? Jancovici zeigt die Entwicklungen auf, erklärt die Zusammenhänge, nimmt historische Bezüge und macht auch vor Ausflügen ins menschliche Hirn nicht halt, um aufzuzeigen, dass die kognitive Dissonanz, also sozusagen die Realitätsverleugnung und das widersprüchliche Handeln zum eigentlichen Wollen, tief in uns verankert ist.

Und bei fast allem, was Jancovici zur Klimarettung vorschlägt, von der Reduktion des Fleisch- und Warenkonsums, der Verkleinerung des Wohnraums und der Kraftfahrzeuge wird der Leser - vermutlich ungern, aber doch einsichtig - auf seiner Seite sein. Doch dann stellt er die Frage, wie grün die grünen Energien wirklich sind und bringt tatsächlich die Atomkraft ins Spiel, was für viele Leser, jedenfalls in Deutschland, womöglich ein Sakrileg darstellt. Jedoch lohnt es sich unbedingt, sich den Argumenten des Klimaforschers zu stellen und sie sacken zu lassen, auch auf die Gefahr hin, dass man dabei Magengrimmen bekommen kann und die eigene Sicht der Dinge vielleicht leichte Risse. Denn »Welt ohne Ende« ist eine spannende, wichtige und teilweise kontoverse Lektüre für jeden, der über morgen hinausdenkt.

Jean-Marc Jancovici, Christophe Blain: Welt ohne Ende. 196 Seiten. 39 Euro. Reprodukt.

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