1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Seelische Abgründe hinter Idylle

Erstellt: Aktualisiert:

gikult_muellerin_140622_4c
Bernhard Berchtold (rechts) und sein Klavierbeleiter Wolfgang Wels im Stadttheater. Foto: Schmitz-Albohn © Schmitz-Albohn

Gießen. So munter und launig geht es nicht oft bei Liedermatineen zu: Arm in Arm und fröhlich singend wie zwei Wandergesellen traten Bernhard Berchtold und sein Klavierbeleiter Wolfgang Wels am Sonntagvormittag vor ihr Publikum und animierten es, zunächst einmal gemeinsam »Das Wandern ist des Müllers Lust« zu singen. Das Publikum tat gerne mit, während heller Sonnenschein das Foyer des Stadttheaters mit sommerlichem Licht flutete.

Stimmungsvoller hätte der Auftakt zu Franz Schuberts Liederzyklus »Die schöne Müllerin« nicht sein können.

Und so blieb es auch in den folgenden 70 Minuten, in denen Berchtold seine Qualitäten als lyrischer Tenor auf sympathische Weise unter Beweis stellte und der unglücklichen Liebe des Müllerburschen in stets neuen Varianten ebenso gefühlvoll wie anteilnehmend Ausdruck verlieh. Im Stadttheater war der Sänger in dieser Spielzeit bereits als Solist in Haydns »Schöpfung« und als Male Chorus in Brittens »Lucretia« zu erleben. Nun zeigte er auf dem intimen Terrain des Liedsängers, dass bei Schubert hinter der scheinbaren Wanderer-Idylle, hinter romantischer Schwärmerei und Erregung seelische Abgründe lauern.

Vergebliche Liebesmüh, Schmerz, Enttäuschung und Todessehnsucht, all dies ist in den eingängigen, volksliedhaften Melodien wunderbar Klang geworden. Mit klarer Diktion und feiner, hellklingender Stimme spürte der Sänger in jedem einzelnen Lied den Seelenregungen des verliebten Müllerburschen nach - von der Euphorie und dem Überschwang in »Ungeduld«, »Morgengruß« und »Mein!« bis zur tiefsten Verzweiflung in »Trockene Blumen« und »Des Baches Wiegenlied«. Besonders wohltuend war dabei, dass er nicht in übertriebene Dramatik verfiel, um eben jene Regungen nachzuzeichnen, sondern stets dezent und somit lyrisch blieb - wohl wissend, dass zuviel Dramatik Gift für die innere Handlung wäre.

Wichtigster Partner des Müllers ist der Bach, dessen wellenförmige Bewegung in rastloser Unruhe den Klavierpart durchzieht. Der Pianist Wolfgang Wels, Kapellmeister und Studienleiter am Stadttheater, erwies sich jederzeit als zuverlässiger Begleiter, der mitdenkt, mitfühlt und den schier unbegrenzten Variationsreichtum Schuberts zum Klingen brachte. So spiegelte sich in den verschiedenen Erscheinungsbildern des Baches die jeweilige psychische Verfassung des Müllers wider. Und da ließ Bernhard Berchtold die Zuhörer im leichten Ton mitfühlen, wie der Bach rauscht (»Wohin?«), wie in Gedanken und dem innigen Liebesgesang des Müllers die schöne Müllerin zum ersten Mal die Szene betritt (»Danksagung an den Bach«) und wie ihm der Bach Worte des Trostes spendet (»Der Müller und der Bach«).

Zu eindringlicher Wirkung steigerte sich die insgesamt bewegt-bewegende Darbietung des Duos noch einmal zum Abschluss in »Des Baches Wiegenlied«, in dem der Selbstmörder Abschied vom Leben und von der Liebe nimmt, »bis das Meer will trinken die Bächlein aus«. Das Publikum im vollbesetzten Foyer dankte den beiden Musikern mit herzlichem, langanhaltendem Applaus.

Auch interessant